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Kultur

Sido: "Leistet Hilfe vor Ort"

Die Lage der irakischen Christen hat sich zuletzt dramatisch verschärft, sagt Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker.

DW: Im Irak sind sunnitische Terroristen auf dem Vormarsch. Was heißt das für die Christen im Irak?

Kamal Sido: Den Christen im Irak ging und geht es sehr schlecht. Im Süden und Zentralirak, im arabischen, schiitischen und sunnitischen Irak ging des den Christen auch vor den Ereignissen der letzten Wochen sehr schlecht, ausgenommen ist irakisch Kurdistan im Nordirak. Mit dem Einmarsch der Islamisten aus Syrien hat sich die Lage noch deutlich verschlimmert. Noch 2007 haben wir gesagt, der Exodus der Christen aus dem Irak sei abgeschlossen. Wir haben zum Glück nicht Recht gehabt. Einige Christen sind im Süden und Zentralirak geblieben - in der Stadt Mossul, auch in Bagdad. Und mit dem Einmarsch der Islamisten in Mossul, haben wahrscheinlich die letzten Christen Mossul verlassen.

Mossul war ja von Beginn an besiedelt. Das ist die Heimat der irakischen Christen, der Assyrer, der Chaldäer, Aramäer. Nach meinen Informationen haben jetzt die letzten 250 christlichen Familien die Stadt verlassen. Sie sind in die sogenannte Nineve-Ebene nordöstlich von Mossul geflohen, bis zu 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Diese Gebiete werden seit 2003 von kurdischen Sicherheitskräften mit Unterstützung christlicher Milizen geschützt. Dort lebten bereits viele Flüchtlinge. Und jetzt versorgen Flüchtlinge der Jahre 2003 bis 2007 die Flüchtlinge des Jahres 2014.

Wie viele Christen leben derzeit im Irak?

Die meisten Christen leben in Irakisch-Kurdistan. Wir vermuten: etwa 350.000. Die meisten leben im Nordirak, in der Nineve-Ebene, in Erbil usw. In Bagdad leben noch einige Christen, vielleicht weniger als 100.000 - der Rest in Irakisch-Kurdistan.

Wie stehen die Christen zur Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten?

Die Christen sind zwischen die Fronten geraten. Sie wollen einfach in Ruhe leben und mit dem ewigen Streit zwischen Sunniten und Schiiten, der seit einigen hundert Jahren währt, nichts zu tun haben. Aber sie werden in den Konflikt hineingezogen. Wenn es zu Kämpfen kommt, zum Beispiel in Mossul, müssen sie fliehen. Auch wenn sie sich an bewaffneten Auseinandersetzungen nicht beteiligen, sind die Christen betroffen.

Der sunnitische Islamismus ist sehr schlimm. Aber auch schiitische Milizen schonen die Christen nicht. Die schiitischen Islamisten sind berechenbarer. Mit denen kann man reden. Aber die sunnitischen Islamisten sind Chaoten - tausende Gruppen. Alle sind Propheten. Alle wollen im Namen aller Sunniten sprechen. Das macht die Lage sehr schwierig: Bei den Sunniten weiß man nicht, mit wem man reden soll.

Was wissen Sie über die Aktivitäten der christlichen Hilfswerke?

Es gibt eine Reihe von Hilfswerken, die vor Ort tätig sind, die ihre Aktivitäten zuletzt aber nach Syrien verlegt haben. Jetzt gehen sie wieder in den Irak .

Unsere Bitte an die deutschen Kirchen: Leistet Hilfe vor Ort, im Irak! Das ist möglich. Man kann von Düsseldorf nach Erbil fliegen, der Hauptstadt des kurdischen Irak, und den Flüchtlingen direkt vor Ort helfen. Das ist besser als über eine staatliche Organisation.

Dr. Kamal Sido wurde 1961 in Syrien geboren. Er studierte in Moskau Geschichte und Orientalistik und arbeitet heute als Nahost-Referent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

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