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Geschichte

"Im Zweiten Weltkrieg steckt der Kern menschlichen Dramas"

Der britische Historiker und Pritzker-Preisträger Antony Beevor im DW-Interview über die Auswirkungen von Hitlers und Stalins Terror auf den einzelnen Menschen, die japanische Niederlage und Fragen der Moral.

DW: Am 1. September 1939 überfiel Hitlers Wehrmacht Polen. War dies der Beginn des Zweiten Weltkriegs?

Antony Beevor: Ich glaube nicht alleinig, denn das Wichtige am Zweiten Weltkrieg ist natürlich, dass es sich um ein Aufeinandertreffen vieler verschiedener Konflikte handelt. Einer der wichtigsten ist der Chinesisch-Japanische Krieg, über den wir im Westen viel zu wenig wissen. Ich beginne nicht ohne Grund mein Buch mit der Schlacht von Chalchin Gol [im Mai 1939, Anm. der Redaktion]. Dies war keine besonders große Schlacht, aber sie hatte enorme Auswirkungen auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs nicht nur im Pazifik, sondern auch an der Ostfront. Die japanische Niederlage führte dazu, dass Japan Hitler nicht im Kampf gegen Moskau beispringen wollte. Dies zeigt, wie sehr es sich tatsächlich um einen globalen Krieg und nicht nur um einen europäischen Krieg handelte.

Ich war überrascht, dass Sie ihr Buch mit dem Beispiel des jungen Koreanischen Soldaten Yang Kyungjong beginnen. Warum haben Sie gerade ihn ausgewählt?

Er steht für zwei Dinge: Der eine ist der wahrhaft globale Aspekt dieses Krieges. Da ist dieser junge Koreaner, der gezwungen wird in der chinesischen Armee in der Mongolei zu kämpfen, dann von den Russen gefangen genommen und in sowjetische Uniform gesteckt wird. Dann wird er von den Deutschen gefangengenommen, in ihre Uniform gezwungen und gerät erneut in Kriegsgefangenschaft – diesmal in die der Amerikaner. Er ist einmal um die Welt gekommen. Diese Geschichte unterstreicht, wie wenig Möglichkeiten ein einfacher Mensch hatte, die Strippen seines eigenen Schicksals zu ziehen. Das hat mich sehr berührt.

Wer hat den Krieg angefangen? War es doch nicht Hitler?

Hitler hätte in jedem Fall den Krieg angefangen – und das hat er in Europa ja auch getan. Aber er hat ganz und gar nicht jenen im Fernen Osten begonnen. Natürlich spielt der Krieg in Europa eine entscheidende Rolle und Hitler war definitiv derjenige, der ihn unbedingt wollte und der für die unglaubliche Brutalität sorgte, die diesen Krieg auszeichnete.

Wie wichtig war die Appeasement-Politik der Briten? Zum Beispiel keine Reaktion zu zeigen, als Hitler Truppen in die entmilitarisierte Zone des Rheinlands schickte, keine Antwort als Hitler die Tschechoslowakei annektierte. Welche Rolle spielte Chamberlain für den Kriegsausbruch?

Er spielte sicher eine wichtige Rolle in der Hinsicht, dass er Hitler mit einer ganzen Reihe territorialer Vergrößerungen davonkommen ließ, ohne dass es dafür zunächst zu einem Krieg kam. Wir wissen, dass Hitler sogar wütend darüber war, dass er seinen Krieg nicht schon im September 1938 bekam. Doch wenn wir versuchen die Frage zu stellen: "Was wäre gewesen wenn Churchill Premierminister gewesen wäre und er sich Deutschland früher in den Weg gestellt hätte …? Wären die Briten und Franzosen im September 1939 gegenüber der Wehrmacht in einer stärkeren Position gewesen?" Ich denke, es ist wichtig, diese Fragen zu stellen, aber wir werden darauf niemals eine Antwort bekommen.

In Deutschland sehen wir den Zweiten Weltkrieg oft als einen Kampf Hitlers gegen den Rest der Welt an. Wer waren wirklich die Mächte, die ihren Recherchen zufolge, miteinander kämpften?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass Stalin Hitlers Verbündeter war als es um die Teilung Polens ging. Das änderte sich aber. Und deswegen glaube ich ist es wichtig, all diese sehr unterschiedlichen Konflikte zu sehen und sie nicht auf einen simplen Kampf verschiedener Ideologien zu reduzieren. Zu glauben, dass Großbritannien und Amerika allein in den Krieg eintraten um die Demokratie im Rest der Welt zu verteidigen, das ist viel zu einfach. Großbritannien hatte ein großes strategisches Interesse daran, eine europäische Macht an der Dominanz in der Region zu hindern. Amerika agierte da schon ideologischer, war aber dennoch stark von dem Eigeninteresse geleitet, dass Amerikas Handel stark betroffen sein würde, sollte eine Diktatur Europa dominieren. Die Motive waren also durchaus nicht jene, als die sie später in Form nationaler Mythen ausgegeben wurden. Dass wir in den Krieg gezogen seien, um die Juden retten, ist schlicht falsch. Zum Zeitpunkt des Kriegseintritts ging niemand davon aus, dass Hitler die „Endlösung“ wirklich durchsetzen bzw. dass er überhaupt diese Entscheidung fällen würde.

War der Holocaust ein Teil von Hitlers Kriegsführung?

Darin besteht kein Zweifel. Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass die sogenannte "Endlösung" ursprünglich erreicht werden sollte, wenn der Sieg errungen wäre. Dies ist der entscheidende Aspekt bei der Frage rund um die Periode von 1941 – über die viele Historiker erbittert gestritten haben – wann exakt die Wende von der "Shoah durch Gewehrsalven" hin zur "Shoah durch Gas" erfolgte. Ich weiß nicht, ob wir darauf jemals eine eindeutige Antwort bekommen werden, aber ich habe keinen Zweifel, dass diese Wende verbunden war mit dem Nicht-Vermögen der Wehrmacht an der Ostfront einen entscheidenden Sieg zu erringen. Hitler wollte verzweifelt sicherstellen, dass ihm die Juden nicht entkämen. Deshalb forcierte er – oder befahl sogar – eine Wende hin zum industriellen Mord gegenüber dem vorherigen Massenmord der Einsatzgruppen.

60 Millionen Menschen kamen im Zweiten Weltkrieg ums Leben. Sie nennen es an einer Stelle in ihrem Buch "das größte menschengemachte Desaster der Geschichte". Wie haben diese fünfeinhalb Jahre – wenn man von September 1939 bis Mai 1945 rechnet – unsere Welt verändert?

2. Weltkrieg Schlacht um Stalingrad

Eine Frage der Moral: Eines der prominentesten Bücher Beevors handelt von der Schlacht um Stalingrad.

Der Zweite Weltkrieg hat definitiv unsere Welt verändert und das nicht nur in politischer Hinsicht. Es ist auch nicht unbedingt die schiere Zahl der Getöteten, sondern der Krieg veränderte oder beeinflusste zumindest tatsächlich jedermanns Leben. Dies ist der Grund, warum ich am Ende des Buches die Geschichte einer deutschen Bauersfrau erzähle, die sich in einen Franzosen verliebte. Auch solche Dinge wären ohne diesen Krieg nicht passiert. Mir war es wichtig, die Geschichte von oben mit der Geschichte von unten, der einfachen Menschen, zu verknüpfen. Nur so lassen sich die Auswirkungen von, sagen wir, Hitler und Stalin auf das Leben tatsächlich jedes Menschen wirklich begreifen.

Was beendete den Zweiten Weltkrieg?

Zwei Antworten: Den Krieg in Europa beendeten die Erschöpfung deutscher Ressourcen und die Zerstörung der Wehrmacht an der Ostfront. In Japan – daran besteht kein Zweifel – haben die Atombomben den Krieg beendet. Das japanische Militär hätte bis zuletzt weitergekämpft und keinem einzigen Soldaten erlaubt, zu kapitulieren. Natürlich wirft das Abwerfen der Atombomben große moralische Fragen auf. Jemand hat errechnet, dass die Zahl der getöteten Japaner durch ein Weiterkämpfen der Armee in selbstmörderischen Aktionen zwischen zwei und acht Millionen Menschenleben gekostet hätte, wäre die Atombombe nicht abgeworfen worden. Es ist also – und dies ist einer der faszinierenden Aspekte des Zweiten Weltkriegs – die Frage nach moralischer Entscheidung. Und moralische Entscheidungen sind – seien wir ehrlich – der Kern menschlichen Dramas. Wahrscheinlich ist dies der Grund dafür, dass der Zweite Weltkrieg noch immer von so einer hohen Faszination ist, sogar 75 Jahre nach seinem Ausbruch.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann

Der britische Historiker Antony Beevor hat etliche renommierte Werke über den Zweiten Weltkrieg verfasst, unter anderem "Stalingrad", "Berlin 1945 – Das Ende" und "D-Day". Erst kürzlich erhielt Beevor den Pritzker Literaturpreis 2014 für sein Lebenswerk. Jetzt erscheint sein jüngstes Werk "Der Zweite Weltkrieg" auch auf Deutsch im Verlag C. Bertelsmann.

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