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Wirtschaft

Japan kommt wieder

Fast unbemerkt vom Rest der Welt meldet sich Japan aus seiner zehnjährigen Dauerkrise zurück. Noch gibt es aber Zweifel, ob die Erholung von Dauer ist.

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Neuer Schwung für die Welt-Wirtschaftsmacht Nummer Zwei?

Seit Monaten treten die Japaner nicht mehr in ihrer Dauerrolle als "asiatischer Patient" auf: Im ersten Quartal 2003 ist ihre Wirtschaft um 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Die Finanzwelt lobte das als "positive Überraschung in der aktuellen Weltwirtschaftsflaute". Als dann die Statistiker aus Tokio auch für das zweite Quartal ein Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,3 Prozent meldeten, waren die meisten Konjunktur-Orakler ernsthaft verblüfft.

Selbst Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hatte die Japaner nicht auf seinem globalen Radarschirm: Er stehe vor einem Rätsel, gab der renommierte Konjunkturforscher zu, diese Entwicklung habe er nicht vorausgesehen. Optimisten wie der Chefvolkswirt von Merril Lynch in Japan, Jesper Koll, fühlen sich dagegen bestätigt. Koll sieht "eine neue Zuversicht durch Japan schweben". Die Japaner demonstrieren neues Selbstbewusstsein - und zahlen ihren Preis.

Gürtel enger schnallen

Panoramabild von Tokio Hochhäuser

Nach Jahren der Dauerkrise und Deflation hat sich die Mehrheit der Japaner damit abgefunden, dass die anstehenden Reformen allen Opfer abverlangen. Die Gewerkschaften treten seit zwei Jahren für längere Arbeitszeiten und Lohnkürzungen ein, um Jobs zu retten. Die Rentner haben ohne Protest hingenommen, dass sie erst später in den Ruhestand gehen und weniger Rente bekommen werden.

Selbst leitende Angestellte in der Industrie mussten in den beiden vergangenen Jahren Einkommensverluste von bis zu 40 Prozent verdauen. Und die drastische Erhöhung der Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen wurde ohne größere Verzögerung im Parlament abgenickt. Durch Börsencrash und Immobilienkrise sind zwar gigantische Werte vernichtet worden – doch nach Jahren der Krise scheinen die Japaner um eine tiefgreifende Depression gerade noch einmal herum gekommen zu sein.

Mit 140 Prozent des Bruttoinlandprodukts ist die Staatsverschuldung Japans rund doppelt so hoch wie in Deutschland. Anders als Hans Eichel muss sich aber der japanische Finanzminister keine grauen Haare wachsen lassen - für ihn gibt es keine "Drei-Prozent-Hürde", wie sie für die Eurozone als Obergrenze der Neuverschuldung festgelegt ist. Und weil die staatlichen Schatzbriefe zu über 80 Prozent im Inland verkauft wurden, ist Japan nahezu frei von Auslandsschulden.

Konjunkturoptimismus mit Hindernissen

U-Bahn in Tokio

Motto für Wirtschaft und Banker: Nicht steckenbleiben!

Dass die japanische Wirtschaft auf Erholungskurs ist, das bestreitet niemand. Die Frage ist nur, ob die Erholung von Dauer ist. Bereits in früheren Jahren hatten die Japaner mit beachtlichen Zuwachsraten aufgetrumpft, doch regelmäßig war die Wirtschaftsleistung wieder zurückgegangen. Dann nämlich, wenn die Dynamik der staatlichen Investitionsprogramme verpufft war.

2003 gibt es aber ein ganz anderes Problem - den ungewöhlich kühlen Sommer in Japan. Mit 22,8 Grad hatte die Durchschnittstemperatur in Tokio im Juli um 2,6 Grad unter dem Normalwert gelegen. Die Reisernte wird deutlich magerer ausfallen als erwartet, viele "Heiße-Sommer"-Produkte - wie zum Beispiel Klimaanlagen -, wurden zu Ladenhütern. Selbst die Bierbrauer stöhnen über deutliche Umsatzeinbußen.

Aktuell rechnen die US-Banker von Goldman Sachs für das laufende Jahr mit einem Wachstum von glatten zwei Prozent und für 2004 mit einem Plus von 1,5 Prozent. Da aber jeder Temperaturabfall von 1,5 Grad das japanische BIP um 3,8 Milliarden Euro drückt, wie die Experten des Dai-Ichi Life Research Institute vorrechnen, könnte der japanische Wachstumsmotor im zweiten Halbjahr doch noch einmal einen Gang zurückschalten.

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