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Filme

Von alten und neuen Kriegen: Filme im Wettbewerb der 66. Berlinale

Eine europäische Co-Produktion mit Hollywood-Stars und ein Film aus Bosnien: Bei der Berlinale konkurrieren Filme um den Goldenen Bären, die vom Krieg erzählen - und auch einiges über das heutige Europa aussagen.

Filmstill Alone in Berlin (Foto: Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool)

Daniel Brühl in "Jeder stirbt für sich allein"

Auf den Filmfestivals der Welt ist es oft so, dass dort Filme im Wettbewerb unmittelbar nacheinander laufen - und so miteinander in Beziehung treten und korrespondieren. Sie laden zu Vergleichen ein, auch wenn die einzelnen Werke eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Das führt nicht selten zu überraschenden Ergebnissen.

Bei der Berlinale haben die Festivalmacher eine teure internationale, auf Englisch gedrehte Produktion über den Nationalsozialismus und einen mit kleinem Budget hergestellten bosnischen Film über Sarajevo ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt.

Ein deutscher Roman diente als Grundlage - gedreht wurde aber in Englisch

Der eine, die Romanverfilmung "Alone in Berlin" (Originaltitel "Jeder stirbt für sich allen"), entstand nach dem Buch von Hans Fallada. Allein die Geschichte, die sich um die literarische Vorlage rankt, wäre eine eigene Filmerzählung wert. Falladas Roman über ein deutsches Ehepaar aus dem Berliner Arbeitermilieu, das im 2. Weltkrieg einen Sohn verliert und deswegen eine subversive Widerstandsaktion beginnt, erschien erstmals 1947.

Allerdings nur in einer stark gekürzten Version - erst vor fünf Jahren kam der Roman in seiner ursprünglichen Fassung heraus. Die Übersetzungen in viele Weltsprachen trugen dazu bei, dass "Jeder stirbt für sich allein" ein Bestseller wurde. Auch in den USA, wo sich die "New York Times" ausführlich mit Autor und Buch beschäftigte.

Filmstill Alone in Berlin (Foto: Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool)

Ein Paar verarbeitet den Verlust des Sohnes mit einer mutigen Widerstandsaktion: Emma Thompson und Brendan Gleeson

Der international bekannte Schweizer Schauspieler und Regisseur Vincent Perez hat das Buch jetzt mit prominenter Besetzung verfilmt: Aus England ist Emma Thompson dabei, der irische Star Brendan Gleeson spielt die männliche Hauptrolle - beide sind auch aus Hollywood-Filmen bekannt.

Einige deutscher Darsteller, darunter Daniel Brühl, sind ebenfalls mit von der Partie. Produziert wurde der Film mit britischen, französischen und deutschen Geldern, gedreht wurde unter anderem im ostdeutschen Görlitz, dessen restaurierte Häuserfassaden in den letzten Jahren schon ausgiebig für Hollywood-Filme über die Zeit des Nationalsozialismus herhalten mussten.

Alone in Berlin: Vom Kampf der kleinen Leute gegen Hitler

Video ansehen 00:26

Emma Thompson über die Bedeutung des Films für die heutige Zeit

In seinem Buch wollte Fallada, wie er damals schrieb, zeigen, wie "ein kleiner Mann aus dem Volk einen von vorneherein aussichtslosen Kampf gegen die Hitlersche Staatsmaschinerie führt". Genau dieser Blickwinkel hat auch Regisseur Perez gereizt, wie er in Berlin bekannte. Ihn habe nicht die schon so oft erzählte Widerstandgeschichte von Aristokraten und Bürgern interessiert, die erst in letzter Sekunde auf den Widerstandszug aufspringen. Auch habe er keinen Film über Hitler in seinen letzten Stunden machen wollen, der verzweifelt über den eigenen Untergang sinniert: "Ich wollte die Geschichte von ganz normalen Menschen erzählen."

Filmstill Alone in Berlin (Foto: Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool)

Der Kommissar (Daniel Brühl, links) kommt dem Verfasser der Postkarten auf die Schliche

Wegen der Länge des Romans musste Perez bei der Verfilmung auf einige Handlungsstränge verzichten. Neben dem trauernden Paar, das auf seine ganz eigene Art versucht sich zu wehren (die beiden verteilen in Berlin anonym Postkarten mit dem Aufruf zum Widerstand), steht bei ihm ein von Daniel Brühl gespielter Kriminalkommissar im Fokus.

Der hat den Auftrag, die Verfasser der Karten aufzuspüren und dingfest zu machen. Dabei gerät er selbst in Gewissensnöte. Brühl ist überzeugt, dass es solche Charaktere in Nazi-Deutschland oft gegeben habe; Menschen, denen erst nach und nach bewusst geworden sei, was mit ihrem Land passiert. Die wenigsten seien Helden gewesen, die alles, auch ihr Leben, riskiert hätten, so der inzwischen auch international erfolgreiche deutsche Mime.

Mord in Sarajevo - ein vielfältiges Zeitbild über Historie und Gegenwart

"Jeder stirbt für sich allein" folgt der bekannten Hollywood-Dramaturgie historischer Filme, prunkt mit viel Ausstattung und bekannten Schauspielern. Der bosnische Beitrag "Mord in Sarajevo" steht in vielem für das genaue Gegenteil. Regisseur Danis Tanovic, der vor drei Jahren für seinen Film "Das Leben eines Schrotthändlers" mit zwei Silbernen Berlinale-Bären ausgezeichnet wurde, hat einen überraschend aktuellen Film gedreht.

Berlinale 2016 Death in Sarajevo (Foto: Margo Cinema & SCCA/pro.ba)

Das Hotel in Sarajevo hat mit Spielclubs und Striptease-Bar direkten Anschluss an die Unterwelt

In einem großen Hotel in der bosnischen Hauptstadt treffen am 100. Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkriegs Vertreter verschiedener europäischer Institutionen, Politiker, Presse und Intellektuelle aufeinander. In Sarajevo soll ein Appell für Frieden und Verständigung gestartet werden - nachdem ein Jahrhundert zuvor an gleicher Stelle das große Schlachten ausgelöst wurde. Doch natürlich dreht sich im Film auch vieles um den noch nicht lange zurückliegenden Bosnien-Krieg.

Das Hotel wird zum symbolträchtigen Ort des Aufeinandertreffens verschiedener Interessengruppen. Vordergründig geht es um die unterschiedlichen Ethnien und Religionen im ehemaligen Jugoslawien: Serben, Kroaten, Slowenen, Muslime und Christen, aber auch um diverse gesellschaftliche Gruppen und Schichten in der Stadt.

Überzeugendes Figurenarsenal geben dem Film Tiefe und Vielfalt

Dicht und atemlos inszeniert der Regisseur seinen Reigen aus Politik und Privatem, bleibt ganz nah dran an seinen Charakteren. In einer Mischung aus realistischem Zeitbild, Melodram und Groteske bringt er den Zuschauern die Konfliktstoffe nahe. In vielen kleinen Miniaturen schafft es der Films so aufzuzeigen, wie unendlich schwierig es ist, aus der Geschichte zu lernen.

Berlinale 2016 Death in Sarajevo (Foto: Margo Cinema & SCCA/pro.ba)

Im Hotel muss sich die Angestellte Lamija mit vielen Widrigkeiten auseinandersetzen

Und noch eines ist bemerkenswert an diesem Film. Geht es einerseits um die Historie des frühen 20. Jahrhunderts, den Auslöser des 1. Weltkriegs und die Folgen sowie um die kaum vernarbten Wunden des Bosnien-Kriegs, erzählt der Film auch noch eine dritte Geschichte: die des Kontinents Europa im Jahre 2016. Der Film, der bei der Berlinale ein paar Tage vor dem EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise läuft, zeigt auf, wie schlecht es derzeit um die Verständigung in Europa steht.

Das ist zwar eine traurigstimmende Erkenntnis - doch wird "Mord in Sarajevo" so zu einer aktuellen, politischen Metapher. Der weitaus teurere Historienfilm "Alone in Berlin", der mit Stars und englischsprachiger Ausrichtung offensichtlich auf ein großes Publikum schielt, sieht dagegen mit seiner konventionellen Dramaturgie und der zur Schau getragenen Ausstattung recht alt aus.

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