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Wirtschaft

"Investoren wenden sich von Europa ab"

Die Finanzwelt blickt gebannt auf Griechenland. Aber für Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, ist der Ausgang der Wahl gar nicht mehr so wichtig. Es geht vielmehr um das Vertrauen in den Euro.

Dr. Ulrich Kater, Chefanalyst der DekaBank. Copyright: DekaBank Juni, 2012

Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank

DW: Wenn wir am Montagmorgen aufwachen, wird Griechenland schon die Kapitalverkehrskontrollen eingeführt haben?

Ulrich Kater: Nein, die neue griechische Regierung wird zunächst mal Verhandlungen führen mit den europäischen Partnerstaaten. Ich glaube nicht, dass nach diesen Verhandlungen ein sofortiger Austritt Griechenlands aus der Währungsunion auf der Tagesordnung steht. Auch mit einer Panikreaktion an den Finanzmärkten als unmittelbare Reaktion auf das Wahlergebnis rechne ich nicht, daher gibt es keinen Grund für Kapitalverkehrskontrollen.

Für viele Ökonomen ist es ja bloß eine Frage der Zeit, wann Griechenland die Eurozone verlässt. Ist die Eurozone mit oder ohne Griechenland sicherer?

Wenn eine neue griechische Regierung auf den extremen Forderungen aus dem Wahlkampf besteht, ist ein ein Austritt Griechenlands im nächsten Jahr relativ wahrscheinlich geworden. Für den Euro selber ist die Frage nicht mehr so wichtig wie noch vor zwei oder drei Jahren, weil die Perspektive, dass Griechenland ganz besondere Schwierigkeiten hat, im Euro zu verbleiben, an den Märkten in den letzten zwei bis drei Jahren schon eingenommen wurde. Wir haben ja auch schon einen Schuldenschnitt in Griechenland erlebt, so dass die Stabilität der Eurozone auch durch einen Austritt Griechenlands trotzdem erhalten bliebe.

Die Finanzmärkte benehmen sich jetzt in der Euroschuldenkrise wie Drogenabhängige, die eine immer stärkere Dosis in immer kürzeren Zeitabständen verlangen. Ist für die europäischen Politiker dieser Wettkampf überhaupt zu gewinnen?

Ich glaube, ein anderes Bild trifft es besser. Es ist keine Nachfrage nach einer Droge, sondern es ist eine Abwendung von Europa. Internationale Kapitalmärkte sind immer weniger bereit, wegen der Unsicherheit in Europa Staaten zu finanzieren. Ich denke aber, dass die europäischen Volkswirtschaften Mittel haben, die Zeit zu überbrücken, bis wieder Vertrauen zurückkehrt. Es gibt Mechanismen, diese Finanzierung auch weiterhin sicherzustellen. Das bringt allerdings die nordeuropäischen Gläubiger in immer größere Abhängigkeit von den südeuropäischen Schuldnern. Aber es ist möglich, Europa über diese Zeit der Anpassung hinweg zu helfen, wenn in den Schuldnerländern der politische Wille weiterhin vorhanden bleibt, die Schulden der Volkswirtschaft zurückzuführen. Es müssen sich dann allerdings auch tatsächlich Ergebnisse bei der realwirtschaftlichen Anpassung in den nächsten ein, zwei Jahren zeigen. Wenn das der Fall ist, dann wäre selbst ein Finanzierungsproblem für Italien zu überstehen.

Das heißt, die Finanzmärkte haben überhaupt kein Vertrauen mehr in den Euro?

Die Finanzmärkte haben ein sehr geringes Vertrauen in den Euro, weil der Euro eine Währung für 17 verschiedene Nationen ist. Ein Währungskonstrukt, welches an den Finanzmärkten unbekannt ist. So etwas wie den Euro gab es noch nicht. Und was unbekannt ist, das ruft natürlich erstmal Misstrauen hervor, insbesondere wenn die Konstruktion eben auch an vielen Ecken hakt, wie wir das jetzt sehen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Währung auch eine politische Entscheidung ist. Das Besondere an dieser Währung ist, dass sie die politische Integration fördern soll. Darüber hinaus muss sie jedoch auch den Ansprüchen der Kapitalmärkte genügen. Beides wird wahrscheinlich nicht ideal zu erreichen sein. Ich denke, es wird weiterhin einen Euro geben, zu dem die internationalen Finanzmärkte allerdings auf lange Frist nicht bedingungslos "Ja" sagen, weil dieser besondere Charakter der Währung erhalten bleiben wird.

Statt weiter zu durchwursteln, sind auch andere Vorschläge im Raum, beispielsweise die Spaltung der Eurozone oder gar die Währungsunion ganz auseinander brechen zu lassen. Was ist das wahrscheinlichste Szenario?

Es gibt in der Tat Extremszenarien. Das eine Extremszenarium ist die Spaltung der Währungsunion, wahrscheinlich in einen nordeuropäischen Hartwährungsblock mit Satellitenwährungen aus dem Süden. Das andere Extrem ist eine Fiskalunion mit weitgehender politischer Vereinigung, was unter der Überschrift Vereinigte Staaten von Europa gesehen wird, was sicherlich die Kapitalmärkte zufriedenstellen würde, aber politisch für viele Jahre unrealistisch ist. Ich glaube, es wird ein Weg in der Mitte beschritten werden. Es wird weiterhin eine Währungsunion geben mit unabhängigen Staaten, die in den Augen der Kapitalmärkte etwas unvollkommen funktioniert. Es werden in den kommenden Jahren weitere realwirtschaftliche Anpassungen stattfinden. In Südeuropa werden die Leistungsbilanzdefizite zurück gehen und damit auch die internen europäischen Ungleichgewichte. Man wird versuchen, den Euro besser zu machen, indem man die Finanzpolitik besser koordiniert und eine einheitliche Bankenregulierung sehr zügig in Angriff nimmt. Das sind kleine Schritte auf dem Wege zu einer richtig funktionierenden Währung. Aber die Politik in Europa wird auch eine nicht ganz reibungslos finanzierende Währung in Kauf nehmen, um das Ziel der politischen Integration nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Interview führte Zhang Danhong vor der Wahl in Griechenland am Sonntag (17.6.2012).
 

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