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Kultur

Im Rollstuhl den Mekong entlang

Der deutsche Fotojournalist Andreas Pröve reiste den Mekong-Fluss entlang. Alleine, im Rollstuhl. In Büchern und Fotoreportagen schildert er seine Abenteuer.

Andreas Pröve wartet am Rand eines Schotterwegs, im Niemandsland der tibetischen Hochebene. Es ist null Grad. In einer halben Stunde wird es Nacht sein. Wenn nicht bald ein Auto vorbeifährt und ihn mitnimmt, muss Pröve im Freien übernachten. Und so kommt es dann auch: Mit einer Plastikplane baut er sich eine Notunterkunft, rollt seinen Schlafsack am Boden aus, auf einer Unterlage aus feuchtkaltem Schnee. Tag X der Reise des deutschen Fotojournalisten und Autors den Mekong-Fluss entlang.

Neuschnee macht das Vorankommen im Rollstuhl zur Tortur. (Foto: Nagender Chhikara)

Eine Tortur: Im Rollstuhl durch Neuschnee

"Die Lage kann noch so misslich sein", schreibt er in seinem Buch "Abenteuer Mekong", das soeben auch als E-Book erschien. "Immer gibt es einen Grund, sich darüber zu freuen, dass es nicht schlimmer gekommen ist". Im Dezember 2010 war Andreas Pröve in Hoh-Chi-Minh-Stadt gestartet, dem früheren Saigon, wo der Mekong in acht gewaltigen Armen ins Südchinesische Meer rollt. Sein Ziel: die Quelle des Wasserlaufs im tibetischen Hochland, 5700 Kilometer über Land - und im Rollstuhl.

Unfall mit 23 Jahren

Andreas Pröve war 23 Jahre alt, als er 1981 mit seinem Motorrad verunglückte. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Statt daran zu verzweifeln, hat der ehemalige Tischler sich dem Abenteuer Reisen verschrieben. Getrieben, wie er sagt, "von einem Drang, immer wieder Neues zu entdecken". In Vorträgen und Diashows berichtet er in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz über seine Reisen. Er wurde zum "Globetrotter des Jahres 1995" gewählt und erhielt 2008 den Frankfurter Weitsichtpreis, der besonderes soziales oder kulturelles Engagement ehrt. Seine bisher drei Reisebücher schafften es auf die Bestsellerliste des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

Vorbild für andere Rollstuhlfahrer

Oft, erzählt Andreas Pröve, kämen zu seinen Vorträgen andere Rollstuhlfahrer, um Mut für eigene Reisepläne zu schöpfen. "Von ihren E-Mails weiß ich, dass die meisten dann doch eine organisierte Pauschalreise buchen." Andreas Pröve hat es von Anfang an anders gemacht. Drei Jahre nach seinem Motorradunfall brach der damals 26-Jährige im Rollstuhl zu seiner ersten großen Indienreise auf. Schlief dort, wenn er nichts anderes fand, auf Bahnhofsbänken. Danach reiste er monatelang quer durch Asien und den Vorderen Orient. Um seine Reisen finanzieren zu können, begann er, Vorträge zu halten und Diashows zu geben.

Auf einer Indienreise lernte er 1998 den Fotografen Nagender Chhikara kennen, der ihn inzwischen regelmäßig begleitet. Da Andreas Pröve aber die Herausforderung sucht, reist er immer auch Strecken allein. An seinen Rollstuhl hat er ein Handbike montiert, das er mit den Armen ankurbelt. Nur im Notfall fährt er per Bus oder Anhalter. Dann ist er darauf angewiesen, dass andere Menschen seinen Rollstuhl verstauen oder ihn selbst die Stufen hinaufheben. "In Ländern wie Vietnam und Kambodscha, wo es noch viele Kriegsversehrte gibt, sind die Menschen an Behinderte gewöhnt und sehr hilfsbereit."

Reiseziel Mekong

Andreas Pröve zeigt zwei Marktfrauen in Yuenyang, Yunnan, ein Foto in seiner Kamera (Foto: Nagender Chhikara)

Andreas Pröve und zwei Marktfrauen in Yuenyang, Yunnan

Der Mekong war lange ein Reiseziel von Andreas Pröve, aber wegen der politischen Verhältnisse in den Anrainerländern unerreichbar. Inzwischen haben sich Vietnam, Kambodscha und Tibet dem Tourismus geöffnet. Vor gut einem Jahrzehnt bestimmten zudem Geographen einen von mehreren Flussläufen im tibetischen Hochland offiziell als Quelle des Mekong, die bis dahin ungeklärt war. Zeit für Andreas Pröve, die lang gehegte Reise anzutreten.

Die chinesischen Behörden in Kunming erteilen ihm die nötige Genehmigung  mit der Auflage, einen örtlichen Expeditionsausrüster anzuheuern. "An dem vereinbarten Treffpunkt im Hochland tauchte dann vom Reiseunternehmen aber niemand auf." Pröve bleibt nur, die Reise selbst zu organisieren. In Kunming besorgt er sich Sauerstoffflaschen, da die Luft in den Bergen zu dünn wird. Vor Ort im Hochland holt er sich Arbeiter von einer Straßenbaustelle als Träger, kauft Pferde von Einsiedlerhöfen als Packtiere und Hammel als Wegzehrung. Zudem heuert er den einzigen Führer an, der den Weg zur Flussquelle kennt.

Erschöpft am Ziel

Die letzte Etappe mit 9 Pferden und 7 Trägern sowie Freund Nagender dauert vier Tage. Als die Anhöhen zu steil werden, müssen die Helfer Andreas Pröve mit seinem Rollstuhl wie in einer Sänfte tragen. Am Ende ist er erschöpft. Doch am Ziel: Er hat die Quelle der "Mutter aller Wasser" erreicht - in rund 4900 Meter Höhe. Im Buch schreibt er, eine große Zufriedenheit hätte sich danach in ihm breit gemacht - "ein schwer zu beschreibendes inneres Glücksgefühl". Ihm wurde bewusst: "Genau danach hatte ich die letzen 5700 Kilometer gesucht."

Wohin die nächste Reise geht? Das weiß Andreas Pröve noch nicht. Seit Oktober ist er mit "Abenteuer Mekong" auf Vortragstour. Ab April wird er dann wieder bei seiner Familie sein, wo derweil seine Frau allein Sohn und Tochter erzieht. "Andere Väter sind für ihre Kinder nur am Wochenende da, ich den ganzen Sommer über", sagt Andreas Pröve. Die Zeit nimmt er sich. Bis im Oktober die nächste "Vortragssaison" beginnt. Und er neue Pläne schmiedet.

Andreas Pröve: Abenteuer Mekong. 5700 Kilometer von Vietnam bis ins Hochland von Tibet, Malik Verlag 2013

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