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Wissen & Umwelt

Hunde erkennen menschliche Gesten

Zornig oder fröhlich? Hunde können solche Gesichtsausdrücke bei Menschen unterscheiden. Ob sie die Gesten auch verstehen, ist aber noch lange nicht bewiesen. Hundehalter und Forscher können das bisher nur vermuten.

Hund im Versuchsaufbau zur Gesichtserkennung (Foto: Clever Dog Lab Vienna).

Zornig oder fröhlich - für die Versuchshunde ist das wie ein Quiz: Wer gewinnt, bekommt ein Leckerli.

An Menschen gewöhnte Hunde können verschiedene Gesichtsausdrücke unterscheiden. Das gilt nicht nur für bekannte Gesichter, sondern auch für wildfremde. Unklar bleibt, ob Hunde die Bedeutung der Gesten verstehen. Ein Team um den Wiener Kognitionsforschers Corsin Andreas Müller hat die Studie jetzt in "Current Biology" veröffentlicht. Die Deutsche Welle hat mit dem Leiter des Forschungsbereiches, Ludwig Huber, über die Forschung mit den Hunden gesprochen:

Deutsche Welle: Herr Professor Huber, eine Studie Ihres Instituts hat gezeigt, dass Hunde menschliche Gesichtsausdrücke erkennen können. Die meisten Hundebesitzer würden das bestimmt aus eigener Erfahrung bestätigen. Warum ist es so schwierig die Gestenkommunikation wissenschaftlich zu untermauern?

Ludwig Huber: Wir ahnen ja schon sehr vieles, wenn wir als Hundehalter und Hundeliebhaber mit unseren Liebsten kommunizieren. Trotzdem bleibt die Frage, was die Hunde von der Kommunikation mit uns Menschen verstehen. Wir kommunizieren ja auf vielen Kanälen und mit vielen Sinnen - und der Hund tut das auch.

Hunde riechen und hören etwa besonders gut, aber sie sehen weniger gut. Also könnte es sein, dass Hunde vieles an Stimmungen oder Stimmungslagen des Menschen nicht visuell, sondern anders wahrnehmen. So ist beispielsweise bewiesen, dass auch Menschen Angst anderen durch Pheromone mitteilen.

Ludwig Huber (Foto: Fotostudio Wilke, Wien).

Ludwig Huber könnte nur vermuten, dass Hunde die Bedeutung der Gesten auch verstehen

Das Experiment ist also ein Mittel, um diese verschiedensten Einflussfaktoren voneinander zu trennen oder sie so zu kontrollieren, dass man den jeweiligen gesuchten Parameter gut untersuchen kann. Und wir wollten wissen - ob Hunde, allein auf der visuellen Ebene - menschliche Gesichtsausdrücke von Stimmungen verstehen. Der erste Schritt dazu war es zu zeigen, dass Hunde überhaupt die menschlichen Stimmungen unterscheiden können.

Als Mittel der Wahl haben wir zu statischen Bildern gegriffen, um Geruch und alles andere - etwa Signale durch Bewegungen - ausschließen zu können.

Kannten die Hunde die Gesichter der Personen, die dort abgebildet waren?

Nein, die Gesichter stammten aus validierten Datenbanken von Labors aus der Humanpsychologie. Diese Gesichter zeigen zuverlässig und wahrheitsgetreu die Emotionen der Menschen.

Und die Hunde sollten diese Gesichtsausdrücke unterscheiden lernen. Sie bekamen im Training menschliche Gesichter präsentiert, und zwar immer zwei von derselben Person: Ein Gesichtsausdruck war fröhlich, der andere zornig - von 15 verschiedenen Personen. Fast alles waren Frauen, weil wir da einen größeren Fundus in den beiden Ausdrücken hatten.

Die Aufgabe der Hunde war, durch Versuch und Irrtum zu lernen, bei welchem Ausdruck sie Futter bekommen. Für die eine Hälfte der Hunde haben wir den fröhlichen Ausdruck mit Futter assoziiert und für die andere Hälfte den zornigen.

Die Hunde mussten dann mit der Schnauze auf das entsprechende Gesicht über einen Touchscreen drücken - dann bekamen sie Futter. Die Hunde mussten also herausfinden, welcher Gesichtsausdruck ihnen das Futter lieferte und das haben fast alle Hunde auch geschafft.

Es ging also gar nicht darum, dass die Hunde den Gesichtsausdruck bewerten mussten - also dass fröhlich eher als etwas "Gutes" und ein zorniger eher als etwas "Schlechtes" bedeutet?

So ist es: Die Hunde sollten das nicht bewerten. Allerdings haben wir zu unserer Überraschung beim Training herausgefunden, dass die Hunde ihre Aufgabe nicht ganz neutral gelöst haben. Es hat sich gezeigt, dass die Hunde, die das fröhliche Gesicht mit der Nase anstupsen sollten, sich leichter taten. Die Hunde, die das zornige Gesicht anstupsen sollten, haben fast dreimal so lange gebraucht, um die Aufgabe zu lernen - obwohl die Aufgabe dieselbe war: Dieselben Gesichter, dieselbe Information. Aber offenbar tun sich die Hunde schwer, auf das zornige Gesicht zu drücken. Das ist für uns ein indirekter Beweis, dass die Hunde die Emotionen in den Gesichtern tatsächlich bemerken und interpretieren.

Hund im Versuchsaufbau zur Gesichtserkennung (Foto: Clever Dog Lab Vienna).

Hunde, die anfangs nur mit der Mundpartie trainiert wurden, konnten später auch fremde zornige oder fröhliche Augenpartien richtig zuordnen

Waren denn die Hunde schon stark durch Interaktion mit Menschen geprägt?

Es waren ganz normale Hunde aus Haushalten in und um Wien. Die Hunde sind auch gerne bei der Sache und machen da gerne mit. Es sind Hunde aller Rassen, verschiedenen Alters, beider Geschlechter, da sind wir nicht wählerisch.

Bei den Versuchen war stets eine Gesichtshälfte abgedeckt - entweder die Augenregion oder die Mundregion. Was steckt dahinter?

Die eine Hälfte der Hunde wurde mit der unteren Gesichtshälfte trainiert, die andere mit der oberen Gesichtshälfte. So wollten wir sicherstellen, dass die Hunde nicht einfach bestimmte Merkmale der Bilder - also Farbflecken - auswendig lernen, ohne überhaupt etwas über Gesichter oder Emotionen zu verstehen.

Bei einer früheren japanischen Studie, wo die ganzen Gesichter zu sehen waren, war bei allen fröhlichen Gesichtern der Mund offen und man sah einen horizontalen weißen Streifen. Bei allen zornigen Gesichtern war der Mund geschlossen, und man sieht den weißen Streifen nicht.

Also könnte ein Hund alleine mit dem Erkennungsmerkmal "horizontaler weißer Streifen" das Training absolvieren und auch den Test, wenn dort wieder die Zähne zu sehen sind. Wir wollten aber nicht wissen, ob die Hunde irgendein wahrnehmbares Merkmal verwenden können, sondern ob sie tatsächlich Gesichtsausdrücke als Merkmal verwenden und das auch generalisieren können.

Andreas Corsin Müller (Foto: Clever Dog Lab Vienna).

Andreas Corsin Müller ist Hauptautor der Studie zur Geestenerkennung von Hunden

Mit den halben Gesichtern gelingt das: Im Test haben die Hunde nicht nur neue und dazu halbe Gesichter bekommen, sondern in der schwierigsten Aufgabe neue Gesichter mit der jeweils anderen Gesichtshälfte. Hunde, die nur mit der Mundregion trainiert wurden, mussten jetzt plötzlich Gesichter in "fröhlich" oder "zornig" zuordnen, wo sie nur die obere Augenregion sehen konnten.

Die Erklärung ist, dass Hunde sich an ganze Gesichter aus ihrem Alltag erinnern, die fröhlich oder zornig sind. Wenn sie nur die Münder sehen, ergänzen sie den fehlenden Rest aufgrund der Erinnerung. Und diese Ergänzung setzen sie dann im Test ein. Das können sie aber nur, wenn sie bereits vorher etwas über das Gesicht und über Gesichtsausdrücke wissen.

Das heißt aber noch nicht, dass die Hunde die Gesichtsausdrücke als Emotionen interpretieren. Wir vermuten zwar, dass sie die Bedeutung der Emotion verstehen, aber das Experiment kann das noch nicht zeigen.

Den Gegenversuch müsste man dann mit ganz jungen Hunden machen, die direkt aus dem Welpenrudel kommen und keine Prägung durch den Menschen haben…

Das liegt nahe, ist aber schwierig. Welpen sind in solchen Experimenten unzuverlässig, aufgeregt und nicht ruhig genug. Aber selbst wenn man erwachsene Hunde hätte, die Menschen noch nie gesehen haben, wäre das schwierig. Man muss ja mit Ihnen das Training und die Tests durchführen. Und das machen auch Menschen. Eine Erfahrung mit menschlichen Gesichtern können wir also nicht ausschließen.

Das Interview führte Fabian Schmidt

Der Biologe und Zoologe

Professor Dr. Ludwig Huber

leitet die Abteilung für "Vergleichende Kognitionsforschung" an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Leitautor

der am 12. Februar 2015 in "Current Biology" veröffentlichten Forschungsarbeit zur Erkennung von Gesichtsausdrücken durch Hunde ist der Mitarbeiter seiner Abteilung, Dr. Corsin Andreas Müller.

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