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Europa

In Istanbul kehrt der Alltag nur langsam ein

Die Menschen in Istanbul trauern um die Opfer des Selbstmordanschlags am Wochenende. Gleichzeitig versuchen sie, in ihren Alltag zurückzukehren. Das ist gar nicht so einfach, berichtet Anna Lekas Miller aus Istanbul.

Auf der Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul liegen türkische Flaggen auf einem Bett aus weißen und roten Blumen. Sie liegen genau dort, wo sich zwei Tage zuvor ein Mann in die Luft gesprengt hat. Bei dem Anschlag kamen vier Touristen ums Leben, 39 Menschen wurden verletzt. "Ich kann nicht glauben, dass es hier passiert ist", sagt Asil, eine 29 Jahre alte Anwältin. Sie arbeitet in der Nähe und ist an den Tatort gekommen, um den Opfern ihren Respekt zu bezeugen. "Ich gehe hier jeden Tag entlang auf meinem Weg zur Arbeit."

Die Bombe explodierte gegen 11 Uhr am Samstagmorgen. Dann ist es normalerweise noch ruhig auf der Istiklal. Sonst tummeln sich auf der Straße gleichermaßen Touristen und Einheimische, die dort zum Shoppen oder Essen gehen.

Als der Tatort geräumt war und die Straße freigegeben, versammelten sich dort Bürger, legten Blumen und Kerzen nieder sowie Schilder, auf denen sie in verschiedenen Sprachen Terror verurteilen und ihre Anteilnahme für die Opfer, Istanbul und die Türkei ausdrücken. Auf einem Schild stand auf Französisch: "Vor ein paar Monaten waren wir Paris. Heute sind wir Istanbul." Weiter auf Türkisch dann: "Wir haben keine Angst. Wir werden uns nicht daran gewöhnen. Wir werden nicht schweigen."

Istanbul nach dem Istiklal Anschlag TrauerDW/Anna Lekas Miller.

Im Gedenken an die Opfer - Beileidsbekundungen am Ort des Anschlags

Täter soll Terrormiliz IS angehört haben

Schon vor dem Anschlag hatte es Sicherheitsbedenken gegeben. Am Sonntag wurde das kurdische Neujahrsfest Newroz gefeiert. Rund um dieses Fest war wegen des eskalierenden Konflikts zwischen kurdischen Organisationen und der Regierung im Südosten des Landes mit möglichen Gewalttaten gerechnet worden. Der Selbstmordattentäter von Istanbul hatte dagegen keine Beziehungen zur verbotenen kurdischen Partei PKK, sondern zur Terrormiliz "Islamischer Staat", im Arabischen Daesh genannt.

"Die Ermittlungen haben gezeigt, dass der Terrorist Verbindungen zu Daesh hatte“, sagte der türkische Innenminister Efkan Ala auf einer Pressekonferenz. "Wir prüfen aber noch andere Verbindungen oder Hintermänner." Er spielt damit auf die beiden Anschläge in der türkischen Hauptstadt Ankara sowie weitere Attentate im Südwesten in diesem Jahr an, die von PKK-Anhängern verübt wurden.

Gespenstische Stille in Istanbul

Für die Türkei ist 2016 mit Blick auf die Terrorbekämpfung kein gutes Jahr: Neben der steigenden Zahl von Anschlägen kurdischer Organisationen gewinnt die Terrormiliz IS im Land an Zulauf. Der Innenminister betonte: "Der Kampf gegen den Terror wird weitergehen."

In den Stunden nach dem Anschlag hatte sich anstelle des sonst üblichen Chaos in Istanbul eine unheimliche Stille breit gemacht. Die normalerweise so belebte Istiklal war wegen der Ermittlungen geschlossen. Auch wenn der Nahverkehr weiter lief, mieden viele Menschen die U-Bahnen und Fähren, die die Stadt verbinden, weil sie in der Vergangenheit mehrfach Ziele von Anschlägen waren. Auf den sonst chronisch verstopften Straßen war kaum etwas los.

Fußgänger in Istanbul nach dem Istiklal Anschlag Foto: DW/Anna Lekas Miller.

Auf die Straßen in Istanbul trauten sich nur wenige Menschen

Eltern lassen Kinder zuhause

Am Abend nach dem Anschlag waren auch die Clubs und Bars am Taksim-Platz an der Istiklal geöffnet. Dort ist in normalen Nächten immer etwas los, es läuft Musik und Menschen stehen auf der Straße. Die Läden blieben aber an diesem Samstag fast leer. "Wir hatten gehofft, dass einige Leute kommen, um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen", sagte Ozan, Manager einer beliebten Bar im nahegelegenen Viertel Cihangir. Doch die meisten Stühle seiner sonst gut gefüllten Bar sind frei geblieben. "Ich glaube, die Leute sind noch nicht bereit dazu."

Am Montagmorgen öffneten die Händler in der Istiklal wieder ihre Geschäfte in der Hoffnung auf Kunden. Einige berichteten aber, dass Mitarbeiter zuhause blieben oder Eltern ihre Kinder nicht in die Schule gegenüber des Tatorts schicken wollten. "Es fühlt sich merkwürdig an, Kunden zu begrüßen und dabei genau auf den Tatort zu schauen", sagte auch Fatih der DW. Er ist Verkäufer in einem Modegeschäft genau gegenüber des Ortes der Explosion. Nach dem Anschlag hatten sich viele Meschen in dem Geschäft versteckt und auf die Evakuierung gewartet. Geschützt wurden sie von einer Metallbarrikade. "Aber ich musste heute arbeiten, und das Leben muss ja auch weitergehen. Wir werden unsere Leben nicht im Schatten leben."

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