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Wirtschaft

Japans "Freeter" suchen Freiheit

Immer häufiger verzichten junge Japaner auf ein geregeltes Einkommen und springen lieber von einem Teilzeitjob zum nächsten. Als "Freeter" streben sie nach Unabhängigkeit - und schwächen das japanische Rentensystem.

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Shoppen statt jobben:
Japans Jugend sucht neue Wege

Japans Wirtschaft reagiert auf die schlechte Konjunkturentwicklung im Land: Statt Vollzeitstellen setzen die Unternehmen häufig auf Teilzeit- und Aushilfskräfte, mit denen die Personalkosten drastisch reduziert werden können. Die neuen Arbeitsangebote kommen den so genannten "Freetern" entgegen, von denen es in Japan – je nach Schätzung – zwischen zwei und vier Millionen geben soll.

Freeter sind junge Menschen, die nicht als Angestellte arbeiten wollen, sondern lieber nach Lust und Laune einer Tätigkeit als Gelegenheitsarbeiter nachgehen: "Das ist eine soziokulturelle Erscheinung", sagt Jeanette Behaghel vom Lehrstuhl Modernes Japan an der Universität Düsseldorf, "der japanischen Jugend geht es zwar überwiegend gut, aber die Zukunftsperspektiven sind inzwischen deutlich schlechter geworden."

"Auffang-System"

Weil die Japaner zunehmend auf wirtschaftliche Probleme stoßen, spürten sie nicht mehr das "Auffang-System" der früheren Jahre: "Das System ist nicht mehr rund. Der persönliche Weg der Japaner war lange Zeit vorgegeben. Wenn es Probleme gab, dann kümmerte sich die Firma darum und half bei der Suche nach einer Lösung. Das klassische Bild, das die Menschen von Japan hatten, hat sich längst verändert", erklärt die Wissenschaftlerin.

Günther Distelrath, Japanologe an der Universität Bonn, beschreibt die Freeter als eine "Jugendkultur", die sich – im Gegensatz zu den Eltern und Großeltern – nicht mehr fest an einen Arbeitgeber binden will: "Diese Gruppe stellt ein komplettes Gegenmodell zur bisherigen Gesellschaftsform dar." Dabei stünden Freizeit und Freiheit im Vordergrund und weniger ein hohes oder sicheres Einkommen. Traditionelle Werte wie Loyalität gegenüber dem Unternehmen und Kollektivität haben im modernen Japan einen geringeren Stellenwert als früher.

Freie Arbeit

Freeter ist eine Mischung aus dem englischen Wort "free" und dem deutschen Wort "Arbeiter". Von freier Arbeit kann so mancher Freeter allerdings nur träumen. Nach Ansicht von Professor Tatsuro Hanada von der Universität Tokio ist häufig auch eine "Fehlübereinstimmung im Arbeitsangebot" ein Grund für die Tätigkeit als Freeter. Mit anderen Worten: Wer keinen Job findet, wird unfreiwillig zum Freeter.

Straßenszene in Tokio

Japans Gesellschaft ist im Umbruch

Japan macht sich indes große Sorgen angesichts der zunehmenden Zahl von jugendlichen Aussteigern. Nach einer jüngst vorgestellten Studie der japanischen Regierung stieg die Zahl der Arbeitslosen im Alter von 15 bis 34, die sich weder um eine geregelte Beschäftigung bemühen noch sich weiterbilden, im Jahr 2003 um 40.000 auf 520.000 Betroffene.

Die Regierung befürchtet nun eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes, weil sich der Berufsnachwuchs nicht mehr ausreichend fortbilde. Der Appell ist daher eindeutig: Junge Menschen sollten sich künftig stärker darum bemühen, mit anderen zu kommunizieren. Außerdem sollten sie intensiver lernen, sich zudem beruflich qualifizieren und das Verantwortungsgefühl stärken.

Rentensystem

Erschwert wird die Situation durch ein zusätzliches Problem, mit dem Japan sich auseinandersetzen muss: das schwindende Vertrauen in das Rentensystem. Nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums werden die Einwohner immer älter. Noch in diesem Monat werden mehr als 23.000 Bewohner des Landes älter als hundert Jahre sein, das seien zwölf Prozent mehr als noch vor einem Jahr, so das Ministerium.

In Zukunft müssen die Japaner deshalb höhere Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, erhalten später jedoch geringere Leistungen. Angesichts dieser ungünstigen Prognosen sehen die Freeter oft keinen Anreiz, Beiträge für die Rentenkasse zu entrichten: "Es gibt zwar eine Pflicht-Grundrente in Japan, aber viele versuchen nun, sich aus dem System herauszuhalten", zieht Jeanette Behaghel ein düsteres Fazit für die Zukunft.

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