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Wirtschaft

Japan verunsichert die Weltwirtschaft

Der "Schwarze Schwan" steht für etwas Unvorstellbares, das doch Realität geworden ist - wie die Katastrophe in Japan. Für die Weltwirtschaft, vor allem aber für China, bedeutet er nichts Gutes.

Symbolbild Schwarzer Schwan (Grafik: DW)

Die mit ihm gerechnet haben, wurden gerne überhört

Auch die Finanzmarktkrise war ein typischer "Schwarzer Schwan", sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt von UniCredit: "Weil keiner damit gerechnet hat, dass so eine lang etablierte Investmentbank wie Lehman Brothers überhaupt pleitegehen kann. Und es hat auch niemand damit gerechnet, dass es dann so enorme Auswirkungen hat weltweit." Kein Ökonom hat nach der Lehman-Pleite vorausgesagt, dass die Wirtschaft in Deutschland im darauffolgenden Jahr um fünf Prozent schrumpfen und dass auch die Weltwirtschaft zurückgehen würde, zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wiederholt sich das Ganze im Falle Japans? Kurz nach dem Erdbeben und dem Tsunami gingen die meisten Ökonomen hierzulande von einem "Basisszenario" aus: Ausfall der Produktion, Unterbrechung der Wertschöpfungskette und Einbruch beim Konsum. Diese Verluste würden jedoch bereits nach drei Monaten durch den Wiederaufbau wettgemacht. Deutschland und die Weltwirtschaft würden mit einem blauen Auge davonkommen.

Umdenken unter den Ökonomen

Jürgen Matthes vom Insitut der deutschen Wirtschaft in Köln (Foto: IW)

Jürgen Matthes vom Insitut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW)

Doch die Explosionen im Atomkraftwerk Fukushima und die unaufhaltsam auf Tokio zuziehende radioaktive Wolke haben dazu geführt, dass die Aussagen der Ökonomenzunft vorsichtiger geworden sind. So sieht Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) die Gefahr, dass Lieferketten unterbrochen werden, wenn die Produktion für längere Zeit still liegt: "Wir wissen, dass Japan gerade bei elektronischen Bauelementen ein wichtiger Lieferant weltweit ist und viele Staaten auf diese Teile angewiesen sind. Sie werden sich so schnell nicht ersetzen lassen können." Das betreffe auch die deutsche elektrotechnische Industrie oder auch möglicherweise den Maschinenbau.

China stärker betroffen

Andreas Rees, Chefvolkswirt von UniCredit (Foto: UniCredit)

Andreas Rees, Chefvolkswirt von UniCredit

Viel stärker würde jedoch China betroffen, meint Matthes, denn Japan exportiere 20 Prozent seiner Waren nach China, lasse sie da teilweise weiter verarbeiten und von dort weiter in alle Welt verkaufen. Diese negativen Effekte treffen die Wachstumslokomotive China zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. UniCredit-Chefvolkswirt Andreas Rees: "Wir haben jetzt eine gewisse Verlangsamung schon gesehen, insbesondere durch den Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Die chinesische Zentralbank hat mittlerweile spürbar die Zinsen erhöht, Mindestreservesätze und Kreditquoten sind angehoben worden, und jetzt kommt Japan noch dazu." Der Schlüssel in der Realwirtschaft sei sicherlich China, so seine Schlussfolgerung.

Börsencrash schadet vor allem den USA

Symbolbild Börsencrash in Japan (Grafik: DW)

Turbulenzen an den Börsen können schnell in Realwirtschaft umschlagen

Während die Auswirkungen auf die Realwirtschaft handfest sind, kann man psychologische Effekte vorerst nur fühlen. Rees nennt sie "CNN-Effekt". Aufgrund der schrecklichen TV-Bilder aus Japan trübe sich die Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten weitweit spürbar ein. Dieser Effekt kann aber schnell auf die Realwirtschaft abfärben, wenn die Unternehmen Investitionen stoppen und Konsumenten Zurückhaltung üben.

Die Schwankungen an den Börsen und Finanzmärkten könnten auch Rückwirkungen auf die Realwirtschaft haben, meint IW-Experte Matthes, weil an den Aktienmärkten Vermögen gehandelt werden: "Durch Kursverluste wird Vermögen vernichtet, und das kann negative Auswirkungen auf die Konsum- und möglicherweise auch Investitionsbereitschaft haben und die Nachfrage dämpfen." Unter den Turbulenzen an den Finanzmärkten leiden vor allem die USA, da dort Vermögen besonders stark in Aktienform gehalten wird.

Schuldenkrise in der Eurozone könnte sich verschärfen

Tafel an der Tokioter Börse zeigt den Anstieg der japanischen Währung (Foto: AP)

Yen auf dem Höhenflug

Ein weiterer Dominoeffekt könnte bald die Eurozone treffen. Japanische Versicherer und andere Investoren haben viel Geld im Ausland angelegt. Allein in der EU befinden sich 800 Milliarden Euro Anleihen in japanischem Besitz. Für den Wiederaufbau brauchen die Japaner bald sehr viel Geld. "Dieses Kapital im Ausland könnte dann repatriiert werden, und da ist halt ein ganz erheblicher Batzen in der Europäischen Union und auch in den Peripheriestaaten angelegt", sagt Andreas Rees. Und wenn hier Geld abgezogen werde, dann könnte es sein, dass die Renditen in den Ländern wieder ansteigen. "Und im schlimmsten Fall wird die Schuldenkrise dadurch noch mal verschärft", so Rees weiter. In Erwartung dieser Entwicklung war der japanische Yen bereits auf Rekordhöhen geklettert, schlecht für das exportabhängige Land.

Dennoch keine weltweite Rezession erwartet

Doch im Moment schaut Japan und mit Japan die ganze Welt nur auf Fukushima und hofft, dass die befürchtete Atomkatastrophe noch abgewendet werden kann. Auch wenn es zum Super-GAU kommt, gehen beide Experten nicht davon aus, dass dann eine weltweite Rezession ausgelöst wird. Denn Japan ist ein Nettoexporteur und kein Nettoimporteur. Mit anderen Worten: Wenn die Binnennachfrage in Japan einbricht, sind in erster Linie die eigenen Firmen betroffen.

Zu sicher kann sich die Weltwirtschaft jedoch nicht wähnen - denn wer weiß, wo der nächste "Schwarze Schwan" lauert.

Autorin: Zhang Danhong
Redaktion: Rolf Wenkel

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