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Welt

Iran: "Es steht zu viel auf dem Spiel"

Die Gespräche über ein Atomabkommen mit dem Iran gehen in Wien in die Verlängerung. Im DW-Interview bewerten drei Experten die Aussichten für einen Deal - und mögliche Konsequenzen.

DW: Welches Ergebnis wird am Ende der jüngsten Gesprächsrunde in Wien stehen - gibt es eine Einigung in den strittigen Fragen oder scheitern die diplomatischen Bemühungen?

Kelsey Davenport, Direktorin für Atomwaffensperrpolitik bei der "Arms Control Association" in Washington:

Ein umfassendes Abkommen ist in greifbarer Nähe. Viele schwierige politische Entscheidungen sind bereits getroffen worden und beide Seiten besitzen den politischen Willen, die letzten Details auszuarbeiten und das Abkommen in den ersten Juli-Tagen abzuschließen. Für alle steht einfach zu viel auf dem Spiel, um den Verhandlungstisch ohne Ergebnis zu verlassen. Denn sollten die Gespräche scheitern, ist eine Eskalation wahrscheinlich: Der Iran würde dann vermutlich sein Atomprogramm beschleunigen. Die internationale Gemeinschaft würde ihre Sanktionen verstärken. Ein Nuklearabkommen ist für beide Seiten der einzige Weg, ihre politischen Ziele zu erreichen: Die internationale Gemeinschaft will die Sicherheit, dass der Iran keine Atomwaffen entwickelt. Teheran will eine Befreiung von den Sanktionen.

Seyed Hossein Mousavian, ehemaliger Nuklear-Unterhändler des Iran und ehemaliger Botschafter in Deutschland; derzeit Forschungsstipendiat der Princeton Universität:

Diplomatie ist für beide Seiten der einzige Weg. Ob es einen Fortschritt gibt, ist nicht vorhersehbar. Die Chancen auf eine abschließende Einigung sind hoch. Es könnte aber sein, dass die Frist für die Gespräche noch einmal über den 9. Juli hinaus verlängert wird - diesen Termin hatte US-Vizepräsident Joe Biden genannt.

Charles D. Ferguson, Präsident der "Federation of American Scientists" in Washington:

Eine Verlängerung der Nukleargespräche über den 30. Juni hinaus ist meiner Auffassung nach sehr wahrscheinlich. Es gibt weiterhin einige komplexe politische und technische Probleme, die noch angegangen werden müssen. Allein der technische Anhang der Vereinbarungen umfasst Dutzende Seiten. Angesichts des relativ weitreichenden Atomprogramms des Iran müssen die Verhandlungen viele unterschiedliche Produktionsstätten umfassen und verschiedene Probleme des Zugangs lösen.

Die Verzögerung kann aber auch eine gute Seite haben. Ich denke, es ist besser, den Verhandlungsführern ausreichend Zeit zu geben, um sich mit den komplexen Problemen zu befassen. Es darf nur nicht zu lange dauern. Beide Seiten sollten die Schwierigkeiten innerhalb eines angemessenen Zeitraums lösen. Die 5+1-Gruppe (die UN-Vetomächte und Deutschland, Anm. d. Red.) will, dass sich Iran auf eine Beschränkung seines Atomprogramms und Inspektionen in den Einrichtungen einlässt. Der Iran will Erleichterungen bei den Sanktionen. Wenn sich beide Seiten nicht einig werden, gibt es keine Lösung. Wäre das Resultat aber ein unzulängliches Abkommen, würde das Misstrauen zwischen beiden Seiten weiterhin bestehen bleiben.

Infografik Geplante Einschränkungen des iranischen Atomprogramms (Grafik: DW)

Welche Auswirkungen hat ein Nuklearabkommen für die USA und den Westen?

Kelsey Davenport, Direktorin für Atomwaffensperrpolitik bei der "Arms Control Association" in Washington:

Ein Abkommen auf der Grundlage der Parameter, auf die man sich im April in Lausanne geeinigt hat, würde ein Win-Win-Szenario sowohl für den Iran als auch für die internationale Gemeinschaft bedeuten. Ein Nuklearabkommen stärkt den Nichtverbreitungsprozess, es schränkt das iranische Atomprogramm ein und sorgt durch eine strenge Überwachung dafür, dass der Iran nicht versucht, heimlich an Atomwaffen zu gelangen. Eine Einigung würde die Bedrohung durch iranische Atomwaffen senken und mehr regionale Sicherheit gewährleisten. Der Deal ist auch für den Iran vorteilhaft. Mit dem Abkommen könnte das Land ein ziviles Atomenergieprogramm verfolgen und gleichzeitig wirtschaftlich massiv von den Entlastungen bei den Sanktionen profitieren.

Seyed Hossein Mousavian, ehemaliger Nuklear-Unterhändler des Iran und ehemaliger Botschafter in Deutschland; derzeit Forschungsstipendiat der Princeton Universität:

Eine endgültige Einigung bei den Gesprächen würde auch den Weg für weitere Gespräche zwischen dem Iran und den internationalen Verhandlungspartnern über drängende regionale Probleme ebnen, die den Nahen Osten ins Chaos gestürzt haben, beispielsweise die Sicherheit und Stabilität des Irak und Syriens und der Kampf gegen den Extremismus. Eine weitere positive Entwicklung der Nukleargespräche sind die ausführlichen bilateralen Diskussionen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Jahrzehnte des Misstrauens können zwar nicht einfach weggewischt werden. Aber erstmals seit der iranischen Revolution 1979 treffen sich beide Seiten wieder auf höchster Ebene. Das ist eine positive Entwicklung für einen breiten Dialog zwischen beiden Ländern.

Charles D. Ferguson, Präsident der "Federation of American Scientists" in Washington:

Ein Abkommen ist eine Grundvoraussetzung dafür, ein besseres Verhältnis des Iran zum Westen, insbesondere zu den Vereinigten Staaten, zu erreichen. Man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass ein Abkommen sämtliche Probleme zwischen dem Iran und dem Westen aus der Welt schafft. Aber ein fairer Deal wäre ein erster Schritt, um das Misstrauen zwischen beiden Seiten zu reduzieren. Ein fairer Deal würde beiden Seiten erlauben, während der langen Vertragsdauer ein vernünftiges Arbeitsverhältnis zu etablieren. Es gibt zwar keine Garantie, dass dieses Verhältnis die Kluft zwischen beiden Seiten überbrücken kann. Aber es ist meiner Meinung nach besser, es zu versuchen, als weiterhin getrennte Wege zu gehen.

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