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Aktuell Nahost

Hunderttausende fliehen im Irak vor dem "Islamischen Staat"

Die Dschihadisten sind auf dem Vormarsch. Sie drängen Christen und Jesiden im Nordirak immer weiter zurück. Jetzt will sich der UN-Sicherheitsrat mit der Not der Flüchtlinge befassen.

Die radikal-islamische Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) erobert immer mehr christlich geprägte Gebiete im Nordirak. Mindestens 100.000 Christen seien aus ihren Häusern in der Provinz Ninive geflohen, sagte der Patriarch der christlich-chaldäischen Kirche, Louis Raphael I. Sako. Viele versuchten zu Fuß die benachbarte kurdische Autonomieregion zu erreichen.

Auch zehntausende Angehörige der Jesiden, die von den Dschihadisten als "Teufelsanbeter" verunglimpft werden, sind auf der Flucht. Sie sind nach UN-Angaben ohne ausreichende Wasser- und Lebensmittelvorräte in einer Bergregion eingeschlossen. Mindestens 40 Kinder seien bereits verdurstet. Nach Schätzung der Vereinten Nationen flohen im gesamten Irak bisher 1,2 Millionen Menschen vor der Schreckensherrschaft der IS-Extremisten.

"Terroristische Bedrohung"

Der UN-Sicherheitsrat beschloss auf Antrag Frankreichs, sich noch an diesem Donnerstag mit der Lage im Nordirak zu befassen. Die Staatengemeinschaft müsse handeln, um der "terroristischen Bedrohung" entgegenzutreten und der Bevölkerung Hilfe und Schutz zu bieten, erklärte der französische Außenminister Laurent Fabius.

Die USA erwägen offenbar den Abwurf von Hilfsgütern, aber auch punktuelle Luftangriffe gegen IS-Milizen. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf einen hohen Regierungsvertreter. Die Türkei hat bereits angekündigt, den Flüchtlingen Hilfe zukommen zu lassen. Von irakischen Helikoptern würden türkische Hilfspakete über dem Zufluchtsgebiet abgeworfen, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu.

Durch die Ausbreitung der Terrormiliz des IS sei im Nordirak direkte humanitäre Arbeit "praktisch unmöglich" geworden, sagte ein Vertreter des katholischen Hilfswerks Malteser International der Nachrichtenagentur KNA. Auch ein von den Maltesern unterstütztes Gesundheitszentrum im nordkurdischen Karamlish sei in die Hände der IS-Milizen gefallen.

Christliche Gebiete von IS überrannt

In der Nacht zum Donnerstag hatten IS-Kämpfer nach Aussage von Anwohnern wichtige christliche Regionen unter ihre Kontrolle gebracht, darunter die historischen assyrischen Orte Karakosch, das von den Christen Bakhdida genannt wird, Tal Kaif, Bartella und Karamlesch. Karakosch ist mit rund 50.000 Einwohnern die größte christliche Stadt im Irak. Die vor allem von Christen bewohnten Gebiete rund um Mossul sind nun in der Hand der Dschihadisten.

In der Hauptstadt Bagdad hält unterdessen die politische Blockade an. Wie das unabhängige Nachrichtenportal "Sumaria News" meldet, soll das Parlament erst am Sonntag wieder zusammenkommen, um über die Wahl des Ministerpräsidenten zu beraten. Die Frist, binnen derer Präsident Fuad Massum laut Verfassung einen Politiker mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragen muss, endet allerdings an diesem Donnerstag.

jj/gri (dpa, rtr, afp)