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Irak

"In Mossul erleben Kinder, was Kinder nicht erleben sollten"

Aus der umkämpften irakischen Stadt sind bereits Tausende Menschen geflohen, darunter viele Kinder. Sie nehmen Eindrücke mit, die sie kaum verarbeiten können, sagt Anna Zügner von der Hilfsorganisation World Vision.

DW: Was wissen Sie über die Lage in Mossul? Wie geht es den Menschen dort?

Zügner: Die Menschen, die zu uns kommen, sind allesamt müde und erschöpft. In der Stadt leben rund 1,5 Millionen Menschen, darunter rund 600.000 Kinder. 20.000 Menschen sind bislang geflohen. Wir haben keine direkten Informationen über die Lage in Mossul, sehen aber am Erscheinungsbild der Flüchtlinge, welche Auswirkungen die Herrschaft des "Islamischen Staates" auf die Menschen hat. Vor allem die Kinder sind sehr eingeschüchtert - das lässt ahnen, was ihnen in den letzten Monaten und Jahren widerfahren ist.

Wie können Sie in dieser Lage helfen?

Wir arbeiten derzeit in einem Flüchtlingslager rund 25 Kilometer von Mossul. Wir versorgen die Menschen mit dem Nötigsten - also Trinkwasser, Nahrungsmittel, dazu sanitäre Anlagen wie Toiletten und Duschen. Vor allem konzentrieren wir uns auf den Schutz von Kindern. Wir haben entsprechende Kinderschutzzentren errichtet. Darin nehmen wir die Kinder auf, die aus Mossul oder der Umgebung kommen. Hier können sie miteinander spielen, kommunizieren, ihre Freizeit verbringen. Zugleich erhalten sie auch psychologische Betreuung. 

Wie gestaltet sich die Annäherung an die Kinder?

Unsere Psychologen versuchen, mit den Kindern zu sprechen und herauszufinden, wie es ihnen geht. Wir versuchen, ihnen so etwas wie Normalität und einen geregelten Alltag zu bieten. Anhand von Spielen versuchen sie, mit ihnen das Erlebte aufzuarbeiten. Wir veranstalten etwa Zeichenstunden mit den Kindern. Dabei beobachten wir, dass viele von ihnen ausschließlich Kriegserlebnisse zu Papier bringen. Sie zeichnen etwa Panzer, Kriegsflugzeuge, Waffen und dergleichen. In Gesprächen mit ihnen versuchen wir, das Erlebte das mit ihnen aufzuarbeiten.

Irak Kampf um Mossul gegen den IS - Flüchtlinge in Qayyarah (Getty Images/AFP/B. Kilic)

Auf der Flucht. Eine Familie aus Mossul verlässt die Stadt.

Wie stehen die Chancen, dass die Kinder sich von solchen Eindrücken wieder erholen?

Die Kinder haben extreme Erfahrungen hinter sich. Es kann darum Jahre dauern, bis sie sich von diesen Eindrücken erholen und zurück zur Normalität finden. Unsere Psychologen berichten von Kindern, die nicht mehr sprechen, weil sie so verängstigt sind. Sie haben eben Dinge erlebt, die Kinder nicht erleben sollten. So hat ein fünfjähriger Junge miterleben müssen, wie sein Bruder auf der Flucht getötet wurde. Er hat dann im Camp mit niemandem gesprochen. Erst später hat er den Psychologen seinen Namen genannt - mehr aber auch nicht. Viele Kinder haben Angst vor Fremden. Nun muss es darum gehen, diese Ängste abzubauen. 

 Wie sieht es logistisch aus? Wie viele Plätze stehen für Flüchtlinge bereit?

Derzeit stehen Plätze für ungefähr 55.000 Menschen bereit. Es braucht also dringend neue Camps. Es sind auch einige im Bau. Word Vision und andere Hilfsorganisationen stehen bereit, den Menschen zu helfen. Allerdings braucht es dringend Spenden, um den Menschen angemessen helfen zu können. Zudem steht der Winter vor der Tür. In den letzten Tagen sind die Nächte empfindlich abgekühlt. Zusätzlich zu der erwähnten grundlegenden Versorgung braucht es darum dringend Decken und Winterkleidung.

Es ist durchaus denkbar, dass noch sehr viele Menschen aus Mossul fliehen werden. Unseren Schätzungen zufolge könnten es bis zu 700.000 sein. Auch ihnen muss geholfen werden. Umso mehr sind die Hilfsorganisationen vor Ort auf Spenden angewiesen. Wichtig ist auch, dass sämtliche Konfliktparteien den Schutz der Zivilisten achten und ihnen sichere Fluchtwege aus der Stadt bieten.

 

Anna Zügner arbeitet für die Hilfsorganisation World Vision im nördlichen Irak.

Das Gespräch führte Kersten Knipp.

 

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