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Kultur

"Eine sehr skurrile Gemeinde"

Wladimir Kaminer im Gespräch mit DW-WORLD über Berlin, seine Geschichten als Zukunftsforschung und die Menschen in Wiesloch.

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Reist durch deutschen und russischen Alltag: Wladimer Kaminer

DW-WORLD: Herr Kaminer, Sie wohnen noch immer an der Schönhauser Allee in Berlin, die meistens laut, dreckig und voller Menschen ist. Wann ziehen Sie dort weg?

Wladimir Kaminer: Ich glaube niemals. Das ist genau die Atmosphäre, die wir brauchen. Es ist nicht nur laut und dreckig, diese Gegend hat auch Vorteile. Dass hier so viel passiert, ist sehr großstädtisch. Gleichzeitig ist es fast dörflich, weil viele Menschen einander kennen. Es ist etwas wie in New York: Man kann alles finden, viele Bevölkerungsschichten leben eng beieinander.

Nach dem Boom der Berliner Internet-Firmen wird schon wieder der Abgesang auf Berlin als angesagter Szenestadt gesungen. Sehen Sie das auch so?

Berlin wächst und verändert sich am stärksten in Deutschland. Sagen Sie mir bitte, wo die jungen, kreativen Menschen sonst leben? Etwa in München oder Kassel? Ich fahre sehr viel durch Deutschland und ohne, dass ich jetzt Werbung für die deutsche Hauptstadt machen will, bleibt Berlin für mich die einsame Spitze. Veränderungen und Zukunftsentwürfe kann man gerade in Berlin am besten sehen. München hingegen ist genau das Gegenteil. Eine große Stadt, aber unglaublich provinziell, als wäre das ein Kindergarten.

In "Die Reise nach Trulala" amüsieren Sie sich über Ihren Helden Martin. Finden Sie Deutsche besonders absurd?

Nein, wir werden ja alle durch die gesellschaftlichen Veränderungen in eine ziemlich skurrile Situation gesteckt. Reisen hat eine viel kleinere Bedeutung bekommen im Gegensatz zu früher, als die Welt noch so weit auseinander lag und wir abgeschottet voneinander waren und voller Klischees. Und darum geht es eigentlich in "Die Reise nach Trulala". Durch die Reisefreiheit sind alle viel näher zueinander gerutscht. Und Reisen haben keinen Zweck mehr, weil die ganze Welt um einen herumfährt. Wir sitzen in dem Buch die ganze Zeit in der Küche und bereiten uns auf eine Reise vor, fahren aber nicht los.

Wie waren Ihre Lesereisen nach Sankt Petersburg und Moskau?

Das war lustig. Die Leute fühlten sich von den Geschichten über den deutschen und russischen Alltag schon angesprochen. Die Russen nehmen aber ernster, was ich vorgelesen habe. Einige fanden das toll, andere waren beleidigt und meinten, ich stelle die Russen zu blöd dar. Aber im Großen und Ganzen war das eine gelungene Veranstaltung.

Sie sind mit dem Goethe-Institut gefahren. Finden Sie es komisch, als deutscher Autor vorgestellt zu werden?

Es ist schon komisch. Ich werde immer wieder als deutscher, russischer oder jüdischer Autor vorgestellt – je nach dem, wer fragt. Ich antworte immer: Ja, hier bin ich. Natürlich warte ich nur darauf, dass jemand merkt: Hey, ist das nicht der gleiche Typ? Ich verstehe, dass für andere die Unterscheidung wichtig ist. Aber mir selbst ist das schnurz.

Können Sie es noch hören, das Klischee über sich als erzählfreudigen Schelm, der mit Augenzwinkern den deutsch-russischen Alltag dokumentiert?

Ich höre sehr unterschiedliche Meinungen. Die meisten Menschen verstehen mich schon richtig. Sie nehmen nicht nur die oberflächlichen, lächerlichen Episoden wahr, sondern auch die Hintergründe. Ich versuche ja nichts anderes, als das nicht Nachvollziehbare, das, was in unserer Gegenwart schon zu finden ist, zu analysieren. Oder zumindest aufzuschreiben. Und dahinter zu kommen, was uns in Zukunft erwartet. Im Grunde genommen sind meine Geschichten alle futuristische Berichte darüber, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen kann. Außer, dass die Skurrilitäten mal lustig, mal gar nicht lustig sind, will ich ein anderes Bild von unserem Alltag zeigen. Alles wird anders und ich gucke, welche Wirkung hat das auf jeden Einzelnen. Auch der wird sich ändern müssen: Seine Feindbilder, seine Vorstellungen von Freundschaft, Liebe, was positiv und negativ im Leben ist. Zukunftsforschung.

Und das vor allem an Menschen aus verschiedenen Ländern?

Das ist eine der Veränderungen, die uns eingeholt hat. Die globalen Strecken sind zwar kleiner geworden. Und man kann in Berlin wahrscheinlich genauso viel über Vietnam lernen, wie in Vietnam selber. Aber dafür sind die kleinen Strecken größer geworden.

Haben Sie eine Geschichte auf Lager, die Ihnen während der deutschen Lesereisen passiert ist?

Zum Beispiel in Wiesloch ist das kulturelle Leben ziemlich eingeengt. Es gibt dort eine große SAP-Fabrik, wo die ganzen Software-Spezialisten arbeiten. Und eine der größten psychiatrischen Anstalten Deutschlands. Die Psychiatrie hat ein Kulturhaus, in dem immer ein "Tag der offenen Tür" oder der Schlafmützenball veranstaltet werden. Da gehen dann auch alle Programmierer hin. Und gleichzeitig gibt es in diesem Krankenhaus alte Menschen, die im Geiste immer noch im Krieg sind. Das zusammen macht eine sehr skurrile Gemeinde.

Eine Ihrer älteren Geschichten handelt davon, dass Sie mal wieder Ihre Einbürgerung verschieben. Haben Sie das inzwischen geschafft?

Das ist sehr kompliziert in Deutschland. Meine Frau und ich haben die Anträge eingereicht und sogar die deutsche Sprachprüfung gemacht. Jetzt wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. Aber ich glaube nicht an den Erfolg dieses Unternehmens.

Obwohl Sie bereits als "deutscher Autor" herumgereicht werden?

Das hat damit nichts zu tun. Gesetz ist Gesetz. Vor allem müssen wir, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, auf die russische verzichten. Das Problem ist, dass wir die russische nicht haben, weil wir noch aus der Sowjetunion ausgereist sind. Wir müssen erst die russische Staatsbürgerschaft beantragen, um auf sie verzichten zu können. Wir kriegen sie aber nicht, weil wir in Russland nicht gemeldet sind. So etwa ist die Geschichte.

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