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Fokus Südosteuropa

Typisch balkanisch?

Balkanexperte Wolfgang Höpken warnt vor einer Stereotypisierung des Balkans und vor Vorurteilen des Westens gegenüber Südosteuropa. Der demokratische Wandel habe sich auch in der Mentalität der Menschen niedergeschlagen.

Wolfgang Höpgen im Porträt (Foto: DW)

Die Geschichte Südosteuropas ist sein Spezialgebiet: Wolfgang Höpken

DW-WORLD.DE: Gibt es eine balkanisch-politische Kultur?

Wolfgang Höpken: Es gibt sicherlich gewisse Elemente von politischer Kultur, die wir in allen Balkanländern finden. Und die es schon über einen sehr langen Zeitraum gibt, mindestens vom 19. Jahrhundert an bis in die Gegenwart. Diese Elemente sind Ausdruck vergleichbarer Entwicklungsgeschichten der Balkanländer in der Moderne. Ob man dies allerdings als eine "balkanische" politische Kultur bezeichnen sollte - da wäre ich eher zurückhaltend. Zum einen teilen die Balkanländer manche dieser Elemente politischer Kultur durchaus auch mit anderen Regionen Europas. Zum anderen, und das ist wichtiger, reduziert der Begriff der balkanischen-politischen Kultur diese Elemente auf ihre Kernaussage. Er macht sie zu unabänderlichen Wesensmerkmalen der Region und der Völker in dieser Region. Da sind wir natürlich nicht weit entfernt von einer fragwürdigen Stereotypisierung einer ganzen Gegend und einer ganzen Region.

Welche Elemente politischer Kultur sind das, die Sie gerade erwähnen?

Ich will eines herausgreifen: die Skepsis, die Distanz der Menschen zum Staat, das Misstrauen in öffentliche, staatliche Institutionen. Das zieht sich durch die ganze neuere Geschichte der Balkanländer, egal, welches politische System gerade bestand. Das war ein Element der Nationalstaate. Es war in der Zwischen-Kriegszeit genauso präsent wie in der sozialistischen Zeit. Und wir können es auch heute in der Transformationsepoche feststellen. Der Anthropologe Christian Giordana hat die Gesellschaften Südosteuropas einmal mit dem schönen Begriff der "Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens" bezeichnet. Das wäre ein Element einer solchen verallgemeinerbaren politischen Kultur auf dem Balkan.

Sie haben vorhin einige Vorurteile dem Balkan gegenüber erwähnt. Der Balkan gilt in der westlichen Gesellschaft oft als Synonym für Korruption, Machtmissbrauch und populistische Wahlerfolge. Darf man das so generalisieren?

Flaggen der EU und Bulgariens hängen nebeneinander (Foto: AP)

Die EU hatte Finanzhilfen an Bulgarien 2008 gestoppt - wegen Korruption

Jedes Stereotyp greift vermeintliche "Wahrheiten" auf. Ein Stereotyp verallgemeinert wahrgenommenen Phänomene und Erfahrungen, es macht singuläre Phänomene zu Wesensmerkmalen. So ist es auch in diesem Fall. Korruption gibt es natürlich in Südosteuropa. Sogar in ganz erheblichem Maße, das wissen wir alle. Keiner sollte das als volkstümlich abtun. Korruption ist schädlich für die politischen Ordnungen, für die Wirtschaft, für die Menschen. Aber ein solches Phänomen kann man natürlich soziologisch oder sozialhistorisch erklären: Es ist eben ein Ausdruck von Staatsferne, von Skepsis in öffentlichen Institutionen. Vor allem ist es auch ein Ausdruck vom Versagen dieser öffentlichen Institutionen - und es ist nicht im Wesen angelegt. In dieser Verallgemeinerung und Essentialisierung wird das Stereotype schädlich und gefährlich.

Viele Reformen wurden beim Wechsel der politischen Systeme auf dem Balkan durchgeführt. Sind sie auch bei den Menschen angekommen?

Zunächst ist es wichtig, zu betonen, dass die Menschen in der Region die Reformen wollten. Die große Mehrheit wollte ein anderes System, sie wollte und will auch die Eingliederung in Europa. Die Menschen wissen, dass dies nur um den Preis von sehr tief gehenden Reformen zu erreichen ist. Daher sollte man zunächst einmal betonen, dass die Menschen sich innerhalb kürzester Zeit in einen außerordentlichen Umwälzungsprozess gefügt haben. Das sind enorme Anpassungsleistungen gewesen, die jeder einzelne hier zu erbringen hatte. Das wird im Westen manchmal auch übersehen.

Karte Balkanhalbinsel in Englisch (Grafik: DW)

Langsamer Mentalitätswandel auf dem Balkan

Vieles an diesen Reformen war aber sicherlich auch unverständlich und wurde gelegentlich als Bruch mit den eigenen Gewohnheiten, mit eigenen Traditionen begriffen. Ich denke an ein ganz banales Beispiel: In Bulgarien verflog die Begeisterung über den EU-Beitritt sehr schnell, als man auch die von der EU geforderte Besteuerung des selbst gebrannten Schnapses einführen musste. So etwas wurde als Bruch mit Traditionen gewertet.

Viele Reformen, und das ist wichtiger, haben aber in der Praxis sicherlich nicht die Ergebnisse gezeigt, die man erwartet hatte und die versprochen wurden. Das hat Frustrationen ausgelöst. Es sind also weniger die Reformen selbst, die die Menschen unzufrieden gemacht haben, sondern häufig die geringe Effizienz, mit denen sie umgesetzt wurden. In diesem Sinne fallen institutioneller Wandel und Mentalität sicherlich immer noch auseinander. Aber auch das ist kein spezifisch balkanisches Phänomen. Mentalitäten wandeln sich in der Geschichte immer langsamer als Institutionen.

Wolfgang Höpken ist Professor für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig.

Das Interview führte Selma Filipovic

Redaktion: Mirjana Dikic / Julia Kuckelkorn

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