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Welt

"Ich bin sehr beunruhigt"

Muhammad Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis für seine Mikrofinanzbank – und wurde nun als ihr Direktor entlassen. Im DW-WORLD.DE-Interview spricht er über die Angst vor der Zerstörung seines Lebenswerkes.

Muhammad Yunus (Foto: dpa)

Muhammad Yunus

DW-WORLD.DE: Herr Yunus, Sie haben die Grameen Bank gegründet und wurden nun entlassen. Wie groß ist jetzt Ihr Einfluss auf das Thema der Mikrofinanzen?

Muhammad Yunus: Ich bin sehr beunruhigt, dass falsche Entscheidungen innerhalb der Grameen Bank, von der ich ja nun losgekoppelt wurde, getroffen werden. Diese falschen Entscheidungen können entweder innerhalb der Bank oder auch von der Regierung Bangladeschs getroffen werden. Es dauert unendlich lange, eine gute Institution aufzubauen. Und all diese gute Arbeit kann innerhalb kürzester Zeit zerstört werden!

Welche Folgen hat die Entscheidung der Regierung, Sie zu entlassen, für Bangladesch?

Sehr, sehr negative Folgen. Sie müssen verstehen: sollte die Grundstruktur der Bank verändert werden, dann würde das automatisch auch das Grundprinzip der Bank komplett zerstören. Denn wir wollten, dass die Bank den Kreditnehmern gehört. 97 Prozent der Eigentümer sind Frauen, also die eigentlichen Kreditnehmer. Wenn die Regierung von Bangladesch an diesem Prinzip rütteln sollte, dann wäre das der Anfang vom Ende der Bank: die Zerstörung der Bank.

Naomi Conrad und Muhammad Yunus (Foto: DW)

Naomi Conrad im Gespräch mit dem Nobelpreisträger

Würde das ein Signal für andere Regierungen setzen?

Die Grameen Bank ist einzigartig: Alle anderen Mikrofinanz-Programme werden von Nichtregierungsorganisationen getragen, nicht aber von Banken. Ich kämpfe seit Jahren dafür, dass es Banken für Mikrokredite geben soll. Alle Banken, die es heute gibt, sind doch letztlich Banken für Reiche. Eine Bank für die Armen existiert nicht. Die Grameen Bank war also etwas Besonderes und wurde dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Diese Einzigartigkeit darf nicht zerstört werden!

Haben Sie Angst, dass die Bank diesen Friedensnobelpreis bald nicht mehr verdient?

Die Grameen Bank hat den Preis für ihre bislang erreichte Arbeit erhalten und nicht auf der Basis, was passieren könnte.

Erreichen Mikrokredite tatsächlich die Ärmsten der Armen?

Das sollten sie. Das Prinzip funktioniert so: Mikrokredite werden vergeben, ohne von den Kreditnehmern Sicherheiten zu verlangen. Solange Sie keine Sicherheiten verlangen, können Mikrokredite also an die Ärmsten der Armen vergeben werden. Wenn Kredite aber nicht die Ärmsten erreichen, liegt das an den einzelnen Programmen und Institutionen – und nicht daran, dass es generell nicht möglich wäre. Denn es ist möglich!

Was halten Sie von den Instituten, die nicht die ärmsten Menschen erreichen? Haben diese Ihre Grundideen pervertiert?

Es gibt viele Institutionen, die Kredite für Konsumgüter vergeben. Diese haben ganz klar das ganze Prinzip vom Mikrokredit missverstanden. Und die Institutionen, die Profit machen, auch! Die Grundidee von Mikrofinanz ist es gerade, keinen Profit zu machen.

Ist das heutige Konsumdenken denn überhaupt tragbar?

Das Konsumdenken kommt nicht von den Verbrauchern, sondern von den großen Unternehmern, die den Menschen suggerieren: Es gibt eine neue Mode, die brauchst du! Wirf also deine alten Sachen weg, kauf immer wieder neue Dinge und gib dabei eine Unmenge Geld aus! So funktioniert das Konsumdenken heute. Wir müssen das ganze System umkrempeln.

Sie glauben, dass Armut gänzlich ausgerottet werden kann – ist das nicht Wunschdenken?

Nein, ich glaube tatsächlich daran. Ich habe es schon oft gesagt: Armut gehört in ein Museum. Wir sollten Armutsmuseen kreieren und die gesamte Armut dort aufbewahren. Wir Menschen sind kreativ genug, um unsere Probleme selbst zu lösen. Aber unser System ist so konzipiert, dass wir uns mehr mit uns selbst, als mit anderen beschäftigen. Sehen Sie: Wir achten die Menschen, die Millionen verdienen, obwohl dieses Geld den anderen Menschen doch gar nicht hilft. Noch verstehen zu wenige, dass Unternehmen auch Gutes tun können. Soziale Unternehmen etwa können kreativ die großen Probleme unserer Zeit lösen, sozial denkende Unternehmen, egal ob groß oder klein, können Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig Hunger bekämpfen. Ich glaube, dass wir kurz vor großen Veränderungen stehen. Die junge Generation hat sehr viel mehr Macht. Wenn du von etwas überzeugt bist, kannst du Millionen andere davon überzeugen. Wir besitzen praktisch alle unseren eigenen Fernsehsender. Wir können Wissen und Informationen interaktiv in die Welt senden, ohne zu predigen. Ich bin überzeugt, dass dies Veränderungen bringen wird - und zwar sehr viel schneller, als wir denken.

Wie lange werden diese Veränderungen dauern? Zwei Monate, zwei Jahre, zwanzig Jahre?

Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden wir gewaltige Veränderungen sehen und zwar aufgrund der neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die Menschen miteinander verbinden. Noch versteht die junge Generation nicht, wie viel Macht sie hat. Und diese Macht hat die Veränderungen in Tunesien oder Ägypten doch überhaupt erst ermöglicht. Aber sobald diese Generation versteht, wie mächtig sie ist, wird sie eine viel aktivere Rolle einnehmen. Diese Generation ist vielleicht jung, aber intelligent, sie ist vielleicht jung, aber mächtig. Und diese Tatsache wird bald offensichtlich werden. Es wird zu einem Generationenwechsel kommen. Und zwar bald!

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Ich bin immer optimistisch, weil ich an die Menschen glaube. Ich glaube, dass wir die angeborene Eigenschaft haben, unsere eigenen Probleme zu lösen. Denn wir Menschen besitzen eine Fähigkeit, die die anderen Arten nicht haben: Kreativität.

Und wenn Sie nun die Entwicklung in, sagen wir mal, Somalia betrachten, wie können Sie dann weiterhin so optimistisch sein?

Nun, ich bin optimistisch, was die großen Entwicklungen angeht. Somalia und die Hungersnot erinnern uns daran, wie schlecht das ganze System ist, in dem wir leben. Genauso hat uns die Finanzkrise doch gezeigt, wie schlecht unser Finanzsystem ist. Egal, ob nun Energiekrise oder Hungersnot: all diese Krisen sind Teil einer großen Krise, nämlich der, dass unser gesamtes System falsch ist.

Tun Politiker zu wenig, um die Probleme anzugehen?

Die Regierungen heute trauen sich einfach nicht, große Veränderungen zu bewirken. Die ganzen Reformen heute, etwa vom Finanzsystem, sind letztlich nur kosmetisch. Politiker haben doch immer nur die nächste Wahl im Auge. Sie haben zu viel Angst, nicht wiedergewählt zu werden, um tiefgreifende Reformen durchzusetzen. Wir stecken fest in einem System, das wir selber geschaffen haben: Politiker können sich den Wahlprozeduren nicht entziehen, weil wir unsere Demokratien nun mal so entworfen haben.

Das heißt, die ältere Generation sollte der jungen Platz machen?

Die junge Generation wird die Führung übernehmen, egal, ob ich jetzt zurücktrete oder nicht. Aber eins sollten wir auf keinen Fall tun: jungen Menschen sagen, dass sie geduldig sein sollen. Junge Leute müssen ungeduldig sein und diese Ungeduld auch ausleben. Sonst passieren keine Veränderungen! Junge Menschen haben das Recht, die Welt an sich zu reißen!

Raten Sie den jungen Menschen jetzt zur Revolution?

Das Wort Revolution an sich ist schwierig, es ist zu sehr mit politischen Dingen verflochten. Das Internet ist eine Revolution, Handys sind auch eine Revolution. Wir müssen diese Technologien nutzen, die schließlich die Möglichkeit in sich bergen, Armut ganz abzuschaffen. Das sind die echten Veränderungen, die in den nächsten zehn Jahren passieren werden. Wir benutzen doch nur einen so winzigen Teil dieser neuen Technologien, wir kratzen nur an der Oberfläche. Wenn wir nur daran glauben, dass Armut abgeschafft werden kann, dann sind siebzig Prozent der Arbeit bereits getan. Die restlichen dreißig Prozent werden fast automatisch folgen.

Das Gespräch führte Naomi Conrad

Redaktion: Michael Borgers

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