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Deutschland

Ist die Schreibschrift out?

Braucht man in Zeiten von Tastaturen und Touchscreens eigentlich noch eine ordentliche Handschrift? In Deutschland wird über die Folgen der Digitalisierung auf die Schriftkultur diskutiert.

Jeder zweite Junge in deutschen Klassenzimmern hat erhebliche Probleme mit einer flüssigen und lesbaren Handschrift; bei den Mädchen ist es jede Dritte. Das ergab die erste umfangreiche Studie über die Entwicklung der Handschrift in Deutschland. Ursache dafür sei auch die schlechter gewordene Feinmotorik der Schüler, also das Zusammenspiel von Hand und Fingern, um schreiben zu können, meint Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. "Die Motorik des Daumes ist noch am besten ausgeprägt, das liegt am Daddeln", sagte Kraus bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Aber es werde zu wenig Schreiben geübt und praktiziert. Der digitale Lifestyle in den Kinderzimmern lässt die alte Kulturtechnik verkümmern.

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus (Foto: dpa)

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus: "Sünden wider die Schreibkultur"

Kraus prangert aber auch "Sünden der Politik und Pädagogik wider die Schreibkultur" an - den Verzicht auf Diktate und den Trend zu Multiple-Choice-Tests zum Beispiel. Eine Mitschuld sieht er bei übervorsichtigen Eltern, deren Kinder sich motorisch nicht mehr ausleben könnten.

"Ausdruck der Persönlichkeit"

Und nun soll auch noch die Schreibschrift abgeschafft werden. Zumindest proben einige Bundesländer - im föderalen Deutschland für Bildungsfragen zuständig - seit geraumer Zeit, ob es Kindern beim Schreiben-Lernen nicht einfacher gemacht werden kann. Bisher lernen sie erst eine Druckschrift, dann eine Schreibschrift - und sollen daraus eine eigene Handschrift entwickeln. Dieser "Umweg" könnte nun wegfallen: Die Kinder lernen eine der Druckschrift ähnliche "Grundschrift" und sollen dann direkt lernen, Buchstaben miteinander zu verbinden und flüssig zu schreiben.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (Foto: dpa)

Sachsens Bildungsministerin Brunhild Kurth: Sorge um die Handschrift

Die Chefin der Kultusminister, die CDU-Politikerin Brunhild Kurth aus dem konservativen Sachsen, ist gegen diesen Trend. Zwar könne man die Digitalisierung nicht aufhalten, umso mehr müsse die Schule aber darauf achten, "dass die Schüler eine lesbare und individuelle Handschrift entwickeln". Denn Handgeschriebenes sei "Ausdruck der Persönlichkeit" und fördere strukturiertes Denken. Abschaffen wollen ihre Kollegen in Hamburg und Baden-Württemberg das Schreiben jedoch nicht, sie wollen es mit einer Grundschrift nur vereinfachen.

Der Füller verdrängte die Schnörkel

Schrift war schon immer Ausdruck technologischer und politischer Entwicklungen. Als vor 100 Jahren der Füllfederhalter seinen Siegesszug antrat und die Schreibfeder verdrängte, ließen sich die damals noch üblichen unterschiedlichen Unter- und Oberlinien der Buchstaben nicht mehr so einfach aufs Papier bringen.

Füllfederhalter auf Papier mit Sütterlin-Schrift (Foto: Patrick Pleul/ZB)

Sütterlin: So schrieben Schüler in Deutschland vor 100 Jahren

Denn eine Feder ist biegsam, die runde Füllerspitze aus Metall aber nicht. Deshalb wurde ab 1914 das in Preußen erfundene Sütterlin gelehrt - eine Schrift mit viel weniger Schnörkeln, angepasst an das Schreiben mit Füllern.

Unter den Nationalsozialisten wurde Sütterlin dann abgeschafft und nur noch die lateinische Schrift unterrichtet, denn in den besetzten Gebieten war diese von vielen einfacher zu lesen.

600 Jahre lang war im deutschen Sprachraum deutsch geschrieben worden. Mit Sütterlin verschwand die letzte deutsche Schrift. Angefangen hatte es um 1450, als Johannes Gutenberg aus Mainz den mechanischen Buchdruck erfand. Das löste einen enormen Strukturwandel aus: Der Schriftgebrauch war nicht mehr den Eliten vorbehalten.

Schräg und mit Auf- und Abstrichen - so schrieb Goethe, typisch für seine Zeit (Foto: dpa)

Schräg und mit Auf- und Abstrichen - so schrieb Goethe, typisch für seine Zeit

Das Internet wird immer wieder mit dieser mittelalterlichen Revolution verglichen. Es könnte ähnliche Folgen haben. Lehrerverbandspräsident Kraus sieht die Gefahr einer neuen sozialen Spaltung, wenn das handschriftliche Schreiben an Schulen zugunsten digitaler Schriftkultur weniger wichtig würde. Denn in bildungsnahen Haushalten sorgten Eltern wohl weiter dafür, dass ihr Nachwuchs die alte Kulturtechnik beherrscht.

iPad statt Schreibheft?

Steve-Jobs-Schule in Sneek (Foto: CATRINUS VAN DER VEEN/AFP/Getty Images)

Steve-Jobs-Schule in Sneek

In den Niederlanden sind Bildungspolitiker schon weiter gegangen. In speziellen iPad-Schulen, den "Steve-Jobs-Schulen", lernen Kinder ihren Stoff individuell am Rechner. Schrift wird nur noch als Druckschrift vermittelt.

Eine Mehrheit der Deutschen will so etwas nicht: Eine Allensbach-Umfrage vom März ergab, dass zwei Drittel der Bürger es wichtig finden, dass Kinder neben der Druck- auch eine Schreibschrift auf dem Papier lernen.

Andererseits berichten Eltern immer wieder erstaunt, wie intuitiv der eigene Nachwuchs mit dem elektronischen Schreibgeräten umzugehen weiß. Funktioniert die Wissensübermittlung damit möglicherweise doch einfacher und schneller? Beantworten lässt sich diese Frage mangels Daten noch nicht.

Gefahren des digitalen Schreibens

Die Piratenpartei, die Partei des digitalen Wandels, macht noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Mit dem Voranschreiten der Digitalisierung sollten Schülern auch Kompetenzen vermittelt werden, sich vor den Gefahren zu schützen, zum Beispiel die Verschlüsselung von Dokumenten, um eine Überwachung zu erschweren. "Daneben bedarf es einer Sensibilisierung für den Datenschutz", mahnt Monika Pieper, Landtagsabgeordnete aus Nordrhein-Westfalen.

Michael Kittlaus, bildungspolitischer Sprecher der Piratenpartei, fordert Datenschutzbeauftragte an Schulen, weil bei digitalisierten Schriftdokumenten immer die Gefahr der Weitergabe bestehe.

Einen Abschied von der geschriebenen Schrift wünschen sich aber selbst die Piraten nicht. Es sei eine Kulturtechnik, die nicht auf zusätzliche Technik, sondern nur auf einen Stift angewiesen sei, so Kittlaus. Doch die Bedeutung der Handschrift werde abnehmen, ergänzt Pieper. Eine Entweder-Oder-Diskussion führe aber nicht weiter. Vielmehr müsse der Frage nachgegangen werden, wozu Handschrift diene und wo sie noch gebraucht werde. Lange Briefe seien wohl ein Auslaufmodell, Notizzettel oder Einkaufslisten aber nicht.

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