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Geschichte

"Die Westerplatte verteidigt immer noch!"

Als die polnische Halbinsel Westerplatte am 1. September vom Deutschen Reich unter Beschuss genommen wird, wehrt sich Polen erbittert. Bis heute ist der Widerstand gegen die Nazis Teil der nationalen Identität.

Museum of the Second World War Archivfotos Kriegsbeginn

Ein deutscher Seemann der "Schleswig Holstein" fotografiert im September 1939 dieses Schild der Westerplatte

In der polnischen Hafenstadt Gdańsk (Danzig) steht man am 1. September früh auf. Um 4:47 Uhr, vor genau 75 Jahren, hatte das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein das polnische Munitionslager auf der Halbinsel Westerplatte unter Beschuss genommen. Vertreter der polnischen Regierung und Menschen, die an das Schreckliche erinnern wollen, werden auch in diesem Jahr in den frühen Morgenstunden eine Schweigeminute begehen. Aber nicht nur an der Ostseeküste, im ganzen Land gibt es Gedenkzeremonien und Gottesdienste. Die Friedhöfe verwandeln sich in ein Lichtermeer voller Kerzen.

Zum 75. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen wird auch Bundespräsident Joachim Gauck auf der Halbinsel erwartet. Robert Traba, Historiker und Professor am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften, sieht den angekündigten Besuch Gaucks als positives Zeichen für die deutsch-polnischen Beziehungen. Der Gedenktag des 1. September in Polen sei dem in Deutschland nicht vergleichbar, so Traba. „In Polen zählt der 1. September zu einem der wichtigsten Gedenktage des Jahres. In anderen Ländern wird er häufig von den russischen Angriffen und natürlich später vom Holocaust überschattet. Aber eigentlich ist der 1. September das Präludium des Vernichtungskrieges.“

Das Linienschiff Schleswig-Holstein beschießt die Westerplatte

Kriegsbeginn: Die Schleswig-Holstein beschießt die Westerplatte

Einschulung am Tag des Kriegsbeginns

In Polen gibt es kaum jemanden, der nicht weiß, was am 1. September 1939 geschehen ist. Dies liegt unter anderem daran, dass jedes Jahr am 1. September das neue Schuljahr beginnt und so bereits sechs- bis siebenjährige Kinder am Einschulungstag durch eine Schweigeminute der Kriegsopfer gedenken sollen.

Andrzej Hamada kann sich noch persönlich an diesen Tag erinnern. Für ihn sollte an jenem Freitag, den 1. September 1939 das neue Schuljahr beginnen. Der damals 14-Jährige war schon auf dem Schulweg, als die Sirenen begannen. Er weiß es noch genau, wie er sich unter den ersten Torbogen in der Karmelicka Straße auf die rechte Seite stellte. „Dort standen schon mehrere Leute, doch jeder glaubte, es sei nur ein Probealarm. Als dann mehr und mehr Leute schrien ‚Das ist ein echter Alarm, das ist Krieg!‘, rannten alle durcheinander.“ Erst hatte sich der Schüler über den unvorhergesehenen Schulausfall gefreut. Er wusste noch nicht, was ihn stattdessen erwartete. Wenige Tage später verließ er mit seiner Familie Krakau gen Osten.

Polnische Soldaten werden mit Händen hinter den Köpfen von der Deutschen Wehrmacht abgeführt.

Polnische Soldaten nach einer Woche Widerstand auf der Westerplatte

Nicht nur ein Symbol der Trauer, sondern auch der Tapferkeit

Robert Traba, der unter anderem Geschichtsbücher für deutsche und polnische Schüler schreibt, weiß, dass auch deutsche Schüler über den 1.September informiert werden. „Obwohl das Datum in Deutschen Schulbüchern steht, habe ich das Gefühl, es wird bloß auswendig gelernt, aber kaum einer weiß über die wirklichen Geschehnisse Bescheid.“

Andrzej Zawistowski aus Gdańsk ist Historiker und seit 2012 Direktor des Amtes für Volksbildung am Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau. Das 1998 gegründete Institut erforscht die Verbrechen der nationalsozialistischen Besetzung Polens und der späteren kommunistischen Zeit. Zawistowski sieht den Widerstand der ersten Septemberwoche 1939 als besonders wichtig für das polnische Bewusstsein. „In den ersten Tagen des Krieges hörte man im Radio: ‚Die Westerplatte verteidigt immer noch!‘ Das hat den Menschen in Polen Mut gemacht. Die Westerplatte ist also nicht nur ein Symbol der Trauer, sondern auch der Tapferkeit der Soldaten, die Polen verteidigt haben.“

Das könnte auch der Grund dafür sein, dass man die Westerplatte als Ort des Kriegsbeginns ansieht und nicht den Angriff auf das ländliche Wieluń in der Region Großpolen. Eigentlich war dies – wenige Minuten vor den Bombardements der Westerplatte - der erste Angriff auf Polen und er verstieß bereits gegen internationales Kriegsrecht, da unter anderem ein Krankenhaus und andere zivile Einrichtungen bombardiert wurden. Eine Chance, sich zu wehren, hatten sie nicht. Von 16.000 Einwohnern Wieluńs wurden 1.200 getötet. Auf der Westerplatte hingegen leisteten die 182 polnischen Soldaten, die auf der Halbinsel stationiert waren, eine Woche erbitterten Widerstand. „Der dritte September war ein Tag der Hoffnung“, sagt Traba. „Als Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg erklärten, erwartete man in Polen Unterstützung durch die Alliierten.“ Diese blieb jedoch aus.

Ortsschild aus Trümmerteilen

Westerplatte-Schriftzug aus Trümmerteilen

Der Schriftzug "Westerplatte" - gefertigt aus Trümmerteilen - ist vom Hafen aus zu sehen.

Die Polen leisteten weiterhin Widerstand. Und so ist auch der Warschauer Aufstand vom 1. August 1944 tief im kollektiven Gedächtnis der polnischen Gesellschaft verankert. Die Polnische Heimatarmee Armia Krajowa war bis zum Aufstand auf 45.000 Mann gewachsen. 63 Tage lang leisteten sie gemeinsam mit weiteren mutigen Warschauern erbitterten Widerstand, bis die Deutsche Wehrmacht die Armee besiegte und die noch übrig gebliebenen Kämpfer in Kriegsgefangenschaft nahm. Die Vertreibung der Deutschen Truppen durch die Rote Armee befreite die Polen zwar von den Deutschen, brachte jedoch noch immer keinen Frieden, wie dies im Westen der Fall war. „Darum haben wir in Polen ein ganz anderes Verständnis von dem Begriff der Besatzung als in Deutschland“ so Traba.

Heute kommen Urlauber und Touristen auf die Ostsee-Halbinsel zum Baden, fast so wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Westerplatte bleibt ein Urlaubsziel mit unübersehbarer Geschichte. Ein 23 Meter hohes Denkmal und sieben Fahnenmaste erinnern an den siebentägigen Widerstand und die tapferen Soldaten der Halbinsel. Der Schriftzug „Westerplatte“ an der Hafeneinfahrt wurde aus Trümmerteilen gebaut.

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