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Im Weinkeller unter St. Nikolai

Zum Tag des offenen Denkmals öffneten am Wochenende wieder tausende Bauten und Denkmäler in Deutschland ihre Pforten. Darunter: eine alte, vergessene Keller-Weinhandlung in Hamburg.

Der Turm der Hamburger Kirche St. Nikolai (Foto: DW)

Der Turm der Hamburger Kirche St. Nikolai ist heute ein Mahnmal gegen den Krieg

Das Glockenspiel vermeldet die volle Stunde, an die 40 Personen drängen zu einem unscheinbaren Kellereingang der Kirchenruine. "Besuchen Sie den historischen Weinkeller unter St. Nikolai", steht in grüner Farbe darauf geschrieben.

Besucher beim Tag des offenen Denkmals (Foto: DW)

Besucher beim Tag des offenen Denkmals

Zwölf Stufen führen in das Gewölbe der Kirche, die 1943 durch Fliegerbomben der alliierten Luftwaffe zu großen Teilen zerstört wurde. Seit den fünfziger Jahren ist der unbeschädigte Kirchturm mitsamt einigen Mauerresten des Kirchenschiffs ein prominentes Mahnmal gegen den Krieg.

Im Kellergewölbe, 149 Meter unterhalb der gotischen Kirchturmspitze, ist es angenehm kühl, die knarrende Holztür lässt den Verkehrslärm und die Spätsommersonne hinter sich. Es ist dunkel, nur ein paar notdürftig installierte Lampen tauchen das Gewölbe in schummriges Licht. Und, es riecht, wie es in einem Keller eben riecht, der ein paar Jahre zugesperrt war.

"Wer froher Stimmung möchte sein..."

"Mit Türmen hatte St. Nikolai nie so richtig Glück", erzählt Michael Drägerhof vom Verein "Hamburger Unterwelten". Der erste Turm sei bereits nach einer Woche eingestürzt. Ein Blitzschlag, erklärt Herr Drägerhof. Und nachdem der zweite Turm aufgebaut war, sei der nach wenigen Jahren von einem Sturm umgeknickt. 1843 zerstörte dann der große Brand die gesamte Kirche. "Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Zerstörung und des Wiederaufbaus", sagt Drägerhof.

Das Kellergewölbe unter St. Nikolai (Foto: DW)

Das Kellergewölbe unter St. Nikolai: Bis zu 650.000 Flaschen Wein lagerten hier

Im 19. Jahrhundert wurden die großflächigen Kellergewölbe erstmals vermietet – immerhin mehr als 1100 Quadratmeter. Wein wurde gelagert, es gab Zollverschlussräume, 1926 zog die ehrwürdige Weinhandlung C.C.F. Fischer in das Untergeschoss der Nikolaikirche ein.

Der damalige Werbespruch lautete: "Wer froher Stimmung möchte sein, der trink' C.C.F. Fischer Wein." Bis zu 650.000 Flaschen lagerten dort, es wurde Wein aus Eichenfässern abgefüllt. Im Kreuzgewölbe herrschen ideale Bedingungen: ganzjährig 12-14 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit. Der Weinhandel florierte. Das Familienunternehmen überlebte den Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges beinahe unbeschadet, die Zahlungsunfähigkeit eines Großabnehmers sechzig Jahre später überlebte es nicht. 2005 meldete C.C.F. Fischer Insolvenz an – der Keller fiel für vier Jahre in einen Dornröschenschlaf.

Nach dem Dornröschenschlaf

Die Überreste einer Weinverkostung (Foto: DW)

Die Überreste einer Weinverkostung

"Wir sind hier Anfang des Jahres erstmals reingegangen", erklärt Drägerhof. "Wir haben nicht Staub gewischt, nur minimale Veränderungen vorgenommen. Da steht der Probiertisch mit der noch halbvollen Weinflasche, wir haben hier Kassenbücher gefunden, die nicht abgeschlossen waren, die so da lagen, dass sie am nächsten Tag hätten weiter geführt werden können."

Ein Rundgang in den modrigen Räumen offenbart eine alte Weinpresse, ein Gährgestell für die Flaschengärung, hölzerne Weinregale, und viele Flaschen mit verwitterten Etiketten. Sekt zum Valentinstag von 1992; Herrenberg Riesling, Mosel-Saar 1992; Müller Torgau, Franken 1995. Es gibt Spuckschüsseln, Probetische, ein hölzernes Kontor.

Wie die Besitzverhältnisse aussehen, ist im Moment unklar. Wenn jetzt kein Wunder geschehe, würde der Weinkeller in zwei Tagen wieder zugesperrt, sagt Drägerhof. Vielleicht wieder für viele Jahre. Auf einer Tür aus buntem Schmuckglas steht geschrieben: "Der Nebel steigt, es fällt das Laub, schenk ein den Wein, den holden, wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden." Worte aus einer anderen Zeit, Worte für heute. Ein findiger Weinhändler hat sie gelesen. Draußen, im Spätsommerlicht schenkt er edle Tropfen aus.

Autor: Matthias Lemme

Redaktion: Sabrina Scholz

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