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Kultur

Im Einklang mit der Natur

Auf dem Weltsozialforum in Bombay wird auch das Thema Tourismus diskutiert. Dass es Alternativen zu Hotelhochhäusern und Vermüllung gibt, hat ein Deutscher in Venezuela gezeigt.

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Playa Medina: Beispiel für umweltbewussten Tourismus

Wer aus dem Trubel der Urlaubsinsel Isla Margarita nur wenige Kilometer über das Karibische Meer reist, in den Nordosten des venezolanischen Festlandes, auf die Halbinsel Paria, kommt sich vor, wie auf einem anderen Planeten: Lehmhäuser, unbändiges Grün, Stille. Nach ökonomischen Maßstäben ist Paria sehr arm – es gibt keine Industrie, kaum Arbeitsplätze, viele Menschen sind unterernährt.

Aber ökologisch betrachtet ist die kleine Halbinsel sehr reich: Tropenwälder, Feuchtsavannen, traumhafte Karibikstrände, Kakao-, Kokos- und Obstbäume. Es gibt Orchideen, Lianen, Pumas, Gürteltiere, Affen. Mit diesem Reichtum der Natur muss man doch was anfangen können, um die Armut der Menschen zu lindern, das dachte sich Wilfried Merle – einst deutscher Entwicklungshelfer, jetzt Unternehmer mit venezolanischem Pass – und er gründete das Proyecto Paria.

Der Weg aus der Misere

Wilfried Merle in Venezuela

Vorreiter des sanften Tourismus: Wilfried Merle

Sanfter, umweltverträglicher Tourismus – das ist für Wilfried Merle der Weg aus der Misere, in der die meisten Menschen auf Paria stecken. Vor 16 Jahren kaufte Merle einen Palmenstrand, setzte neun Bungalows darauf und baute eine Zufahrtstraße. Die Straße ist mittlerweile ziemlich kaputt, aber die Hütten am Playa Medina sind immer noch 1. Klasse, zumindest für venezolanische Verhältnisse. Und das Proyecto Paria ist kräftig gewachsen.

Zwei weitere Traumstrände locken, außerdem naturbelassene Thermalquellen, eine Kakaoplantage, eine Wasserbüffelranch – hier haben die Touristen abends in den Hütten sogar Licht aus eigener Sonnenenergieanlage. Trotzdem, manche Umweltschützer mahnen, dass Tourismus und Ökologie einfach nicht zusammen passen, denn Touristen verbrauchen Wasser, sie produzieren Müll und Lärm und soziale Ungerechtigkeit. Wilfried Merle will mit dem Proyecto Paria beweisen, dass es auch anders geht: "Tourismus kann soziale Strukturen verbessern, kann Kultur erhalten, fördern und vor allen Dingen, kann er Natur schützen. Denn Touristen können sehr viel beitragen, dass unsere natürlichen Ressourcen erhalten."

Der so genannte Öko-Tourismus boomt. Auch große Reiseveranstalter locken gestresste Europäer mit dem viel versprechenden Etikett "Öko" in die Ferne. Oft genug sind das Mogelpackungen. Denn die Konzerne sind vor allem auf schnelle Renditen aus – sie bauen große Hotelanlagen und bringen eigenes Personal ins Land. Anders das Proyecto Paria. Anstelle von einem Hotel mit 200 Zimmern haben Wilfried Merle und seine venezolanischen Partner hier lieber 20 kleine Posadas (Pensionen) mit jeweils zehn Zimmern. Und das Personal wird aus den Dörfern vor Ort rekrutiert. Manche können kaum lesen und schreiben.

Man spricht nicht deutsch

Klar, dass da nicht immer alles so perfekt läuft, wie westliche Touristen es von den Urlaubsmaschinerien auf Mallorca oder der Isla Margarita gewöhnt sind. Man spricht kein Deutsch, kein Englisch, gelegentlich fällt der Strom aus oder der Essensnachschub stockt. Kein Wunder, dass pro Jahr kaum mehr als 200 Touristen aus der so genannten Ersten Welt das Proyecto Paria besuchen. Trotz vieler Fehlschläge und Enttäuschungen glaubt der 63-jährige Wilfried Merle fest an seine Vision eines nachhaltigen Tourismus auf Paria: "Wir wollen keine Gäste haben, die zu uns kommen, bloss weil sie uns helfen wollen. Wir wollen Leistung bieten - das aber versuchen, harmonisch im ökologischen wie im sozialen Bereich zu machen."

"Orden bekommen auch Schurken"

In einer Vitrine im Hotel "La Colina" in Carúpano – dem Hauptstädtchen der Halbinsel – stehen fein aufgereiht die Trophäen, mit denen das Proyecto Paria bislang ausgezeichnet wurde: Der Preis des Deutschen Reisebüroverbandes, der "ToDo" Preis vom Studienkreis für Tourismus, die "Goldene Palme" der Zeitschrift Geo Saison. Wilfried Merle hat in seinem selbstgebauten Privathaus im Nebelwald eine ganze Kiste voller Orden, die ihm in Venezuela und Deutschland umgehängt worden sind. "Darauf bilde ich mir nichts ein", sagt er, "diese Auszeichnungen bekommen auch Schurken." Stolz ist er auf das, was das Proyecto Paria mit den Erlösen aus dem Tourismus und mit Spenden schon alles erreicht hat: "Stipendienprogramme, Schultransport, Medizinstation, Bibliothek – das sind alles Dinge, mit denen wir helfen wollen künftige Generationen selbständiger zu machen. Denn Hilfe, die Abhängigkeit beibehält oder fördert, ist keine Hilfe."

Venezuela Schlammbad

Heilschlamm und mineralische Thermalquellen mitten in der Savanne von Paria

Zurzeit baut Wilfried Merle mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ein Umweltzentrum im Regenwald von Paria. Hier sollen insbesondere Kinder erfahren, wie wertvoll die natürlichen Ressourcen ihrer Heimat sind. Damit sie als Erwachsene Schluss machen mit Brandrodung und Vermüllung der Landschaft. Und damit sie nicht die selben Sünden begehen wie einst die Industrienationen, hofft Wilfried Merle. "Die Welt sucht nach Lösungen und nach Projekten, die Modellcharakter haben. Das ist ein Projekt, das für viele Länder zeigen könnte, dass eine harmonische Entwicklung zwischen Mensch und Natur möglich ist."

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