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Kultur

In China beginnt der Kampf gegen die Zeit

Chaos in China: Nach dem verheerenden Erdbeben wird mit einer weit größeren Opferzahl gerechnet als bisher angenommen. Für Helfer, die nach Verschütteten graben, zählt jede Minute. Nachbeben sorgen weiter für Unruhe.

Ein Helfer versorgt die Leiche eines Schülers

Tod mit dem Stift in der Hand: Ein Helfer versorgt die Leiche eines Schülers

Nach dem schweren Erdbeben in China ist die Zahl der Toten bis zum späten Dienstagabend (13.05.08) auf mehr als 12.000 gestiegen. Die Opferzahlen dürften weiter zunehmen, da das Ausmaß der Katastrophe schwer abzuschätzen war. Tausende Menschen waren weiter unter Trümmern verschüttet. Zehntausende sind obdachlos. Dutzende von Nachbeben bis zur Stärke von 6,1 erschütterten die schwer betroffene Provinz Sichuan. Die Bergungsmannschaften kämpften gegen die Zeit. "Jede Sekunde ist kostbar", mahnte Regierungschef Wen Jiabao. Mehrere zehntausend Menschen wurden verletzt. Dringend werden Trinkwasser, Medizin, Zelte und Nahrungsmittel benötigt.

Wundverbände aus Vorhängen und Bettlaken

Ausschlag Erbeben als Grafik - AP

Starker Ausschlag: Nur 1976 bebte die Erde in China stärker

Das Beben der Stärke 7,8 auf der Richter-Skala hatte die Region am Montagnachmittag um 14.30 Uhr (Ortszeit) erschüttert. Einen Tag danach waren die Straßen in dem schwer betroffenen Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, immer noch durch Erdrutsche und Felsbrocken versperrt. Es gab keinen Kontakt zu rund 60.000 Einwohnern in mehreren Orten. Gerüchte über fast 19.000 Verschüttete in der Stadt Miyang bestätigten sich nicht. Schwer betroffen war der Ort Mianzhu. Dort starben 2000 Menschen, 4800 Menschen waren noch verschüttet. Wie dramatisch die Lage ist, zeigte die Aussage eines Beamten des Gesundheitsamtes: "Bettlaken und Vorhänge sind zerrissen worden, um als Verbandmaterial benutzt zu werden."

Der Vizeparteichef von Mianzhu, Zheng Zemin, sagte: "Wir leiden unter einem ernsthaften Mangel an Trinkwasser und Nahrung." Die Wasserversorgung sei fast ganz unterbrochen. Mehr als 10.000 Obdachlose hätten die Nacht im Freien verbracht. "Die Krankenhäuser sind voll, und Zelte werden benötigt, um die Verletzten zu versorgen." Im Erdbebengebiet stürzten mehrere Schulen ein und begruben Hunderte von Schülern, ohne dass Aussicht auf Rettung bestand.

Änderungen für den Fackellauf

Unter den Trümmern liegen Tausende begraben - AP

Unter den Trümmern liegen Tausende begraben

Der olympische Fackellauf wird in China angesichts der vielen Opfer seinen Charakter ändern. Die Feiern am Wegesrand und der Aufwand an den Stationen sollen bescheidener ausfallen, kündigte der Sprecher des Organisationskomitees an. Der ernstere Charakter des Laufes werde möglicherweise bis Juni beibehalten, wenn das olympische Feuer auch die vom Erdbeben betroffene Provinz Sichuan erreiche. Jeweils zu Beginn des Laufes werde es künftig eine Schweigeminute für die Opfer geben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kündigte am Dienstag eine Spende von einer Million Dollar (rund 650.000 Euro) für die Opfer und den Wiederaufbau an.

Es waren die folgenschwersten Erdstöße seit dem schweren Beben 1976 in der nordostchinesischen Stadt Tangshan unweit von Peking, wo 242.000 Menschen ums Leben gekommen waren. Während des Bebens hielten sich auch deutsche Urlauber in Sichuan auf. Verletzte gab es aber nicht, berichteten drei deutsche Anbieter von Chinareisen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte, es lägen keine Erkenntnisse über mögliche deutsche Opfer vor. Eine 15-köpfige britische Reisegruppe gilt als vermisst. Unter den Opfern des Bebens sind bereits Touristen: Ein Erdrutsch begrub einen Reisebus in Maoxian und tötete 37 Insassen. Mehr als 2000 Touristen steckten in der Präfektur Aba fest.

Hilfszusagen aus Berlin und Washington

Erste Hilfe für die Opfer rollte am Dienstag an: Ärzteteams und Helfer wurden nach Sichuan entsandt. Die Fluggesellschaft China Eastern Airlines schickte vier Maschinen mit Hilfsgütern und hunderte Mitglieder der Rettungsmannschaften aus anderen Städten in die Provinzhauptstadt Chengdu. Die Armee setzte mehrere zehntausend Soldaten ins Katastrophengebiet in Marsch. Die Regierung in Peking stellte 360 Millionen Yuan (heute 33,5 Millionen Euro) für die Katastrophenhilfe zur Verfügung. Das Verwaltungsministerium schickte 60 000 Zelte.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier - AP

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte 500.000 Euro Soforthilfe zu

Die Bundesregierung hat eine halbe Million Euro Soforthilfe freigegeben. Das Geld werde für Hilfsmaßnahmen des Roten Kreuzes in China bereitgestellt, erklärte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Dienstag im russischen Jekaterinburg. Auch die USA reagierten mit 500.000 Dollar Soforthilfe auf das Beben. In einem Telefongespräch mit seinem Pekinger Kollegen Hu Jintao habe US-Präsident Bush sein Beileid übermittelt und "jede mögliche Hilfe" angeboten, sagte US-Präsidentensprecherin Dana Perino am Dienstag in Washington. Russland schickt ein Spezialflugzeug mit Feldlazarett und Einsatzkräften.

Beben beeinflusst Wirtschaft kaum

Die Katastrophe wirke sich auf Chinas Unternehmen wahrscheinlich weniger stark aus als die schweren Schneestürme im vergangenen Winter, sagten Analysten am Dienstag. Die betroffene Provinz Sichuan und die benachbarte Region Chongqing tragen nach Angaben der Investmentbank Lehman Brothers nur 3,5 Prozent zur chinesischen Industrieproduktion bei. Der Anteil an allen Exporten beträgt sogar nur ein Prozent. Nach Einschätzung von Experten hatten die Schneestürme stärkere Auswirkungen. Damals wurden weite Teile Zentralchinas lahmgelegt. Viele Transportwege waren unpassierbar, Stromnetze brachen zusammen, und die Aluminiumproduktion kam zum Erliegen. Allerdings wird in Sichuan neun Prozent der in China produzierten Reismenge geerntet. Selbst wenn das Beben nur geringe Folgen auf die Landwirtschaft hat, könnten Preise wegen Panikkäufen steigen. China hat bereits mit einer hohen Inflation zu kämpfen. (tos)

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