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Politik

Internationale Pressestimmen von Sonntag, 24.Februar 2002

Transatlantischer Streit im Anti-Terror-Kampf

In den ausländischen Tageszeitungen war die harsche Kritik der Europäer an US-amerikanischen Äußerungen zum weiteren Kampf gegen den Terror das meistkommentierte Thema dieser Woche.

In der liberalen österreichischen Zeitung DER STANDARD aus Wien war über das gegenwärtige Verhältnis zwischen den USA und Europa zu lesen:

"Wie so oft schwingen auch bei den momentanen Unstimmigkeiten traditionelle Missverständnisse mit. Viele Europäer stoßen sich an der religiös unterfütterten US-Rhetorik, ohne zu bedenken, dass die Rede vom Guten und Bösen auch stark für den amerikanischen Hausgebrauch bestimmt ist. Daraus wird dann der unzutreffende Schluss gezogen, dass anstelle kühler militärischer Planer nur mehr eifernde Kreuzritter am Werke seien. Umgekehrt haben die Amerikaner mit der Versuchung einer aus militärischer Überlegenheit geborenen Selbstherrlichkeit zu kämpfen. Zwischen Europa und Amerika ist jedenfalls verstärkter Kommunikations- und Klärungsbedarf gegeben. Ein irrationales Hochschaukeln transatlantischer Konflikte wäre das Beste, was Bin Laden und Konsorten passieren könnte."

Der Kommentator der in Straßburg erscheinenden französischen Zeitung DERNIÈRES NOUVELLES D´ALSACE meinte:

"Amerika hat nicht das Recht, seine Vorstellung der Tugend zur universellen politischen Moral zu errichten. Die USA warten mit frappierenden Argumenten auf, doch mit einem enormen Risiko: Sie könnten zukünftige Konflikte anzetteln, wenn sie glauben, im Namen des 'Guten' die jetzigen Konflikte zu beenden."

"Tut sich ein neuer transatlantischer Graben zwischen Europa und Amerika auf?", fragte die Zeitung LUXEMBURGER WORT und riet:

"Beide Seiten können voneinander lernen: Die Europäer, indem sie der Bedrohung ins Auge schauen, die Amerikaner, indem sie erkennen, dass sich nicht alle Weltkonflikte auf militärische Kategorien reduzieren lassen. Amerika und Europa sind keine bequemen Verbündeten, aber auf Dauer eint sie kein bloßes Zweckbündnis, sondern eine wirkliche Wertegemeinschaft in Stichworten: Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft."

Das niederländische unabhängige ALGEMEEN DAGBLAD stellte fest:

"Bush hat Recht, wenn er Saddam Hussein und sein Regime als sehr gefährlich und destabilisierend ansieht. Er hat auch Recht, wenn er dies nicht ohne weiteres akzeptieren will. Eine Militäraktion mit aktiver Unterstützung durch Europa ist nicht auszuschließen. Aber erst ist noch ein diplomatischer Weg zu gehen, und da kann die EU eine Schlüsselrolle übernehmen, vielleicht sogar die Initiative ergreifen. Statt sich über Bushs Rhetorik zu beklagen oder die dominierende Führung der Amerikaner zu kritisieren, sollten die EU- Länder schleunigst über einen aktiven Beitrag zu dem nachdenken, was in den USA als Krieg gegen den Terrorismus bezeichnet wird. In militärischer Hinsicht können die USA dies allein schaffen, aber in politischer und diplomatischer Hinsicht liegt die Zusammenarbeit mit Europa und den Schlüsselländern im Nahen Osten im nationalen Interesse der USA."

So bemerkte denn auch der Kommentator der US-amerikanischen Tageszeitung THE WASHINGTON POST:

"Die Bush-Regierung hat sich zwar gelegentlich unilateraler Neigungen schuldig gemacht, doch in diesem Sinne sollten die Europäer die Worte von der 'Achse des Bösen' nicht interpretieren. Bushs Rede an die Nation sollte weniger als ein Alleingang zur Ausschaltung feindlicher Regierungen, als vielmehr als das Gegenteil verstanden werden: nämlich als der Beginn einer gemeinsamen Kampagne mit dem Ziel, die wichtigsten Verbündeten in Europa, Asien und im Nahen Osten davon zu überzeugen, dass die gegenwärtige Politik des Statuts Quo gegenüber Irak, Iran und Nordkorea nicht länger dazu taugt, diese Länder in Schach zu halten."

Das in London erscheinende britische Massenblatt THE SUN kritisierte:

"Die traurige Tatsache ist, dass die EU das Ausmaß der Bedrohung, das die Achse des Bösen darstellt, einfach nicht begreift. Europas Politiker wackeln - in einer schweren Krisenzeit haben sie gezeigt, dass auf sie kein Verlass ist. Und die Medien in diesem Land haben unsere Feinde aktiv unterstützt - in einer Weise, die im Rückblick als das betrachtet werden wird, was sie ist: schlichter Hochverrat. Nur Tony Blair - und das gereicht ihm zur Ehre - hat bisher standgehalten. Amerika wird notfalls allein handeln - egal was Europas korrupte, undemokratische und moralisch bankrotte Schreiberlinge noch sagen werden. Alles was die 'Sun' sagt, ist das: Großbritannien sollte an Amerikas Seite sein, wenn der Irak ins Visier genommen wird."

Mit Blick auf die Besuche des amerikanischen Präsidenten in Japan, Südkorea und China stellte die italienischen Zeitung LA REPUBBLICA aus Rom abschließend fest:

"Die Asienreise (...) endet daher mit einem politischen Reifungsprozess des amerikanischen Präsidenten: Hier hat er gelernt, dass die Welt kein Schwarz-Weiß-Film ist. (...) Wie lange dieser 'neue Bush' aber Bestand haben wird, der die Notwendigkeit der Nuancen und Differenzierungen gelernt hat, der die Europäer, die es wagten, ihn zu kritisieren, schlecht behandelt hat, der es sich aber nicht leisten kann, China schlecht zu behandeln, weil es einfach zu wichtig ist, wie lange dieser 'neue Bush' so bleibt, das wird man erst sehen, wenn er wieder in seine vier Wände im Weißen Haus zurückgekehrt ist."

  • Datum 23.02.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1sRG
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