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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Papst Johannes Paul II. /Fischer und die Visa-Affäre/EU-Waffenembargo

Das Sterben von Papst Johannes Paul II. veranlasst die internationale Presse zur Würdigung seines mehr als ein Vierteljahrhundert dauernden Pontifikats.

So schreibt die britische Tageszeitung THE TIMES:

"1978 befand sich die katholische Kirche in einer stillen Krise. Die Aufgabe des alten lateinischen Ritus hatte die Traditionalisten empört, der Kirche aber keine neuen Anhänger dazugewonnen. Die Kirche war auch isoliert. Die Vorgänger von Johannes Paul II. hatten Rom kaum je verlassen... Zurecht hat er das, was ihm wichtig war, mit Nachdruck durchzusetzen versucht. Was andere als 'Dogma' verurteilten, hat er als seine wichtigste Pflicht verstanden. Und dann ist er natürlich auch eine befreiende Kraft für Osteuropa gewesen. Die Vereinigung Europas, symbolisiert durch die Osterweiterung der EU im vergangenen Jahr, war die größte Leistung des Papstes auf weltlichem Gebiet. Dieser erstaunliche Mann ist der Papst aller Päpste gewesen."

Auch die russische Tageszeitung KOMMERSANT würdigt das Lebenswerk des Papstes:

"Es war gerade Johannes Paul II., der für die Grausamkeiten der mittelalterlichen Inquisition um Vergebung bat. Er suchte aktiv den interreligiösen Dialog mit Juden und Muslimen. Und der Papst hat keine unwichtige Rolle beim Zusammenabruch des sozialistischen Systems gespielt. Gerade deswegen traf ihn 1981 ein Attentat, hinter dem nach Auffassung westlicher Experten der KGB stand. Während Johannes Paul II. viel für die Erneuerung des Bildes der katholischen Kirche tat, blieb er in allen Grundsatzfragen katholische Lehre und Lebensführung ein Konservativer."

Und in der österreichischen Zeitung DIE PRESSE heißt es:

"Die Welt verabschiedet sich in diesen Tagen von einem Papst, der die Kirche in ihrem universellen Selbstverständnis repräsentiert. Seine Reisen, seine traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit den Medien und sein direkter Zug zum Politischen haben ihn dazu befähigt, sowohl den biblischen Auftrag zur 'Evangelisierung' als auch den Konzilsauftrag zur Verankerung der Kirche in der 'Welt von heute' wie kein Kirchenoberhaupt vor ihm zu erfüllen."

Die französische Zeitung LIBERATION betont die innerkirchliche Leistung Johannes Paul II.:

Es war einer der großen Erfolge von Johannes Paul II., in der katholischen Kirche alle Protestbewegungen von den rechten Fundamentalisten bis zu der linken so genannten Theologie der Befreiung an den Rand gedrängt zu haben. Denn die Kehrseite von Wojtylas Charisma war ein ideologischer und organisatorischer Zentralismus, wie man ihn in dieser Institution seit mehr als tausend Jahren nicht mehr gesehen hatte...Das wird die Arbeit des nächsten zum Regieren berufenen Pontifex erleichtern."

Von einem Pontifikat großen Stils schreibt der britische GUARDIAN- allerdings mit Einschränkungen:

"Der Schauspieler in ihm war fasziniert von Massenveranstaltungen. Er hat sie in größerem Stil zelebriert als jeder totalitäre Staat des 20. Jahrhunderts. Papst Johannes Paul II. hat mehr Leute selig und heilig gesprochen als alle seine Vorgänger zusammen. Doch obwohl er mitgeholfen hat, ein totalitäres Regime zu zerstören, war er selbstautoritär. Aktive Katholiken, die Karol Wojtylas strenge, pessimistische Vision der Welt nicht teilen, sind fast schon vom Aussterben bedroht."

Zwiespältig fällt auch die Bilanz der belgischen Zeitung DE MORGEN aus:

"Das Leben dieses Papstes hätte eine Erfolgsgeschichte sein sollen, aber die Ziele, die er sich zu Beginn seiner Amtszeit setzte, hat er nicht wirklich erreicht. Die große katholische Renaissance ist auch unter ihm nicht gekommen, im Gegenteil: Für viele steht dieses Pontifikat als Synonym für einen Schritt zurück in der Geschichte.... Auch der Platzhalter Christi auf Erden ist letztlich, so hat sich gezeigt, vor allem ein Kind seiner Zeit."

Ganz anders der italienische CORRIERE DELLA SERA:

"Der Prophet, der uns verlässt, hinterlässt eine Leere, die in gleichem Maße auch von Nicht-Gläubigen gespürt wird. Der sterbende Wojtyla hinterlässt auch den Atheisten das Bedürfnis nach Gott als Erbe. Die übermäßig präsenten Medien haben die unschuldige Empfindung von Trauer nicht erstickt - und auch nicht das allgemeine Gefühl, Waisen geworden zu sein."

Themenwechsel: Die deutsche Visa-Affäre und die Rolle von Außenminister Joschka Fischer wird auch im Ausland wahrgenommen. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG meint:

"Fischer ist angeschlagen, und seine Gegner spüren dies. Neuerdings regt sich selbst im Auswärtigen Amt Widerstand gegen den Minister. Zugleich wob man an der Legende, das Auswärtige Amt habe in Opposition zum Regime gestanden. Dabei war das Außenministerium integraler Bestandteil von Hitlers Vernichtungsmaschinerie in Osteuropa. In einem formal selbstständigen Satellitenstaat wie der Slowakei wurde die Deportation der Juden von der deutschen Botschaft koordiniert. Eine selbstkritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, wie sie beispielsweise in der Justiz längst stattgefunden hat, war im Außenministerium überfällig."

Beschädigt sieht auch die französische Zeitung LE MONDE den Minister:

"Er war die Lokomotive der rot-grünen Koalition, die seit 1998 in Berlin regiert, und er war der beliebteste Politiker Deutschlands. Ob die Vorwürfe gegen Joschka Fischer nun berechtigt sind oder nicht, der Außenminister steht in jedem Fall jetzt mit dem Rücken zur Wand. Die christdemokratische Opposition beharrt darauf, dass die parlamentarische Untersuchungskommission Fischer so rasch wie möglich anhört, jedenfalls vor dem 22. Mai, dem Wahltag in
Nordrhein-Westfalen. Eine Wahlniederlage der rotgrünen Koalition in dieser Bastion der Linken würde das Ende der Allianz Schröder- Fischer in Berlin einläuten."

Die Bestrebungen in der Europäischen Union zur Aufhebung des Waffenembargos gegen China kommentiert das österreichische Blatt DER STANDARD:

Bundeskanzler Gerhard Schröders Argumentation und die seiner Mitstreiter in der EU wie Frankreichs Staatschef Jacques Chirac lässt sich auf einen Punkt bringen: Das China von 2005 ist nicht mehr das China von 1989, als die Panzer auf dem Tiananmen-Platz rollten. Das hat seine Logik, hält aber einer Überprüfung in Kernpunkten nicht stand... Die sinnvollere Argumentation würde lauten: Wir ersetzen das nun 16 Jahre alte Waffenembargo durch ein zeitgemäßeres flexibles, aber strengeres Regelwerk zur Exportkontrolle in der EU. Und wir konsultieren uns bei sensiblen Waffenexporten mit den USA - vielleicht innerhalb eines neu zu schaffenden transatlantischen Gremiums. Ehrlicher wäre es und sicherer für Chinas Nachbarn."

Zum Schluss die Meinung des ebenfalls in Österreich erscheinenden KURIER, der sich über die politische Lage in Deutschland besorgt zeigt:

"Zu Zehntausenden zogen sie in der Nacht zur Berliner Mauer, überrannten die Grenze und stürmten jubelnd in den Jahrzehnte verbotenen Westen. Es war der 9. November 1989. Ein historischer Tag, Beginn der deutschen Wiedervereinigung und der Neugestaltung Europas. Und jetzt, gut 15 Jahre danach? Nach einer aktuellen Umfrage wünscht sich ein Viertel der Westdeutschen die Mauer zurück. Die alte Grenze zwischen Ost und West mit Todesstreifen, Selbstschussanlagen und Grenzpolizisten, die auf Republikflüchtlinge schossen. Man glaubt es nicht... Die Mauer als Schutz vor Rekordarbeitslosigkeit, tief greifenden Reformen des Sozialstaates, ein Wall gegen Budgetdefizit, lahmende Wirtschaft, allgemeine Depression? Was ist los in Deutschland?"

  • Datum 02.04.2005
  • Autorin/Autor zusammengestellt von Gerhard M. Friese
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  • Permalink http://p.dw.com/p/6SSn
  • Datum 02.04.2005
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