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Amerika

"I have a dream" - zwischen Wirklichkeit und Illusion

Mit seiner Rede schrieb Martin Luther King Jr. Geschichte. Fünfzig Jahre später kämpfen Afroamerikaner und andere Minderheiten in den USA noch immer gegen Diskriminierung. Was ist aus dem großen Traum geworden?

"Die Menschen standen vor dem Memorial und auf beiden Seiten des Wasserbeckens." Bob Tiller schaut zu den Stufen des Lincoln Memorials in Washington D.C. - der Ort, an dem am 28. August 1963 Martin Luther King Jr. seine Rede "I have a dream" hielt. "Die Menschen waren voller Ehrfurcht, aber auch enthusiastisch, diesen Moment mitzuerleben."

Tiller war einer von ihnen. Der damals 22-Jährige verließ ohne Erlaubnis seinen Arbeitsplatz, um am Marsch teilzunehmen. "Ich bin mit der Bürgerrechtsbewegung aufgewachsen. Ich spürte, wie wichtig es ist, an diesem Tag dabei zu sein." Rund eine Viertelmillion Menschen spürte dasselbe und lauschte den Ansprachen von Luther King und anderen Rednern, die ein Zeichen gegen die Diskriminierung schwarzer Bürger setzen wollten. "Der unvergesslichste Teil der Rede ist wohl, wenn Luther King beschreibt, wie eines Tages Kinder aller Hautfarben sich die Hände reichen", erinnert sich Tiller.

"Gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit"

"Ich habe einen Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht aufgrund ihrer Hautfarbe, sondern aufgrund ihres Charakters beurteilt werden. […] Ich habe einen Traum, dass eines Tages […] die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenbesitzer gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit sitzen", zeichnete Luther King seine Vision der Zukunft.

An einem Sommernachmittag 50 Jahre später sitzen weiße und schwarze Familien zusammen auf den Treppen des Lincoln Memorials, machen Fotos, lachen. Mit Barack Obama steht ein Afroamerikaner an der Spitze der USA. Ist Kings Traum also Wirklichkeit geworden?

Keine Weißen in Sicht

Menschen stehen Schlange und warten auf Essen (Foto: Ann-Kristin Schäfer, DW)

Anacostia - Hier hat sich Martin Luther Kings Traum noch nicht erfüllt

Rund 25 Kilometer entfernt zeigt sich ein anderes Bild. Im Washingtoner Stadtteil Anacostia verteilen Freiwillige Frühstück an Obdachlose und Hilfsbedürftige. Weit und breit sind keine Weißen zu sehen; Anacostia ist von Afroamerikanern geprägt. Geneva Heyward reicht einem Mädchen ein Sandwich und erzählt: "Als Kind stand ich selbst auf der anderen Seite des Tisches. Es ist ein Kreislauf, der nicht endet: Großmutter war arm, Mutter war arm, ich bin arm. Großmutter ging zur Essensausgabe, Mutter ging zur Essensausgabe, ich gehe zur Essensausgabe." Die 36-Jährige verlor ihre Mutter an den Alkohol. Mittlerweile hat sie selbst vier Kinder und den Kreis durchbrochen. Sie engagiert sich in Washingtons Problemvierteln. "Ich komme zurück und helfe, gerade weil ich die Bedürfnisse und die Situation der Menschen hier kenne."

Hohe Armutsraten unter schwarzen Amerikanern

Rechtlich sind schwarze Amerikaner seit den Civil Rights Acts der 1960er Jahre gleichgestellt. Benachteiligung in Ausbildung, Beruf und Privatleben sind verboten. Die Folgen der staatlich verordneten Rassentrennung sind aber noch sichtbar. In Anacostia sind Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate so hoch wie in keinem anderen Teil der amerikanischen Hauptstadt.

Auch US-weit sieht es nicht anders aus: Laut einem Report des "US Census Bureau", dem für die Volkszählung zuständigen Ministerium, lebte in den Jahren 2007 bis 2011 rund jeder vierte schwarze US-Amerikaner in Armut. Bei den weißen Bürgern war es nur etwa jeder zehnte. "Die Sklaverei hat dazu geführt, dass afroamerikanische Familien heute noch weniger Ressourcen zur Verfügung haben als Weiße", sagt Tiller, der für verschiedene Bürgerrechtsorganisationen gearbeitet hat. "Nach dem Ende der Sklaverei mussten sie bei null anfangen und wurden weiter diskriminiert. Wenn Menschen jahrzehntelang keine Arbeit finden können und ihnen der Zugang zu Schulen und Universitäten verwehrt wird, ist es für sie schwierig, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen."

Eine Statue von Martin Luther-King (Foto: Ann-Kristin Schäfer, DW)

Was würde er sagen? - Eine Statue von Martin Luther-King

Nach oben durch harte Arbeit

Dennoch trifft man mittlerweile überall erfolgreiche Schwarze in Führungspositionen. Einer von ihnen ist James Farmer, studierter Chemieingenieur und Unternehmensberater. Der 32-Jährige hat das verwirklicht, was der amerikanische Traum verspricht: nach oben durch harte Arbeit. "Während meines Studiums habe ich nie Diskriminierung erlebt. Dort ging es um Leistung. Ich war ein sehr ehrgeiziger Student und habe mich engagiert. Das hat die Personalchefs beeindruckt. In meiner Abschlussklasse habe ich die meisten Jobangebote bekommen."

Farmer hat früh begriffen, dass er sich anstrengen muss. "Mein Großvater hat mir erklärt, dass es für mich nicht reichen wird, ein guter Schüler oder ein guter Angestellter zu sein. Er sagte, ich müsse der Beste sein, weil die Leute mich beobachten und für mich andere Maßstäbe gelten als für Weiße." Trotzdem: Farmer sieht die amerikanische Gesellschaft auf einem guten Weg. "Es gibt keinen Grund, dass mir als Amerikaner irgendwelche Rechte verwehrt werden wegen meiner Hautfarbe, meiner Religion oder meiner Sexualität. Ich glaube wir begreifen das allmählich. Dieser Aspekt von Luther Kings Traum wird gerade Realität."

Neue Bürgerrechtsbewegung der Schwulen und Lesben

Farmer lebt mit seinem Freund zusammen und kennt so nicht nur die Situation der schwarzen Amerikaner, sondern auch die der Schwulen und Lesben. Deren aktueller Kampf gegen Diskriminierung ähnelt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 60er und 70er. Gerade erzielte die Gemeinschaft "Lesben, Schwulen, Bisexuelle und Transgender" (LGBT) einen Durchbruch: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte ein Gesetz für ungültig, das Steuervorteile und andere Regelungen auf Ehen zwischen Mann und Frau beschränkt. Auch ein kalifornisches Gesetz, das die gleichgeschlechtliche Ehe verbot, wurde gekippt.

Dennoch kämpft die LGBT weiter. "In 29 US-Staaten können Mitarbeiter wegen ihrer sexuellen Orientierung entlassen werden. Wir versuchen schon lange, ein Gesetz durch den Kongress zu bringen, das diese Diskriminierung beendet. Der Widerstand ist groß", sagt ein Mitarbeiter der Human Rights Campaign, einer der größten LGBT-Vereinigungen der USA.

Das Lincoln Memorial in Washington (Foto: Ann-Kristin Schäfer, DW)

Der Traum geht weiter

"Der erste Schritt ist immer, dass Diskriminierung illegal wird. Das haben wir für Afroamerikaner schon erreicht, und ich bin froh, dass das der LGBT-Community auch nach und nach gelingt. Ich glaube, wir können die Herzen der Menschen nicht so schnell ändern, aber wir haben einige wichtige Gesetze geändert", sagt Bürgerrechtsaktivist Tiller und schaut noch einmal hinüber zum Wasserbecken vor dem Lincoln Memorial zu der Stelle, an der er selbst die Worte Martin Luther Kings hörte. 50 Jahre später ist dessen Traum weder erfüllt noch geplatzt. Amerika träumt weiter.

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