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Kultur

Hunde sind die besseren Schauspieler

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller, Essayist und ein Cineast. Für DW-WORLD nimmt der Alltagskosmonaut junge Filme auf der Berlinale unter die Lupe.

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Alltagskosmonaut: Wladimir Kaminer über die Filmfestspiele Berlin

Die Zeit vergeht schnell. Gerade eben sind die 52. Filmfestspiele zu Ende gegangen, schon fangen die 53. an. Auch dieses Jahr ist alles wie gehabt: Im Wettbewerb kämpfen die vermeintlichen Kinohits des kommenden Jahres aus Amerika und Europa um das Publikumsinteresse, ihre Produzenten pokern hinter der Kulissen mit den Verleihern. Die deutschen Medien berichten, welche Stars die Hauptstadt mit einem kurzen Besuch geehrt haben und wie teuer die neue Scorcese-Produktion war.

Anspruch Weltfilm

Das interessantere und umfangreichere Programm bietet jedoch das "Internationale Forum des jungen Films". Während sich der Wettbewerb mit dem Kunstkino beschäftigt und im Panorama-Programm die tollen Filme aus den vergangenen Jahren laufen, gewährt das Forum-Programm mit seinen Dokumentationen, Spiel- und Experimentalfilmen einen Einblick in die Welten außerhalb Europas und spiegelt die politische Unentschiedenheit unserer Zeit wider - wie sich das Scheitern des Sozialismus und die Krise des Kapitalismus auf die Lebensbedingungen von Afrika über Lateinamerika bis China auswirkt.

Seit August waren die Organisatoren mit der Vorbereitung des neuen Forum-Programms beschäftigt. Mehr als 1000 Einsendungen mussten sie sich anschauen, um daraus 52 Filme auszuwählen. Wie schon im letzten Jahr, als China den Schwerpunkt des Forums bildete, kam auch diesmal eine ganze Welle chinesischer Filme nach Berlin. Man könnte allein mit diesen Filmen ein spannendes Festival-Programm zusammenstellen. Das wollten die Organisatoren nicht, deswegen hat das aktuelle Forum-Programm mehrere Schwerpunkte.

Obdachlose in Anzügen und "Goldene Zitronen"

Die Mehrheit der ausgewählten Filme kommt aus Regionen, in denen es Konflikte gibt - aus Israel und Palästina, aus Südafrika, China und Hongkong. Die schärfste Kapitalismus-Kritik kommt diesmal aus Japan, wo die wirtschaftliche Krise unvergleichlich mehr Schaden als in Deutschland anrichtete.

Südkorea ist auch gut vertreten. Denn in Seoul gibt es seit einiger Zeit ein neues Phänomen zu bestaunen: Obdachlose, die in Gucci-Anzügen herumlaufen. Sie sind Opfer des Börsenkrachs und haben es - anders als ihre deutschen und amerikanischen Kollegen - nicht geschafft, rechtzeitig etwas beiseite zu legen.

Einen starken Film über Amerika haben die Deutschen geliefert. In "Golden Lemons" geht es um eine Tournee der Hamburger Band "Goldene Zitronen" durch die USA. Aus Vietnam kam ein Film, der sich ausnahmsweise nicht mit dem Krieg gegen Amerika beschäftigt, sondern mit der Korruption im Land auseinandersetzt.

Großmächte auf Zelluloid

Russland ist ebenfalls mit einem Film im "Forum" vertreten - mit der Liebesgeschichte "Gololed" von Michail Breschinskij. Ich habe den Film noch nicht gesehen.

Auch Amerika ist ziemlich schwach beim "Forum" dieses Jahr, obwohl es viele Einsendungen aus den Vereinigten Staaten gab. Weder die Russen noch die Amerikaner können zur Zeit anscheinend China bei der Darstellung der verrückt spielenden Gegenwart Paroli bieten.

Hunde sind die besseren Schauspieler

Ein anderer Trend, der sich im Forum-Programm bemerkbar macht, ist das so genannte Hundesyndrom, unter anderem im chinesischen Film "Cala, my Dog" zu sehen.

Die Hunde bekommen immer öfter wichtige Rollen. Anders als zu den früheren Lassie-Zeiten werden sie jetzt jedoch nicht als dressierte Menschenfreunde eingesetzt, die kleine Babys aus dem Wasser zerren. Die Film-Hunde von heute werden als eine Projektionsfläche benutzt, um die Einsamkeit des Menschen in der modernen Gesellschaft zu zeigen. Auf diese Weise erleben die inneren Monologe als Stilmittel eine Renaissance. Der Held tut nicht mehr so, als würde er mit sich selbst Gedanken austauschen, er redet mit seinem Hund. Dadurch kommt der innere Monolog noch wahrer rüber.

Außerdem sind die Hunde bessere Schauspieler, wenn es um das Realitätskino geht. Sie benehmen sich authentisch vor der Kamera, bleiben meistens sie selbst, bekommen kaum Gage, haben stets gute Laune und können nicht reden, was für die Drehbuchautoren enorm hilfreich ist.

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