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Politik

Islamische Geistlichkeit mit schwäbischer Note

Die Universität Tübingen kann mit vier Millionen Euro Zuschüssen ein Zentrum für islamische Studien aufbauen. Imame und Islamlehrer sollen dort ausgebildet werden. Ein Pilotprojekt, das mehr als Brücken bauen will.

Imam in der Merkez-Moschee in Duisburg (Foto: dpa)

Imame sollen in Zukunft auch aus Deutschland kommen - hier in der Merkez-Moschee in Duisburg

Geschwister-Scholl-Platz vor der Neuen Aula (Foto: Uni Tübingen)

In Tübingen geht es traditionell zu - hier am Geschwister-Scholl-Platz vor der Neuen Aula

Die christliche Theologie hat in der kleinen Universitätsstadt Tübingen eine lange Tradition. Bereits seit dem 16. Jahrhundert hegt und pflegt die Eberhard-Karls-Universität ihr Renommee als Kaderschmiede für evangelischen Theologennachwuchs. Seit dem 19. Jahrhundert fanden in der protestantischen Hochburg auch katholische Theologen ihren Platz. Große Namen haben hier am Fuße der Schwäbischen Alb gewirkt, darunter Dietrich Bonhoeffer, Hans Küng und Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. In den kommenden Jahrzehnten soll diese Liste um islamische Gelehrte erweitert werden, ausgebildet am Zentrum für islamische Theologie.

Lange Tradition interreligiösen Dialogs

Im Oktober 2011, zu Beginn des Wintersemesters 2011/2012 werden sich erstmals rund 50 Studenten der islamischen Theologie unter die 24.000 Studenten am Ort mischen. Tübingens Universitätsrektor Bernd Engler hat die Einrichtung des neuen Studienfachs zur Chefsache erklärt. Als Experiment will er den neuen Studiengang nicht verstanden wissen. Tübingen habe sich nicht auf die Bundeszuschüsse beworben, weil es in der aktuellen Integrationsdebatte schick sei, ein solches Zentrum zu eröffnen. "Tübingen ist der richtige Standort, unter anderem, weil es hier schon eine sehr lange Tradition des interreligiösen Dialogs gibt", sagt der Universitätsrektor selbstbewusst. Und verweist darauf, dass die benachbarte Metropolregion Stuttgart mit ihren geschätzten 70.000 Muslimen und 26 muslimischen Gemeinden ein optimales Betätigungsfeld für die späteren islamischen Theologen darstelle.

Professor Bernd Engler im Flur stehend (Foto: Metz / Uni Tübingen)

Universitätsrektor Professor Dr. Bernd Engler

Bis zum Ende der vierjährigen Aufbauphase sollen es 320 Studenten sein, die sich in Tübingen wissenschaftlich mit dem Islam auseinandersetzen. Angeleitet von sechs Professoren steht auf dem Programm, was den Islam heute ausmacht: Koranlesung ebenso wie Koranauslegung, Einblicke in die prophetische Tradition ebenso wie islamisches Recht, Glaubenslehre und Religionspädagogik. Zielgruppe des Studiengangs seien dabei mehrheitlich Deutsche mit Migrationshintergrund aus der zweiten oder dritten Generation, sagt der Universitätsrektor. Ob diese letztlich in Verbänden, in islamischen Gemeinden, im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft arbeiten wollen, solle bis zum Ende des Studiums ihre ganz persönliche Entscheidung bleiben. Die Inhalte würden deshalb so konzipiert, dass jeder Absolvent später sowohl als Religionspädagoge in Schulen, als Imam-Ausbilder an islamischen Fakultäten oder als aktiver Imam in Moscheen tätig sein könne.

Imame mit Sozialkompetenz Deutschland gesucht

Alle Studenten werden Arabisch und Deutsch lernen, je nach individuellem Sprachniveau. Wobei der Rektor neben dem reinen Spracherwerb vor allem eine Zusatzqualifikation für unverzichtbar hält: "Ein Imam ist nicht notgedrungen Integrationsberater, aber er ist Brückenbauer", sagt Engler. "Deshalb braucht er Kompetenzen in der Beratung für Fragen der Alltagsbewältigung auch vieler Mitglieder seiner Gemeinde." Besonders hierfür werde man sich sehr um die Akzeptanz in den Gemeinden kümmern müssen.

Das trifft den Ton der Politik: Denn bereits bei der Bekanntgabe der Sonderzuschüsse im Oktober hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan den auserkorenen Universitäten Tübingen, Münster und Osnabrück aufgetragen, "einen Beitrag zur Ausbildung von europäisch-muslimischer Gelehrsamkeit im Bereich der Theologie" zu leisten.

Bücheregal mit wissenschaftlichen Texten zum Propheten

An entsprechender Literatur soll es im Bestand der Tübinger Universität nicht mangeln

Fertige Konzepte, wie das gelingen kann, gibt es allerdings nicht. Zwar könne Tübingen auf Einrichtungen wie das Orientalische Seminar, Arabistik und Islamwissenschaft zurückgreifen. Gerade die intensive Arbeit mit dem Koran unterscheide die Angebote aber voneinander. Was am Ende also im Statut stehe, werde in Tübingen neu erarbeitet - von Wissenschaftern und muslimischen Religionsverbänden. Diese will der Rektor durch die Einrichtung eines Beirates eng in den Prozess einbinden. "Denn wir können ja schlecht für einen Markt ausbilden, den es am Ende nicht gibt." Und schon deshalb sei es wichtig, dass sie auch bei der Erstellung der Lehrpläne mitwirken könnten.

Beim Türkischen Verein Tübingen in jedem Fall überwiegt die Freude: Bislang musste dort vier Mal im Jahr ein Vorbeter aus der Türkei gesucht werden, oft auch ohne Erfolg: "Wenn es da eine neue Möglichkeit gibt, sind wir froh", sagt Baltaaoglu Salik, der in der Türkischen Gemeinde den Gebetsraum pflegt.

Richtige Balance zwischen Staat und Religion finden

Symbolbild zu Deutschkenntnissen von Migranten (Foto: dpa)

Deutsche Imame sollen mehr als nur die Sprache beherrschen

Doch nicht wenige sehen gerade in zuviel Einfluss islamischer Religionsverbände innerhalb deutscher Universitäten auch ein Problem. So hatten sich zumindest einige Verbände, darunter der vom türkischen Staat gelenkte Verband Ditib, anfänglich gegen eine Imam-Ausbildung in Deutschland ausgesprochen. Und auch in der offenen Ausschreibung der sechs Professorenstellen sehen viele Kritiker eine Gefahr. Schließlich sei nicht klar, ob es überhaupt muslimische Kandidaten gebe, die den hiesigen Anforderungen entsprechen. Rektor Bernd Engler beruhigt: Die Universität könne die Lehrstühle übergangsweise auch durch Gastprofessuren besetzen. Verzögerungen für den Studiengang erwartet er dadurch keine.

Neben Tübingen werden auch die Universitäten Münster und Osnabrück ein ähnlich gestaltetes Islam-Zentrum aufbauen. In Osnabrück wird bereits seit Oktober eine Weiterbildung für Imame angeboten. Schon zuvor hatte die Universität Frankfurt am Main ein ähnliches Studienangebot aufgesetzt. Konkurrenzdebatten vermeidet der Tübinger Rektor. "Deutschland wird ein pluralistisches Angebot an Studiengängen brauchen", sagt er. "Jeder Studiengang kann sich dann mit seinen ganz eigenen Schwerpunkten hervorheben."

Schon im kommenden Frühling können sich weitere deutsche Hochschulen um Sondermittel für die Einrichtung neuer Islamzentren bewerben. Angekündigt haben dies bereits die Universitäten Erlangen, Marburg und Gießen.

Erst in einigen Jahren dürfte sich zeigen, wie problemlos sich die islamische Theologie in die vom Staat organisierte Universitätslandschaft eingruppieren lässt. In Tübingen ist man sich aber sicher: Das kann nirgends besser funktionieren als an einem Ort wie Tübingen, der schon seit Jahrhunderten den Dialog der Religionen pflegt.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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