Isabelle Huppert - Die ″Unnahbare″ ist 65 | Filme | DW | 16.03.2018
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Filme

Isabelle Huppert - Die "Unnahbare" ist 65

Selbstbewusst, unterkühlt, arbeitsam. Immer wieder wird Huppert, eine der größten französischen Schauspielerinnen, auf diese Eigenschaften reduziert. Dabei ist das Mosaik Isabelle Huppert weitaus komplexer.

Mit 14 besucht sie erste Schauspielkurse, mit 18 dreht sie ihren ersten Film, mit 23 ist sie ein internationaler Filmstar. Und bis heute hält sie sich ganz oben an der Spitze, indem sie immer wieder preiswürdige Leistungen abliefert.

Isabelle Huppert, am 16. März 1953 in Paris geboren, scheint der Erfolg in die Wiege gelegt: Ihre Eltern, die Mutter Englischlehrerin, der Vater ein jüdischer Unternehmer, sind gut situiert. Isabelle und ihre vier älteren Geschwister werden katholisch erzogen, die schönen Künste haben im Hause Huppert einen selbstverständlichen Platz. Schauspielkurse während der Gymnasialzeit und die Aufnahme am Pariser Conservatoire National d'Art Dramatique - all das war bei Isabelles Herkunft irgendwie naheliegend. Trotzdem würde sie nicht behaupten "Glück" gehabt zu haben. "Glück fällt nicht wundersam vom Himmel." Vielmehr könne jeder die Bedingungen seines Glückes selbst schaffen, so die heute 65-Jährige in einem Interview mit der Frauenzeitschrift "Brigitte" aus dem Jahr 2017. 

Huppert, die Intellektuelle

Sie jedenfalls tat und tut das ständig, hat man den Eindruck. Isabelle Huppert gilt als rastlos. Seit Jahrzehnten legt sie ein beachtliches Arbeitspensum an den Tag, dreht zwei bis drei Filme pro Jahr. In diesem Jahr erscheinen gleich vier mit ihr, darunter der Psychothriller "Eva" (Benoît Jacquot), der bei der 68. Berlinale im Wettbewerb lief, und in dem Huppert als Edelprostituierte einen betrügerischen Schriftsteller in die Hörigkeit und schließlich in die Katastrophe treibt.

Außergewöhnliche Frauen, die von Tragik geprägt und Rätseln umgeben sind - das sind Hupperts Paraderollen. Deren Auswahl und die Zusammenarbeit mit den renommiertesten Regisseuren der Welt wie Michael Haneke (u.a. "Die Klavierspielerin") oder Claude Chabrol (u.a. "Violette Nozière") brachten ihr den Ruf der "intellektuellen Schauspielerin" ein. Zu Unrecht, wie sie sagt, denn ihre Filme - auch wenn diese mitunter als intellektuell bezeichnet werden könnten - sagten nichts über sie aus, so Huppert gegenüber dem "Zeitmagazin". Sie selbst sieht sich vielmehr als ein "Werkzeug" des Regisseurs, folgt dessen Anweisungen exakt, improvisiert kaum.

Starker Ausdruck dank reduzierter Mimik

Die Gemütszustände und geistige Verfassung ihrer Charaktere vermittelt sie präzise und mit viel Feingefühl: mit ihrem scheinbar ausdruckslosen Gesicht und sparsamer Mimik, die seit jeher als Hupperts Markenzeichen gelten. Fiktion habe den Hang, die Dinge aufzublähen, erklärte sie in einem Interview mit der "Financial Times" im Juli 2017. "Wenn ich mir aber Menschen auf der Straße ansehe, stelle ich fest, dass die meisten von ihnen ziemlich leere Blicke haben. Das heißt, ich muss weniger machen." Zu beobachten habe ihr beigebracht, zu reduzieren, statt zu addieren.

Isabelle Huppert in Die Klavierspielerin. (picture-alliance/United Archives)

Isabelle Huppert in Hanekes "Die Klavierspielerin": Ihr verstörendes Spiel brachte ihr eine Auszeichnung als Beste Schauspielerin bei den Internationalen Festspielen in Cannes ein

Doch ihre reduzierte Spielweise führte dazu, dass sie Zuschauer und Kritiker als unnahbar und unterkühlt einstuften. Ein Image, das der 1,50 Meter kleinen Französin bei genauerem Hinsehen allerdings nicht gerecht wird: Seit 1982 ist sie mit dem Filmregisseur Ronald Chammah verheiratet, das Paar hat vier Kinder. Kunst und Fotografie zählen zu Hupperts Leidenschaften. Sie stapelt Fotos und Bücher bei sich zu Hause - "ich will die guten Erinnerungen in meinem Leben festhalten" - und wird ängstlich, wenn sie sich in enge Räume begeben muss. Seiten, die zeigen, dass auch eine Isabelle Huppert ihre Schwächen hat.

Frauen am Rande der Gesellschaft erhalten eine Stimme

Seit 1972 trat Huppert in rund 140 Filmen auf. In Haneke, Verhoeven, dem bereits verstorbenen Claude Chabrol oder Bob Wilson hat sie ihre Regisseure gefunden. Huppert besetzt bei ihnen die extremen Charaktere - "Überlebende, die Opfer und Rebellin zugleich sein können", so die Schauspielerin. "Monster mit einem menschlichen Gesicht. Meine Filme geben diesen Frauen eine Stimme. Denn auch wenn sie am Rande unserer Gesellschaft leben, gibt es sie: Frauen, die ein brutales Leben führen. Eine Brutalität, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben", sagte Huppert dem "Zeitmagazin".

Filmstill aus Elle mit Isabelle Huppert. (picture alliance/AP Photo/G. Ferrandis/Sony Pictures Classics)

In "Elle" spielt Huppert eine Frau, die mehrfach vergewaltigt wird und auf besondere Art damit umgeht

Ihre Interpretationen jener herausfordernden Frauenrollen brachten der Französin bereits zahlreiche Preise ein, darunter die wichtigsten Auszeichnungen der Filmbranche: César, Europäischer Filmpreis, Silberner Bär, Goldene Palme und der Golden Globe - sie alle stehen bei Huppert zuhause, teilweise mehrfach. Fehlt nur noch der Oscar, für den sie im vergangenen Jahr mit "Elle" (Paul Verhoeven, 2017) zumindest das erste Mal nominiert gewesen ist.

Selbstbewusst in die Zukunft 

Nun, mit 65 Jahren, einer fast 50 Jahre andauernden erfolgreichen Karriere und einem skandalfreien Privatleben könnte man fragen: Was kann Isabelle Huppert in Zukunft noch erreichen wollen? Oder denkt sie vielleicht ans Aufhören? Manchmal sei da "diese kleine unbedeutende Phase der faulen Müdigkeit", in der sie kündigen könnte, wenn sie nur wüsste, bei wem, sagte sie "Brigitte". Sie fantasiere hin und wieder, was sie dann täte. "Aber ich bin offensichtlich das Gegenteil dieser Tagträume".

Und so hat selbst eine Huppert noch konkrete Wünsche, was die eigene Schauspielkarriere angeht: Mit Top-Regisseuren wie Stephen Frears, David Cronenberg und Woody Allen würde sie gerne zusammenarbeiten, und fügt hinzu, Woody Allen wisse nicht, was er verpasst. "Ich weiß es. Er wird es merken, wenn es bereits zu spät ist." 

Selbstbewusst und überzeugt von sich selbst ist sie. Noch nie habe sie an ihrem Können gezweifelt. Wer ihr zusieht, kann das sehen.

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