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Wissen & Umwelt

Immunologe: Langer Weg bis zum Dengue-Impfstoff

Die Entdeckung eines Antikörpers gegen alle vier Subtypen des Dengue-Virus ist vielversprechend, sagt der Immunologe Bernhard Fleischer. Trotzdem gibt es weiterhin viele Hürden, um einen Impfstoff herzustellen.

Deutsche Welle: Herr Dr. Fleischer, Britische Forscher haben einen Antikörper entdeckt, der in der Lage ist, alle vier bekannten Typen des Dengue-Virus anzugreifen. Warum ist diese Entdeckung so wichtig?

Bernhard Fleischer: Wenn man mit einem Subtyp des Virus infiziert wird, ist man dadurch nicht gegen die anderen Subtypen geschützt. Man kann also vier Mal an Dengue-Virus-Infektionen erkranken. Manchmal verläuft die Zweitinfektion noch schwerer als die Erstinfektion und das ist ein großes Problem. Man hätte gerne einen Impfstoff, der gegen alle vier Typen schützt.

Wie kommt es denn dazu, dass die zweite Infektion schwerer verlaufen kann, als die erste?

Das wird darauf zurückgeführt, dass das Immunsystem Antikörper bildet, die die anderen drei Dengue-Viren nicht unschädlich machen, sondern eher ihre Infektiosität verstärken. Ob das wirklich der Grund dafür ist, ist allerdings fraglich. Es ist auch nicht ganz klar, wie oft das vorkommt. Obgleich es umstritten ist, steht die These im Raum. Eindeutig ist aber, dass wir nach einer Dengue-Infektion nicht gegen eine Infektion mit einem anderen Denguevirus geschützt sind.

Prof. Dr. Bernhard Fleischer, Immunologe und Leiter des Deutschen Referenzzentrums für tropische Infektionskrankheiten (Foto: Bernhard-Nocht-Institut)

Prof. Dr. Bernhard Fleischer glaubt, dass eine Impfstoffentwicklung noch Jahre dauern kann.

Das Ziel ist also, einen Antikörper zu finden, der auf alle Typen anspricht. Wie lange kann es jetzt dauern, bis daraus ein wirksamer Impfstoff entwickelt wird?

Das ist noch völlige Grundlagenforschung. Zunächst hat man eine Stelle auf dem Virus identifiziert, die allen vier Subtypen gemeinsam ist. Und Antikörper gegen diese eine Stelle sind tatsächlich in der Lage, alle vier Viren unschädlich zu machen.

Man müsste also diese spezifischen Stellen des Virus irgendwie in einem Impfstoff verarbeiten. Das Problem dabei ist, dass das Immunsystem solche Antikörper bei einer normalen Infektion gar nicht richtig bildet, sondern nur vorübergehend. Das interessante ist, dass dieser schützende Antikörper anscheinend nur kurzfristig da ist oder nur in so kleinen Mengen entsteht, dass die Person, die eine Infektion durchgemacht hat, nicht gegen die anderen Subtypen geschützt ist.

Man konnte die Antikörper nur ausfindig machen, indem man sie durch Klonierung vermehrt und dadurch quasi unsterblich gemacht hat. Es wird also noch ein sehr langer Weg vor uns liegen. Immerhin zeigt es, das so etwas möglich ist, aber mehr ist das noch nicht.

Es war also die Suche nach einer Nadel in Heuhaufen, die zudem nur ganz kurz existiert…

Ja, und die hat sogar funktioniert. Überraschend dabei: Das Virus kommt ja aus der Mücke. Das Virus, das sich in der Mücke vermehrt, und das uns zuerst infiziert, sieht etwas anders aus als das Virus, das sich später in menschlichen Zellen vermehrt und dann weitere Zellen befällt. Und dieser neue Antikörper schützt gegen beide Typen.

Er würde sowohl das Virus, das aus der Mücke kommt, als auch das Virus in uns selbst neutralisieren. Insofern ist er eigentlich ideal. Könnte man die Bildung solcher Antikörper gezielt in den Geimpften herauskitzeln, dann könnte man damit wahrscheinlich auch einen guten Schutz erreichen.

Aber das Problem liegt im Detail: Der Antikörper ist gegen ein sogenanntes konformationelles Epitop gerichtet – also diese besagte Stelle auf dem Virus. Und das ist eben nicht irgendeine Stelle des Virus, die einfach herzustellen ist, sondern es sind mehrere Eiweiße, die sich in einer bestimmten Form zusammenlagern und erst dadurch die neutralisierende Stelle bilden. Und das ist in einem Impfstoff sehr, sehr schwer herzustellen. Ich weiß gar nicht, ob man das überhaupt machen kann.

Es gibt ja noch einen anderen Impfstoff, Chimerivax von Sanofi Pasteur. Der soll ja auch alle vier Subtypen angreifen. Was ist der Unterschied zu der neuen Entdeckung?

Die neue Entdeckung würde bedeuten, dass man einen Impfstoff mit nur einem Eiweiß produzieren könnte, das in der Lage wäre, dann gegen alle vier Typen zu schützen. Das wäre ideal. Es ist aber sehr schwierig dieses Eiweiß überhaupt herzustellen, weil es wahrscheinlich gar nicht nur ein einzelnes Eiweiß ist, sondern zwei Eiweiße, die in einem bestimmten Verhältnis zusammen gebunden sein müssen.

Die Alternative wäre, dass man einen Impfstoff herstellt, der deshalb gegen alle vier Virentypen schützt, weil er alle vier Viren enthält. So funktioniert der ChimeriVax Impfstoff, den es schon gibt. Dabei handelt es sich um ein gentechnisch verändertes Gelbfieber-Virus, wo statt der Gelbfieber-Eiweiße jetzt die Dengue-Virus Eiweiße eingebaut sind. Es wäre wie eine Infektion mit allen vier Viren gleichzeitig, aber mit abgeschwächten Viren.

Dieser Impfstoff ist gerade in Thailand untersucht worden. Weitere große Studien laufen. Er zeigt einen deutlichen Schutz, allerdings keinen absoluten. Man konnte bisher etwa ein Drittel der geimpften Kinder vor einer Infektion schützen. Der Schutz ist also nicht hundertprozentig.

Ist denn erkennbar, ob die Zweitinfektionen bei diesem Impfstoff glimpflicher verlaufen?

Das wäre die Hoffnung. Aber es sind noch Studien nötig, um herauszufinden, ob die Infektionen insgesamt schwächer verlaufen, der Impfstoff also wenigstens einen relativen Schutz bietet – da wäre ja auch schon viel gewonnen. Man kann es aber noch nicht sagen.

Das Interview führte Fabian Schmidt

Der Immunologe Prof. Dr. Bernhard Fleischer leitet am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg das Nationale Referenzzentrum für tropische Infektionserreger.