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Kultur

Irak: Christen zwischen allen Fronten

Ihre Hilferufe werden immer dramatischer: Die Christen im Irak sind zwischen die Fronten geraten. Der Vormarsch sunnitischer Islamisten zwingt erneut viele zur Flucht. Besserung ist laut Experten nicht in Sicht.

Christen und Angehörige anderer Minderheiten drohen im Irak durch den Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) "vollständig zu verschwinden", so Matthias Vogt, Experte des Internationalen Katholischen Missionswerkes Missio in Aachen. Der Islamwissenschaftler war zuletzt im November in Mossul und der christlichen Stadt Qaraqosh gewesen. Mossul wurde am 10. Juni von den Islamisten eingenommen.

Zwischen 300.000 und 350.000 Christen leben heute noch im Zweistromland. Die Schätzungen schwanken. Doch klar ist: Von den 1,4 Millionen Christen im Jahr 1987 verließen viele das Land als Flüchtlinge, die meisten im Zuge des zweiten Irakkrieges 2003. Mehr als 2000 irakische Christen wurden seither getötet, rechnet das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" auf seiner Internetseite vor, mehr als ein Drittel der irakischen Flüchtlinge im Ausland seien Christen.

Kirchen geschlossen, Häuser geplündert

Nunmehr haben seit der Eroberung von Mossul hunderttausende Flüchtlinge die zweitgrößte Stadt des Irak verlassen. Darunter sind, wie Missio unter Berufung auf Projektpartner vor Ort berichtet, auch viele Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten wie Yeziden und schiitischer Gruppen. Bischöfe, Priester und Ordensschwestern seien in die umliegenden christlichen Dörfern geflohen, die bisher als sicher galten. Alle Kirchen in Mossul seien geschlossen. "Uns liegen glaubwürdige Berichte vor, dass die Terroristen der ISIS in Mossul Menschen zu Hunderten abschlachten und die Leichen auf den Straßen liegen. Die Häuser werden geplündert", so Missio-Mitarbeiter Vogt.

Flüchtlinge verlassen Mossul (Foto: Emrah Yorulmaz - Anadolu Agency)

Auf der Flucht: Die Einwohner von Mossul verlassen die Stadt

Erschwerend komme hinzu, dass die kurdischen Milizen die Flüchtlinge nicht die Grenzen zu den angrenzenden kurdischen Autonomiegebieten passieren ließen - aus Angst vor Terroristen, die sich unter die Flüchtlinge gemischt haben könnten. "Auch in Qaraqosh,

einer christlichen Ortschaft wenige Kilometer östlich von Mossul, sind inzwischen islamische Terroristen eingedrungen und bedrohen die dortigen Bewohner. Die Lage wird als dramatisch beschrieben. Klöster sind umstellt, Ordensleute richten per E-Mail verzweifelte Hilferufe an die Außenwelt", erklärt Vogt weiter.

"Den Christen im Irak ging es schon vor den Ereignissen der letzten Wochen schlecht", bestätigt Kamal Sido, Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Das gelte besonders für den arabischen, schiitischen und sunnitischen Teil des Irak. Eine Ausnahme bilde einzig der - kurdisch dominierte - Nordirak. Noch 2007 habe er geglaubt, der Exodus der Christen aus dem Irak sei abgeschlossen, so Sido im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wir haben nicht Recht gehabt." Einige Christen seien im Süden und Zentralirak geblieben - in Mossul und auch in der Hauptstadt Bagdad.

Christen erleiden doppelte Verfolgung

Christen bei einer Messe in Bagdad (Foto: AHMAD AL-RUBAYE/AFP/Getty Images)

Nur wenige Christen waren noch im Irak geblieben

Mit dem Einmarsch der Islamisten aus Syrien habe sich die Lage noch einmal deutlich verschlimmert. So hätten jetzt vermutlich "die letzten Christen Mossul verlassen". Sie seien in die sogenannte Nineve-Ebene nordöstlich von Mossul geflohen, bis zu 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Diese Gebiete werden seit 2003 von kurdischen Sicherheitskräften mit Unterstützung christlicher Milizen geschützt. Dort lebten bereits viele Flüchtlinge. "Und jetzt versorgen Flüchtlinge der Jahre 2003 bis 2007 die Flüchtlinge des Jahres 2014", sagt Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die Region um Mossul gilt seit Jahrhunderten als das Zentrum des Christentums im Irak.

Vor drohenden Konflikten in den kurdisch beherrschten nordirakischen Zufluchtsgebieten warnt der Bonner Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher, einer der führenden Experten in Sachen Christenverfolgung. Zwar seien die Kurdengebiete "ein idealer Platz für die Christen, weil es dort friedlich und wesentlich rechtsstaatlicher zugeht". Wegen gewaltiger Flüchtlingszahlen verschiebe sich jetzt aber das Machtgefüge in den Kurdengebieten. "Da ist die Sorge der Kurden sehr groß, dass sie eines Tages eine Minderheit im eigenen Gebiet sind", so Schirrmacher im DW-Interview. Feindschaften seien die Folge, und Diskriminierung. "So erleiden die Christen eine doppelte Verfolgung."