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Nahost

Intifada - der Krieg der Steine

Vor 25 Jahren brach in den palästinensischen Autonomiegebieten die erste Intifada aus. Zwar konnten die Palästinenser einige politische Erfolge erzielen. Die großen Probleme aber bleiben ungelöst.

Am 8. Dezember 1987 raste ein israelischer Lastwagen in der Nähe des palästinensischen Flüchtlingslagers Jabaliya im nördlichen Gazastreifen in eine Gruppe palästinensischer PKW. Vier der Insassen starben. Die Palästinenser werteten den Zusammenstoß als Racheaktion für den Mord an einem Israeli einen Tag zuvor. Spontan gingen sie auf die Straße, um gegen die israelische Besatzung zu protestieren. Der Protest weitete sich aus, sprang bald auch auf das Westjordanland und Ost-Jerusalem über. Sehr bald lieferten sich meist junge Palästinenser und das israelische Militär Straßenschlachten: Die erste "Intifada" -  das arabische Wort für "Abschütteln" und im weiteren Sinne dann auch "Aufstand" - war geboren.

Über Jahre, bis zur Unterzeichnung des ersten Oslo-Abkommens im September 1993, standen sich die ungleich gerüsteten Gegner gegenüber: palästinensische Jugendliche, die mit Steinen, später auch mit Molotowcocktails auf hochgerüstete israelische Soldaten warfen. Diesem Bild entsprechend wird die Intifada auch als "Krieg der Steine" bezeichnet.

Der Sechstage-Krieg und die Folgen

Ein palästinensischer Soldat hält einen Jungen davon ab, einen Stein zu werfen (Foto: AP)

Die erste Intifada wird auch als "Krieg der Steine" bezeichnet

Das Unglück in dem Flüchtlingslager, erklären palästinensische und israelische Analytiker heute übereinstimmend, war nur der äußere Anlass für den Ausbruch der Gewalt. "Der Hauptgrund war die Besatzung seit dem Jahr 1967", erklärt der an der Jerusalemer "Hebrew University" lehrende Nahost-Historiker Moshe Maoz. 20 Jahre hätten die Palästinenser unter dieser Besatzung gelebt. "Und obwohl sie vielleicht etwas freizügiger als andere war, war es dennoch eine Besatzung. Man kann sich nicht bewegen, es kommt zu Einschränkungen und Demütigungen." Diese hätten zum Ausbruch der ersten Intifada geführt.

Das leugnet auch der Politikwissenschaftler Efraim Inbar nicht. Allerdings verweist der Direktor des "Begin-Sadat Center for Strategic Studies" an der Bar Ilan Universität darauf, dass der Besatzung der Sechs-Tage-Krieg des Jahres 1967 vorausging. "Da war eine gegen Israel gerichtete Aggression. Und als Reaktion darauf besetzten wir die Gebiete, von denen diese Aggression ausging."

Tod und Gewalt

Unter dieser Besatzung hätten die Palästinenser allerdings in vielerlei Hinsicht leiden müssen, erklärt der Politologe Mahdi Abdul Hadi von der "Palestinian Academic Society for the Study International Affairs" ("Passia"). Darum hätten seine Landsleute durch den Aufstand vor allem eine Botschaft an die Israelis richten wollen: "Wir teilten ihnen mit: Wir wollen Euch nicht vernichten, wir wollen Seite an Seite mit Euch leben. Wir fordern nur, als dass Ihr unsere Würde, unsere Rechte und unsere Zukunft auf 22 Prozent des besetzten Bodens im Westjordanland, des Gazastreifens und Ost-Jerusalems anerkennt." Doch zu Gesprächen kam es vorerst nicht. Stattdessen herrschte Gewalt. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B´t selem zählte man am Ende der Intifada rund 1550 Tote auf palästinensischer und 420 auf israelischer Seite.

Kreativer Widerstand

Doch die Palästinenser probten auch neue, friedliche Mittel des Widerstands. Palästinensische Geschäfte öffneten nicht mehr oder nur für wenige Stunden - und schufen so ein Bild, das für Israel außerordentlich peinlich war. Sie entrichteten keine Steuern und kauften keine israelischen Produkte mehr. Und immer wieder sammelten sie sich zu Protestmärschen. Die Demonstranten, so Mahdi Abdul Hadi, gaben den Israelis auf diese Weise zu verstehen, dass sie bleiben würden. Vor allem eines hätten sie den Israelis klar machen wollen: "Ihr könnt uns weder vernichten noch deportieren. Ihr könnte uns zwar ins Gefängnis werfen. Aber damit bewegt Ihr euch in Richtung eines Apartheid-Systems."

Als Apartheid bezeichnen die Palästinenser auch den fortschreitenden Siedlungsbau. Diesen setzte Israel trotz der beiden Oslo-Abkommen von 1993 und 1995 fort. Auf deren Grundlage konnten die Palästinenser einen Teil ihrer Gebiete zwar selbst verwalten. Doch die entscheidende Frage nach den endgültigen Grenzen zwischen Israel und einem künftigen Palästinenserstaat wurde nicht geklärt. Der Grenzverlauf ist bis heute offen. Israel, so darum der palästinensische Vorwurf, wolle durch den Siedlungsbau Fakten schaffen, die auch den Verlauf der künftigen Grenze bestimmen.

Bagger in der Siedlung Maale Adumim östlich von Jerusalem (Foto: dpa)

Die Siedlung Maale Adumim östlich von Jerusalem

Lockruf der Bibel

Diese Kritik will Efraim Inbar nicht gelten lassen. Er führt für den Siedlungsbau religiöse Gründe an. Das Judentum sei die nationale Religion Israels. Darum seien nationale und religiöse Motive fest miteinander verwoben. "Einige Israelis schauen zurück in die Geschichte und in die Bibel - und sie sehen auf ein Land, in dem die jüdische Kultur entstanden ist. Es ist also nachvollziehbar, dass sie in dem Land der Propheten zu leben versuchen. Das biblische Land erweckt bei manchen Israelis eine Menge nationaler Gefühle."

Doch kann man sich bei Fragen zeitgenössischer Grenzziehung auf weit zurückliegende historische Gründe oder religiöse Gefühle berufen? Der palästinensische Politikwissenschaftler Abdul Hadi sieht im fortgesetzten Siedlungsbau vor allem ein Hindernis zu einer friedlichen Einigung zwischen den beiden Parteien. "Es zeigt uns, dass die Israelis vor allem eine Botschaft an uns richten: Wir werden die Westbank niemals verlassen. Um den Gazastreifen sollen die Ägypter sich kümmern. Und Jerusalem wird eine israelische Stadt werden."

"Judenreine" Gebiete?

Ein israelischer Panzer (Foto: dpa)

Viele fürchten eine dritte Intifada

Efraim Inbar hingegen wirft den Palästinensern vor, sich gegenüber den Israelis abzuschotten. Dazu bemüht er einen historisch stark belasteten Begriff: "Sollte jemals ein palästinensischer Staat gegründet werden, wüsste ich nicht, warum das Gebiet dieses Staat ´judenrein` sein sollte." Eine solche Argumentation wollen zumindest die säkularen Palästinenserorganisationen nicht stehen lassen. Immer wieder betonen sie, dass sie sich nicht gegen das Judentum richteten, sondern gegen die israelische Politik in den Autonomiegebieten. Diese, so Abdul Hadi, erlebten sie eben nicht als multireligiöses Miteinander, sondern als Besatzung.

Und das Argument, die Siedlungen dienten der Sicherheit Israels, ist auch unter Israelis umstritten. "Das ist Unsinn", erklärt Moshe Maoz. "Das Gegenteil trifft zu: Die Soldaten müssen die Siedler schützen. Sie müssen jedes Kind schützen, das auf dem Weg in eine andere Siedlung oder Stadt ist. Mit Sicherheit hat das nichts zu tun." 25 Jahre sind seit dem Ausbruch der ersten Intifada vergangen. Anfang des neuen Jahrtausends folgte eine zweite Intifada. Doch die wesentlichen Konflikte bestehen weiter. Nach den jüngsten Auseinandersetzungen fürchten viele eine dritte Auflage des "Kriegs der Steine".

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