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Sport

Istanbul will Olympia 2020

Zum fünften Mal bewirbt sich Istanbul um die Olympischen Spiele. Auch Tokio und Madrid sind noch im Rennen. Kritiker bemängeln die Stadtplanung am Bosporus, Befürworter schwärmen vom Facettenreichtum der Stadt.

Unter dem Motto "Bridge Together" bewirbt sich Istanbul um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2020. "Brücke zwischen den Kulturen" - so wird die Stadt am Bosporus oft genannt. Die Möglichkeit das sportliche Megaevent auf zwei Kontinenten, sowohl in Asien als auch in Europa, austragen zu können, ist ein Alleinstellungsmerkmal Istanbuls. Damit kann die Konkurrenz - Tokio und Madrid - nicht aufwarten.

Istanbul gehört ohne Frage zu den kontrastreichsten Städten der Welt: 13 Millionenmetropole, orientalisch, gleichzeitig aber auch überraschend modern - im Stadtbild wie auch im Volk. Hochhackige Großstadt-Schönheiten mit Minirock, Frauen mit Kopftuch, kurdische Straßenmusiker aus der tiefsten Provinz, Studenten mit Hornbrille und Laptop. Arme Stadtteile, historische Bauten, Wolkenkratzer und Luxusviertel - direkt nebeneinander. Seit 2000 bemühte sich Istanbul bereits vier Mal darum, Gastgeber von Olympischen Spielen zu sein. Bisher jedoch erfolglos.

"Master Plan" 2020

Screenshot http://www.istanbul2020.com.tr/tr/adaylik-dosyasi

Die Master Plan Karte auf www.istanbul2020.com.tr/

Im Bidbook (Bewerbungsunterlagen), welches auf der "Istanbul2020"-Internetseite zu finden ist, wird die sogenannte "Master Plan Map" vorgestellt. Demnach sieht Istanbuls Sportstättenplan vor, die Wettbewerbe innerhalb von vier großen Zonen auszurichten: Die Olympic City Zone im Westen der Stadt. Hier soll sich das olympische Dorf befinden. Weiter südlich liegt die Coastal Zone. Diese Zone befindet sich an der Küste und in unmittelbarer Nähe zu den muslimisch-konservativen Stadtvierteln wie Fatih oder Zeytinburnu. Aber auch weltbekannte Sehenswürdigkeiten wie die Blaue Moschee oder die Hagia Sophia wären für Touristenbesuche in greifbarer Nähe.

Die südöstliche Bosphorus Zone liegt größtenteils auf der asiatischen Seite der Stadt. Hier wären die Sportstätten unweit des historischen Haydarpascha-Bahnhofs, eine Art Wahrzeichen Istanbuls, angesiedelt. Im neuen Bosphorus Stadium sind die Eröffnungs- und Schlussfeier geplant. Ein kleiner Teil der Bosphorus Zone befindet sich im modernen Ausgehviertel Beyoglu in unmittelbarer Nähe zum zentralen Taksim-Platz. Im grünen Norden Istanbuls ist die Forest Zone vorgesehen, in der unter anderem Radsport und Kanuslalom stattfinden soll. Als Fußballstadien sind zwei Arenen in Istanbul und jeweils eine in Kayseri, Ankara, Antalya, Izmir und Bursa vorgesehen. Laut "Bidbook" sollen rund drei Milliarden US-Dollar in die Sportstätten investiert werden. Die Investitionen in die Infrastruktur sind mit zirka 20 Milliarden US-Dollar beziffert.

Blick auf das Atatürk-Olympiastadion von Istanbul in der Dämmerung (Foto: Yoray Liberman/Getty Images)

Als Sportstätte für die Olympischen Spiele 2020 eingeplant: das Atatürk Olympiastation in Istanbul

Weitverbreitetes Misstrauen

Akif Atlar, der Geschäftsführer des Stadtplanungsbüros in Istanbul, traut dem ausgearbeiteten Olympia-Plan nicht. "Sobald am 07. September die Entscheidung für Istanbul ausfällt, werden die meisten Pläne wieder umgeworfen und neu geplant", so Atlar im DW-Gespräch. Dies wäre nicht das erste Mal, sagt Atlar. Bereits 2009 sei ein Stadtplan für Istanbul ausgearbeitet worden, der ein Jahr später im Alleingang der Regierung wieder umgeworfen worden sei. Plötzlich war unter anderem vom Bau der dritten Brücke über den Bosporus und vom dritten Flughafen die Rede. Die Stadt wächst unkontrolliert weiter und die Logik in der Stadtplanung fehlt", kritisiert Atlar.

So sei beispielsweise die Forest Zone im Norden Istanbuls absolut fehl am Platz. "Der waldige Norden ist die Lunge Istanbuls. Diese sollte geschützt werden", fordert der Stadtplaner. Auch die geplanten Sportanlagen in der Nähe des historischen Haydarpascha-Bahnhofs sieht Atlar kritisch. "Der Bahnhof ist ein Symbol Istanbuls. Er begrüßt mit seinem historischen Erscheinungsbild die Menschen, die von der europäischen Seite der Stadt auf die asiatische Seite kommen. Nun stelle man sich Tennis- und Volleyballplätze neben dem Bahnhof vor. Damit wird das Antlitz dieses historischen Erbes zerstört", so Atlar.

Akif Atlar, Geschäftsführer des Stadtplanungsbürös Istanbul, im Porträt (Foto: Senada Sokollu)

Akif Atlar - Geschäftsführer der Stadtplanung in Istanbul

Außerdem sieht Atlar die Lösung der Verkehrsprobleme in Istanbul als unmöglich an. "Millionen von Menschen leben und bewegen sich täglich in der Stadt. Das U-Bahnnetz ist lächerlich im Vergleich zu dem in Tokio, London, Paris, Berlin oder New York. In all diesen Metropolen ist es spinnennetzförmig angelegt. In Istanbul dagegen ist das Netz absolut gradlinig und viel zu klein. Außerdem müssen Bauarbeiten ständig unterbrochen werden, da unterirdisch immer wieder auf historische Ausgrabungen gestoßen wird. Solche Bauarbeiten dauern in Istanbul viele Jahre", so Atlar. Er verweist auch auf die große Erdbebengefahr in Istanbul. "All die alten Gebäude sind hochgradig erdbebengefährdet. Das stellt natürlich eine große Gefahr für die Besucher dar", fürchtet Atlar. Entsprechend fordert der Stadtplaner, dass vor allem die Olympia-Neubauten absolut erdbebensicher gebaut werden müssten.

Unproduktive Investitionen

Der türkische Sportminister Suat Kilic ist der Ansicht, dass Istanbuls Vorteil bei der Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2020 vor allem in seiner wirtschaftlichen Stabilität bestehe. Und tatsächlich plant Premierminister Recep Tayyip Erdogan, der die türkische Delegation bei der Wahl in Buenos Aires persönlich unterstützen will, aus seinem Land eine der größten Volkswirtschaften der Welt zu machen. Das soll spätestens bis 2023 realisiert werden, ganz unabhängig von den Olympischen Sommerspielen. Doch dieser Vision steht der Ökonom und Wirtschaftsjournalist, Mustafa Sönmez, kritisch gegenüber. "Die Auslandsinvestitionen gehen seit Mai dieses Jahres stark zurück. Und das ist auch für die Zukunft zu erwarten. Es ist kein nachhaltiges Wachstum“, so Sönmez im DW-Gespräch.

Mustafa Sönmez, Ökonom und Wirtschaftsjournalist, im Porträt (Foto: Senada Sokollu privat)

Mustafa Sönmez - Ökonom und Wirtschaftsjournalist

Ein Drittel der türkischen Wirtschaft befinde sich in Istanbul und konzentriere sich vor allem auf den Bausektor, in dem Auslandsinvestitionen die wichtigste Rolle spielen, betont der Ökonom. Das Platzen einer Blase sei die größte Gefahr, warnt Sönmez. "Außerdem sind olympische Investitionen nie produktiv. Sobald das Event vorbei ist, werden die Sportstätten nicht mehr benutzt. Die Türkei braucht andere Investitionen, unter anderem in das Gesundheitssystem und Bildungssystem", fordert Sönmez.

Lösung für alles

Ruhet Genc, Direktor der Tourismus- und Managementabteilung der Bilgi Universität in Istanbul steht dem Megaevent positiv gegenüber. "Die Türkei ist Nummer sieben im weltweiten Tourismusvergleich. Ich bin mir sicher, dass dieses Land auch ein Event wie Olympia meistern kann. Wenn es in ein oder zwei Jahren stattfinden würde, würde ich das bezweifeln. Aber in sieben Jahren ist das machbar", gibt sich Genc gegenüber der DW optimistisch. Der Verkehr sei ein großes Problem, findet auch Genc, jedoch würde bis 2020 eine Lösung gefunden werden. "Die Stadt wächst täglich um 1600 Menschen. Daher ist Istanbul geübt im Umgang mit Menschenmassen", meint Genc. Die Türken seien gekonnt im Finden von Ausnahmen, denn Gesetze und Vorgaben stünden nicht an erster Stelle, so Genc.

Sicherheitsprobleme aufgrund von Demonstrationen sehe er im Olympiazeitraum nicht. "Dieses Event ist für das gesamte Volk bedeutend. Wenn die Menschen demonstrieren wollen, dann werden sie es auf friedliche und kreative Art und Weise tun", glaubt Genc und hebt die Vorzüge des Landes hervor: "In der Türkei gibt es rund 49 ethnische Gruppen. Istanbul allein ist eine der multikulturellsten Städte der Welt und die Türken an sich sind sehr gastfreundliche Menschen." Über die besondere geographische Lage der Stadt müsse überhaupt nicht gesprochen werden, denn diese sei "einmalig" auf der Welt, betont Genc.

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