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Asien

"Mikrokredite ohne Alternative"

Der Erfinder der Mikrokredite, Mohammad Yunus, verlor kürzlich den Posten als Direktor seiner "Grameen Bank". Das Mikrokreditsystem geriet international in die Kritik. Zu unrecht, sagen Wissenschaftler aus Bangladesch.

Portrait Muhammad Yunus, Begründer des Mikrofinanz-Gedankens (Foto: public domain)

Muhammad Yunus, Gründer des Mikrofinanz-Gedankens muss viel Kritik einstecken

Mikrokredite werden als Zaubermittel gegen Armut in vielen Länden der Welt bejubelt. Das Modell von Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus aus Bangladesch wird in weiten Teilen der Welt angewandt. "Der Erfolg ist klar erkennbar", sagt Imtiaz Ahmed, Professor für internationale Beziehungen an der Universität von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. "Millionen benachteiligte Menschen in Entwicklungsländern haben dank Mikrokredit kleine Unternehmen gegründet und sind selbständig geworden."

Mikrokredite seien nicht nur ein wirtschaftliches Thema, sie umfassen auch viele soziale Aspekte, erklärt Ahmed: "Das Mikrokreditsystem hat in Bangladesch einen sehr positiven Einfluss auf Frauenrechte, Entwicklung in ländlichen Gebieten, Gesundheitsbewusstsein, und Bildung genommen."

"Hoher Zinssatz, aber fairer gestaltet"

M. Yunus vor einem Plakat mit dem Logo der Grameen Bank(AP Photo/Remy de la Mauviniere)

1976 begann Yunus mit der Entwicklung einer Bank für die Armen, der "Grameen-Bank". Sie hilft inzwischen etwa 12 Millionen Menschen

Imtiaz Ahmed ist von den positiven Auswirkungen auf die Entwicklung Bangladeschs überzeugt. Gleichzeitig ist er sich aber auch der Kritik bewusst, die gegen diese Art von Finanzierung immer wieder geübt wird. "Die Kritik an der von Mohammad Yunus gegründeten Grameen-Bank und anderen Kreditinstituten wegen des hohen Zinssatzes ist nicht ganz berechtigt", so der Wissenschaftler. "Zunächst muss man anerkennen, dass diese Menschen überhaupt ein Kredit erhalten. Das war früher unvorstellbar. Die anderen Kreditinstitute bieten ihnen gar keine Darlehen an, weil sie nicht die entsprechende Sicherheit mitbringen – sie verfügen über kein Eigentum oder über anderes Vermögen als Pfand."

Zwar gibt es auf dem Finanzmarkt in Bangladesch noch private Geldgeber, die relativ unkompliziert Geld zur Verfügung stellen ohne die Kreditwürdigkeit zu überprüfen – doch dafür verlangen sie einen sehr hohen Zinssatz. Mikrokredite sei dagegen viel fairer gestaltet, sagen deren Befürworter.

"Wenn diese Form von Kredit die Menschen ausbeuten würden, hätten nicht bereits Millionen Menschen Mikrokredite in Anspruch genommen", betont Ahmed. Außerdem gebe es für sie gar keine andere Möglichkeit, überhaupt zu einem Kredit zu kommen.

Schuldenfalle vermeiden

In Bangladesch können kommerzielle Kredite bis zu hundertzwanzig Prozent Jahreszins kosten. Die staatliche Regulierungsbehörde hat inzwischen die Obergrenze auf achtundzwanzig Prozent festgelegt. Die Grameen Bank liege also mit ihren knapp einundzwanzig Prozent deutlich unter dieser erlaubten Grenze, erklärt Binayak Sen, Leiter der Forschungsabteilung des "Bangladesh Institute of Development Studies". Allerdings gebe es in bei der Kreditaufnahme einige Probleme, die erst nach und nach zum Vorschein gekommen sind: "Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass fast ein Drittel der Kreditnehmer mehrere Kredite von verschiedenen Geldgebern in Anspruch nehmen", räumt er ein. "Wenn ein Kreditinstitut den Kreditwunsch des Kunden nicht vollständig erfüllen kann, muss er auch andere Kreditinstitute ansprechen, um die Gesamtsumme zu aufzutreiben. Ob diese Menschen dadurch in eine Schuldenfalle geraten, muss untersucht werden."

Staatliche Grundversorgung sicherstellen

Frauen mit bunten Tüchern stehen in einer Reihe hintereinander (Foto: AP)

Mikrokredite sollen vor allem Frauen helfen, eine Existenz aufzubauen

"Tatsache bleibt jedoch, dass hunderttausende Menschen in Bangladesch dank der Mikrokredite ihre eigene Lebens- grundlage aufbauen konnten", unterstreicht Binayak Sen. Trotzdem könne dieses erfolgreiche Instrument kein Allheilmittel sein, das alle Probleme der Armen lösen kann, sagt Wissenschaftler Sen: "Sie könnten zwar Mikrokredit in Anspruch nehmen, leiden aber weiterhin unter mangelnder Gesundheitsversorgung. Wenn sie also krank sein sollten, würden sie die Kreditsumme für ihre Behandlung ausgeben. Wenn der Staat bei der elementaren Versorgung der Armen in den Bereichen Gesundheit, Verkehrsinfrastruktur und Bildung scheitert, dann kann Mikrofinanzierung als einziges Instrument nicht die gezielte Wirkung erreichen."

Die staatliche Grundversorgung und das Mikrokredit-System sollten sich also gegenseitig ergänzen, fordert Binayak Sen. Erst dann können die Armen wirklich von Mikrokrediten profitieren.

Autor: Sanjiv Burman

Redaktion: Ana Lehmann