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Wirtschaft

Keine Weltrezession wegen Japan

Nicht nur die Bevölkerung, auch die Wirtschaft Japans ist schwer von den Katastrophen geschlagen. Wie schwer ist noch nicht bezifferbar. Aber es gibt erste Einschätzungen über die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

(Grafik: DW)

Während die menschliche Tragödie in Japan nicht zu messen ist, machen sich die ersten Experten Gedanken über die wirtschaftlichen Folgen. Vor allem stellt sich die Frage: Könnte die Katastrophe neue Schockwellen für die Weltwirtschaft auslösen, die sich gerade aus der Finanzkrise gestrampelt hat? Immerhin war Japan bis 2009, gemessen an seiner Wirtschaftskraft, das zweitgrößte Land und ist seitdem immer noch die Nummer drei nach den USA und China. Vor allem ist der Außenhandel Japans mit dem Rest der Welt sehr hoch. Etwas mehr als die Hälfte der Exporte gehen in asiatische Länder und 45 Prozent der Importe kommen aus Asien.

Das japanische Atomkraftwerk Fukushima vor der Katastrophe (Foto: AP)

Nicht nur aus Fukushima kommt derzeit kein Strom mehr

Japan ist ein Industrieland mit global agierenden Herstellern in der Auto- und Elektronikbranche sowie dem Maschinenbau. Zwar hat die Region, die besonders vom Erdbeben und der Tsunami-Welle getroffen wurde, nur ein geringes wirtschaftliches Gewicht. Aber durch die vorübergehende Schließung von Fabriken und Erdölraffinerien und das Abschalten von Atomkraftwerken ist die Produktion landsweit betroffen. So liefern die japanischen Atomkraftwerke zurzeit nur noch die Hälfte des Stroms, den sie vor dem Beben bereitstellten. Und auch wenn so manche Fabrik nicht direkt Schaden genommen hat - zum Teil sind sie indirekt betroffen, wenn wichtige Vorprodukte nicht geliefert werden, weil bei Zulieferern die Produktion still steht.

Landesweite Produktionsausfälle

Der weltgrößte Autobauer Toyota stellte am Montag (14.03.2011) den Betrieb in allen seinen zwölf Fabriken in Japan ein. Auch Nissan stoppte die Produktion in seinen vier Autofertigungsstandorten. Viele Unternehmen, von Honda über Canon, Sony und Panasonic bis hin zu Ölraffinerien und Stahlherstellern, haben Medienberichten zufolge Schäden gemeldet und zum Teil die Produktion eingestellt. Wie groß aber der gesamtwirtschaftliche Schaden ist, lässt sich angesichts der Schwere und Komplexität der Katastrophe noch nicht sagen, heißt es beim weltgrößten Rückversicherer Munich Re.

Keine neue Rezession befürchtet

Schiffe wurden an Land gespült, Hachinohe, Japan (Foto: AP)

Schiffe wurden einfach an Land gespült

Trotzdem geht Commerzbank-Analyst Wolfgang Leim davon aus, dass es erstmal nicht zu einem Rückfall in eine Rezession kommen wird. Wie auch nach großen Streiks würden die Unternehmen Produktionsausfälle aufholen, meint Leim. Hinzu kommt, dass Teile der Produktion in ausländische Werke verlagert werden können. Außerdem komme der Wirtschaft zugute, dass Japan eine gewisse Routine im Wiederaufbau nach Naturkatastrophen habe, so der Heidelberger Japanologe Harald Fuess. Auch der Chefvolkswirt der Unicredit, Andreaas Rees, geht davon aus, dass es zwar in den nächsten zwei, drei Monaten einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsaktivität in Japan geben wird. Danach werde dieser Effekt aber kompensiert.

Verglichen wird die Situation von vielen Experten mit dem großen Erdbeben im japanischen Kobe 1995. Damals wurde ebenfalls kurzfristig die Produktion landesweit lahmgelegt. Aber die Ausfälle konnten schon in wenigen Monaten wettgemacht werden. Allerdings sind die Schäden diesmal wesentlich höher als damals. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise weist aber darauf hin, dass Japan sehr gut versichert ist.

Wiederaufbau kurbelt Nachfrage an

Optimistisch für die Wirtschaft äußerte sich der japanische Premierminister Naoto Kan. Er erwartet, dass die Nachfrage mittelfristig durch den Wiederaufbau ansteigen wird. Japan würde dann sogar einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, wie es die Vereinigten Staaten unter dem "New Deal" von Präsident Franklin Delano Roosevelt in den dreißiger Jahren erlebt hatten.

Die größte ökonomische Sorge gilt kurzfristig dem Finanzsystem. Um das Geldsystem am laufen zu halten, pumpte die japanische Notenbank Milliarden in den Finanzmarkt. Sie werde ihr Programm zum Wertpapierkauf auf etwa 350 Milliarden Euro aufstocken, teilte die Bank am Montag mit. Das ist das größte Notfallprogramm, das je von der Bank von Japan aufgelegt wurde. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Leitzinsen bei praktisch null zu belassen. "Die Produktion wird wahrscheinlich für einige Zeit schrumpfen", begründete die Zentralbank ihren Schritt. "Wir sind auch besorgt, dass sich die Stimmung in der Geschäftswelt und bei Verbrauchern verschlechtern könnte." Durch die Nullzinspolitik können sich Geschäftsbanken zu einem Leitzins von 0 bis 0,1 Prozent mit Geld eindecken. Bei Banken in Japan standen laut Mitteilung der Zentralbank schon am Wochenende Kunden Schlange, um Geld abzuheben.

Langfristig drückt der Schuldenberg

Japaner im Altenheim (Foto: dpa)

Immer mehr Alte werden konsumieren statt Staatsanleihen zu halten

An den Finanzmärkten war Japan auch schon vor dem Beben stark unter Druck. Das Land ächzt unter einer Schuldenlast, die doppelt so groß ist wie die Wirtschaftsleistung eines Jahres. Hinzu kommt die immer älter werdende Bevölkerung, die in Zukunft weniger sparen und verstärkt konsumieren wird. Wenn sie dann nicht mehr wie bisher die Anleihen der Regierung zu niedrigen Zinsen kauft, wird sich Japan auf internationalen Finanzmärkten zu wesentlich höheren Zinsen verschulden müssen. Bereits im Januar hatte die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonität japanischer Staatsschulden um einen Schritt auf AA- reduziert. Diese Verschuldung wird sich wahrscheinlich noch durch die anstehenden Wiederaufbauarbeiten erhöhen und damit die Situation verschärfen.

Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz meint im Gespräch mit DW-WORLD.DE, dass die japanische Regierung die Beseitigung der Schäden über Steuererhöhungen finanzieren sollte, damit die Staatsverschuldung nicht noch weiter in die Höhe schnellt. Er rät: "Wenn man so etwas macht, dann muss man das relativ schnell machen, denn jetzt ist die Akzeptanz der Bevölkerung, für Steuererhöhungen vor dem Hintergrund der schrecklichen Bilder natürlich entsprechend groß."  

Und die Weltwirtschaft?

Wolfgang Franz vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Foto: dpa)

Wolfgang Franz fürchtet keine weltweite Rezession

Kein Grund zur Panik: Eine erneute globale Rezession befürchte er nicht, "auch nicht eine deutliche Konjunkturabschwächung hierzulande", sagte der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz gegenüber DW-WORLD.DE. Eine indirekte Wirkung könne aber von sogenannten Drittlandeffekten ausgehen: Länder, deren Exportanteil nach Japan sehr hoch sei und die demzufolge zumindest kurzfristig in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, könnten ihre Importe aus Deutschland zeitweilig zurückfahren, sagte Franz. Dies sei aber sehr schwer zu beziffern und "vermutlich eine temporäre Erscheinung", so Franz.

Auch Allianz-Ökonom Michael Heise sieht nicht die Entwicklung in Japan, sondern die weltweit explodierenden Rohstoffpreise und die Schuldenkrise in Europa als die entscheidenden Gefahren für die Weltwirtschaft. Auch profitiere die Weltwirtschaft von der unerwartet kräftigen Erholung vieler Volkswirtschaften im vergangenen Jahr. Vor allem die asiatischen Handelspartner der Exportnation Japan befänden sich in einem starken und selbsttragenden Aufschwung. "Das hilft natürlich auch Japan."

Auch Deutschland sei eher wenig betroffen. "Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern sind dafür zu schwach ausgeprägt", sagte Stefan Kooths, Konjunkturexperte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Weniger als zwei Prozent der deutschen Waren gehen nach Japan und Deutschland bezieht weniger als drei Prozent seiner Waren aus Japan. Auch gebe es in Japan kaum Produktionsstandorte, von denen deutsche Unternehmen betroffen sind. "Das schließt aber natürlich nicht aus, dass es einzelne Unternehmen in Deutschland trifft, die sich in Japan sehr stark engagiert haben, die jetzt zunächst einmal temporär vor großen Schwierigkeiten stehen", sagt der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz im Gespräch mit DW-WORLD.DE.

Was die Welt längerfristig zu spüren bekommen wird, wird ein höherer Ölpreis sein. Denn Japan hat als drittgrößter Ölimporteur weltweit einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Markt. Zwar sank der Ölpreis nach der Katastrophe in Japan erst einmal, denn wegen der Produktionsausfälle, sank auch die Nachfrage nach Öl. Längerfristig könnte der Ölpreis aber steigen, weil die Produktion wieder anlaufen wird - mit weniger Atomstrom und mehr Öl als bisher.

Autor: Insa Wrede (dpa, dpad, rtrd)
Redaktion: Rolf Wenkel

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