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Fokus Südosteuropa

Internet-Hasstiraden auf Bestellung

Die politische Kultur in Südosteuropa ist oft polemisch. Dies spiegelt sich auch im Internet wider. Hasstiraden richten sich gegen Akteure aus Politik und Gesellschaft. Gezielte Online-Angriffe sind auch eine Geldquelle.

Der Zeigefinger einer Männerhand tippt auf der Tastatur eines Computers (Foto: dpa)

Online läßt es sich leicht anonym hetzen

Ein Gespenst geht um in Südosteuropa: das Gespenst des professionellen Beschimpfens im Internet. Es geistert täglich durch Online-Zeitungen, Blogs und Foren aller Art. Dort hinterlässt es Hasstiraden gegen die politischen Gegner seines jeweiligen Brötchengebers - am liebsten mitten im Wahlkampf.

Der Job eines Profi-Beschimpfers ist gemütlich: Ein eifriger Verunglimpfer kann seine Arbeit sogar Zuhause im Schlafanzug bei einer Tüte Chips erledigen.

Schimpf-Experten auf Parteikosten

Frau mit Kind geht an Wahlkampfplakaten der Präsidentschaftsgegner Traian Basescu (links) und Mircea Geoana (rechts) in Bukarest vorbei (Foto: dpa)

Basescu (links) und Geoana (rechts) nutzten Profi-Beschimpfer

Vlad Ursulean aus Bukarest zum Beispiel bombardierte rumänische Internetseiten mit beleidigenden Kommentaren über die beiden aussichtsreichsten Kandidaten im Präsidentschafts-Wahlkampf 2009 - im Auftrag der Partei des dritten Anwärters.

Was keiner damals wusste: Der junge Mann ist eigentlich Journalist und recherchierte undercover. "Jeden Tag erhielt ich per Email eine Liste mit 30 bis 40 Links zu Artikeln aus der Online-Presse, aber auch zu diversen Blogs und Foren", sagt Ursulean über seinen Undercover-Einsatz und fügt hinzu: "Dazu kam eine Liste mit den 'Botschaften', die ich dort als Kommentare zu diesen Einträgen verfassen sollte." Zum Beispiel, dass Rumäniens Präsident Traian Basescu an allen Missständen im Land persönlich schuld sei oder dass sein Gegenkandidat Mircea Geoana das eine oder andere Verbrechen begangen habe. "Also direkte Angriffe gegen die Kandidaten", sollte Ursulean starten.

Den Kontakt zu seinen Auftraggebern hatte der Undercover-Journalist über Facebook gefunden: Mit mehreren fiktiven Accounts trat er den Gruppen der Liberalen bei und wurde schnell als Mitarbeiter engagiert. Nach seinen Recherchen kann Vlad Ursulean bestätigen, dass keine der wichtigen rumänischen Parteien vor diesen Praktiken zurückschreckt.

Bereits vor mehr als einem Jahr erklärte ein sozialdemokratischer Senator aus Bukarest in einem Interview, seine Partei hätte Leute dafür bezahlt, politische Gegner online zu beschimpfen. Er bereuee nur Eines: Dass die Sozialdemokraten weniger Schimpf-Experten unter Vertrag hatten als ihre politischen Gegner.

Roma-Familie steht in Rumänien vor ihrem Haus (Foto: Picture Alliance / dpa)

Minderheiten wie Roma werden häufig angefeindet

Hatz gegen Minderheiten

Auch in Bulgarien lassen sich Hasstiraden in klingende Münze verwandeln, erklärt der Sozialanthropologe Haralan Alexandrov aus Sofia: "In der Tat können wir davon ausgehen, dass ein Teil der Postings von Parteimitgliedern geschrieben beziehungsweise beeinflusst sind." Solche Postings würden auch häufig in den Foren aber auch mit dem Hinweis abgetan, der Autor sei ein bezahlter User.

Dieser Hinweis ist Haralan Alexandrov zufolge dadurch auch Teil des aggressiven Sprachgebrauchs in den Internetforen, der keine andere Meinung duldet. "Zusammenfassend kann ich sagen, dass die bulgarischen Internetforen sehr unzivilisiert sind", so Alexandrov. Zu dieser "unzivilisierten" Welt des Internets in Südosteuropa gehören nicht nur die digitalen Söldner von Parteien, die sich durch "hate speech" im Internet ihr Auskommen verdienen.

Viele Hasspostings sind ernst gemeint: Zum Beispiel, wenn in bulgarischen Internet-Foren die Roma beschuldigt werden, die Bevölkerung böswillig zu berauben. Alexandrov warnt, dass sich gerade in Krisenzeiten rassistische und fremdenfeindliche Äußerungen im Internet besonders schnell verbreiten.

Intoleranz verbreitetes Phänomen

Symbolbild: Drohung mit einer Waffe per E-Mail auf einem Computer (Montage: DW)

Aufrufe zu Gewalt nur ein Einzelphänomen?

Ressentiments zwischen verschiedenen Ethnien verbreiten sich ungestört im virtuellen Raum, sagt auch Ibrahim Makolli vom Journalistenverband des Kosovo: "Unter den Internet-Usern gibt es einen Krieg - das ist nicht nur hier im Kosovo zu beobachten, sondern überall in den Balkanländern. An den Äußerungen ist eine große Intoleranz zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen auf dem Balkan festzustellen." Doch Makolli glaubt nicht, dass diese Hetztiraden einen gefährlichen Einfluss auf die breite Öffentlichkeit haben werden. Aus seiner Sicht handelt es sich trotz des harschen Tones um Einzelphänomene.

Auch eine mazedonische Facebook-Gruppe, die sich gegen die Menschenrechtlerin Irena Cvetkovic wendet, könnte als Einzelphänomen eingestuft werden. Dadurch sind die Hasstiraden gegen die Betroffene aber nicht weniger schmerzhaft. Weil sie sich in Mazedonien gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und ethnischen Minderheiten einsetzt, rufen die in der Facebook-Gruppe versammelten Mitglieder sogar zur Gewalt gegen die Aktivistin auf.

Diese gibt sich widerum kämpferisch: "Ich lasse mich davon weder abschrecken noch beleidigen. Es ist alarmierend, dass so viele Leute denken, man würde seinen Staat verraten, wenn man für die Menschenrechte kämpft."

Computer und Monitor mit rotem Verbotsschild (Foto: DW/Bilderbox)

Selbstzensur statt staatlicher Reglementierung

Selbstkontrolle gefordert

Irena Cvetkovic versucht, diese Hasstiraden so weit wie möglich zu ignorieren. Anders ging eine junge rumänische Parlamentarierin mit dem Phänomen des "Hate-Speech" im Internet um. Nachdem sie in diversen Online-Foren mit obszönen Beleidigungen überschüttet wurde, legte die Politikerin einen Gesetzentwurf vor. Das Ziel: Die Kommentarfunktionen von sämtlichen rumänischen Internetangeboten sollen zentral reguliert und überwacht werden.

Cristian Pantazi, der Chefredakteur des größten rumänischen Online-Portals Hotnews.ro, hält diesen Ansatz für verfehlt: "Denn damit würde man die Büchse der Pandora öffnen. Sobald man eine erste Barriere im Internet errichtet, wird der Weg frei für viele weitere Einschränkungen." Und dadurch wäre die Meinungsfreiheit in Gefahr.

Statt einer staatlichen Regulierung von außen ist die Selbstregulierung des Internets gefordert, sagt Liana Ganea von der rumänischen Medienbeobachtungsagentur Active Watch: "Wir finden, dass diese Selbstregulierung von den Betreibern und Besitzern der Seiten kommen muss, nicht von Parlamentariern oder Organisationen zum Schutz der Minderjährigen. Jeder Betreiber eines Online-Angebots muss individuell entscheiden, wie er sein Forum moderiert - und die Verantwortung dafür tragen."

Autorin: Alexandra Scherle

Redaktion: Mirjana Dikic/ Fabian Schmidt

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