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Filme

Im Kino: das Tagebuch der Anne Frank

Der Stoff wurde schon oft fürs Kino und Fernsehen verfilmt. Doch die neueste Version des Anne-Frank-Tagebuchs ist der erste deutsche Spielfilm für die große Leinwand. Jetzt ist er im Kino zu sehen.

"Warum müssen deutsche Produzenten den Stoff immer den Amerikanern überlassen", fragte 1959 eine große deutsche Tageszeitung verärgert, als die Hollywood-Produktion "The Diary of Anne Frank" in den Kinos anlief. George Stevens Filmversion von 1955 erschien vielen Kritikern und Zuschauern damals als zu kitschig. Es musste mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank das Publikum nun tatsächlich als deutsche Kinoproduktion erreicht.

Bei der 66. Berlinale feierte der Film in der Reihe "Generation", die sich vornehmlich an jugendliche Zuschauer richtet, vor kurzem Weltpremiere. An diesem Donnerstag läuft "Das Tagebuch der Anne Frank" von Regisseur Hans Steinbichler in den Kinos an. Es war wohl kein Zufall, dass das zweistündige Werk in Berlin in einer Reihe für ein dezidiert junges Publikum gezeigt wurde. Steinbichlers Film erzählt die bekannten Ereignisse konventionell, ohne große künstlerischen Ambitionen, bietet solides Handwerk, gute Schauspielerleistungen, ein gewisses Maß an Dramatik und bleibt immer verständlich. Man kann sich den Film gut im Schulunterricht vorstellen.

Deutschland Film Das Tagebuch der Anne Frank - Filmstill (Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Beim Umzug ins Versteck: Anne Frank

"'Das Tagebuch der Anne Frank' ist eines der herausragenden Dokumente der deutschen Geschichte, und wir haben uns immer gewundert, warum es keine deutsche Verfilmung dazu gegeben hat", so die Produzenten M. Walid Nakschbandi und Michael Souvignier im Vorfeld der Premiere. "Wir fanden, es war höchste Zeit." In der Neuverfilmung des Stoffes ist die 15-jährige Lea van Acken in die Rolle des durch ihr Tagebuch weltbekannten Mädchens geschlüpft. Ihre Eltern, Edith und Otto Frank, werden von Martina Gedeck und Ulrich Noethen gespielt, Schwester Margot von Stella Kunkat.

Zwei Jahre eingesperrt auf engstem Raum - Anne Frank und ihre Familie

Steinbichlers Film erzählt, fast durchgehend chronologisch, die Geschichte der Familie, die 1934 aus Frankfurt emigrierte und sich in Amsterdam niederließ. Kurz nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten versteckten sie sich dann in der Dachgeschoßwohnung des Hinterhauses in der Prinsengracht 263. Über zwei Jahre lebten die Familie mit vier weiteren von den Nazis bedrohten Juden in der Wohnung auf engstem Raum zusammen. An ihrem 13. Geburtstag bekam Anne Frank ein Tagebuch, in das sie fortan alles notierte, was ihr durch den Kopf ging.

Deutschland Film Das Tagebuch der Anne Frank - Filmstill (Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Die geliebte Katze muß Anne Frank zurücklassen - später bekommt sie dann doch noch ein neues Haustier

Regisseur Hans Steinbichler und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer haben sich bei der Verfilmung eng an das Tagebuch gehalten, haben weitere Aufzeichnungen der Familie hinzugezogen, lange recherchiert und all das in ihren Film einfließen lassen. Doch die beiden haben auch eigene Akzente gesetzt. "Für mich gab es zwei entscheidende Ansatzpunkte bei dem Projekt", sagt Steinbichler: "Erstens die totale Subjektivierung und zweitens, das Tagebuch in ein Sprechen umzumünzen."

Die Neuverfilmung zeigt die Ängste einer ganz normalen Heranwachsenden

Hinter dem Tagebuch habe "ein schlaues, aber ganz normales Mädchen" gestanden, sagt der Regisseur. Ihm sei wichtig gewesen, "Anne von einem vermeintlichen Thron aus einem sakrosankten Zustand herauszuholen". Das ist dem Film durchaus gelungen. Er schildert ausgiebig die Gedankenwelt einer Heranwachsenden, stellt Adoleszenz und pubertäres Verhalten in den Blickpunkt. Das Leben im Versteck wird so nicht ausschließlich auf den Aspekt der bedrohlichen Situation reduziert, die durch die nationalsozialistische Verfolgung entstanden ist.

Deutschland Film Das Tagebuch der Anne Frank - Filmstill (Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

In der Wohnung in der Prinsengracht kommen alle zusammen - auch um zu feiern

So vermag es der Film, die Gedankenwelt einer 15-Jährigen auch dem jugendlichen Zuschauer nahezubringen. "Anne ist ja nicht vor allem Opfer der Nationalsozialisten, sondern zuallererst ein lebensfrohes Mädchen mit Hoffnungen und Gefühlen", ergänzen die Produzenten. Anne Frank "wurde ein ganz normales Leben gestohlen", sagt Hans Steinbichler.

Anne Frank wendet sich direkt ans Publikum

Und der zweite ganz persönliche Ansatzpunkt von Regisseur Steinbichler, das Umsetzen von geschriebenem Wort ins Sprechen? Das spielt vor allem zum Filmauftakt eine Rolle: "Ich habe sogenannte 'Speaches' vorgeschlagen, Ansprachen Annes direkt in die Kamera", erzählt der Filmemacher: "Ich möchte damit fragen: Wer ist sie?". Zum Auftakt sieht man also Lea van Acken als Anne Frank, die direkt in die Kamera blickt und die Zuschauer frontal anredet.

Deutschland Film Das Tagebuch der Anne Frank - Filmstill (Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Es überwiegt die Angst vor der Entdeckung: Anne mit ihren Eltern

Große historische Stoffe, Literaturverfilmungen oder Dokumente von zeitgeschichtlichem Wert wie das Tagebuch der heranwachsenden Anne Frank werden alle paar Jahre neu verfilmt. Das hat den Vorteil, dass sie immer wieder ein neues Publikum erreichen können. Findet ein junger Zuschauer von heute Zugang zu einer melodramatischen Schwarz-Weiß-Verfilmung aus Hollywood aus dem Jahre 1955? Wohl eher nicht. Steinbichlers Film hat da bessere Chancen.

Eine Anne Frank für das Jahr 2016

Noch ein zweites Argument lässt sich für eine Neuverfilmung anführen. Der Bezug zur Aktualität, zum heutigen Geschehen. Obwohl sich "Das Tagebuch der Anne Frank" von 2016 sich strikt an die historischen Ereignisse hält, lässt er doch auch Raum für Gedankenspiele der Zuschauer: "Mein Wunsch und Wille war es, Anne Frank fast unmerklich in unsere heutige Zeit zu transformieren", sagt der Regisseur. Natürlich sei "der Stoff immer noch historisch, aber man muss ihn nicht als Sepia-Einheitsbrei inszenieren." Steinbichler ist überzeugt, dass "uns nur ein Wimpernschlag von dem trennt, was damals passierte."

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