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So geht Deutschland

"Holger, der Kampf geht weiter!"

Ihr Anstoß war die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern, ihre Protestfläche ein schmaler Grat zwischen Übermut und Gewalt - die deutschen 1968er. Ihr Wortführer: Rudi Dutschke. Im Rückblick erzählt seine Witwe.

Als die junge Amerikanerin Gretchen Klotz 1964 nach Deutschland kam, stieß sie überall noch auf die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs: in den Städten, wo es immer noch viele zerstörte Häuser gab - und an den Universitäten, wo sich Protest gegen Professoren und Politiker mit einer zweifelhaften Vergangenheit regte. "Die bohrende Frage nach der Nazi-Vergangenheit der Generation der Eltern war die Besonderheit der 68er-Bewegung in Deutschland. Das besondere Thema in den USA war zur gleichen Zeit die Situation der Schwarzen", sagt die heute 70-jährige Gretchen Dutschke-Klotz über das damals weltweite Phänomen des Aufstands gegen die politische Klasse.

Im Gefühl: "Wir können die Gesellschaft verändern"

In Deutschland ist mit der Jahreszahl 1968 vor allem ein Name verbunden: Rudi Dutschke. Es ist der Mann, der als Wortführer des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) immer wieder zu Demonstrationen aufrief. Und es ist der Mann, in den sich Gretchen Dutschke-Klotz während ihres Theologiestudiums in Deutschland verliebte; den sie heiratete und mit dem sie mitten in den gesellschaftlichen Aufruhr der damaligen Zeit geriet.

Der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke und seine Ehefrau Gretchen bei einer Demonstration.

An der Spitze der Studentenbewegung: Gretchen Dutschke-Klotz (li.) neben Rudi Dutschke

"Am Anfang war die Stimmung sehr euphorisch, denn es kamen immer mehr Leute zu unserer Bewegung dazu. Das gab uns das Gefühl, wirklich etwas verändern zu können", erinnert sich Gretchen Dutschke-Klotz. Verändern wollten die Studenten nichts Geringeres als die Grundpfeiler der Gesellschaft. Die einen empfanden das politische System der Bundesrepublik als autoritär; außerdem protestierten sie gegen den Vietnam-Krieg und die Unterdrückung der Dritten Welt. Für die anderen war schon allein die bürgerliche Familie ein unterdrückendes System, und so hielten sie die Deutschen mit medienwirksamen Aktionen in Atem: allen voran die "Kommune 1" in Berlin - eine Lebensgemeinschaft, in der von der Wohnung bis hin zu den Partnern alles geteilt werden sollte.

Im Gepäck: Proviant für eine Nacht im Gefängnis

Eine Zeit lang erschien der Protest fast wie ein übermütiges Spiel - und Festnahmen gehörten dazu: "Ich erinnere mich an eine 'Spaziergang-Demonstration', da mischten wir uns unter Passanten und verteilten Flugblätter. Wir hatten Proviant dabei, weil wir schon damit rechneten, dass wir für eine Nacht im Gefängnis landen würden", erzählt Gretchen Dutschke-Klotz mit einem leisen Lachen in der Stimme. Doch dann wird sie ernst: "Mit der Zeit bekam ich Angst, und auch Rudi spürte, dass es gefährlich wurde. Denn unsere Wohnung wurde mit Parolen beschmiert, große konservative Zeitungen fingen an, gegen Rudi als 'Staatsfeind' zu hetzen. Und viele Leute glaubten das, was die Presse da schrieb."

Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth (Foto: dpa)

Stand in den 1970er Jahren auf der Gegenseite linker Proteste: Gerd Langguth

Große Teile der deutschen Gesellschaft blieben von der 1968er-Bewegung unberührt. "Sie ging völlig vorbei an den Arbeitern und den Gewerkschaften. Hier liegt ein großer Gegensatz etwa zu Frankreich", erklärt Gerd Langguth, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bonn. In West-Berlin, wo die sozialistische DDR nur einen Steinwurf entfernt war, sei die linke Studentenbewegung auf eine besonders anti-kommunistische Haltung und große Gegendemonstrationen gestoßen. Und hier, wo die meisten Studentenproteste stattfanden, lud sich die Atmosphäre besonders mit Gewalt auf und forderte schließlich die ersten Opfer.

In West-Berlin: Gegenwind und brutale Gewalt

Das Bild vom 3. Juni 1967 zeigt den Abtransport von Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration anlaesslich des Berlin-Besuchs des Persischen Kaiserpaares von einem Polizisten erschossen wurde. (Quelle: AP Photo/Herr, File)

Nach den Schüssen auf Benno Ohnesorg wurden die Proteste radikaler

1967 starb der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien durch die Schüsse eines Polizisten; 1968 kam Rudi Dutschke nach dem Attentat eines rechtsradikalen Arbeiters nur knapp mit dem Leben davon. Daraufhin lieferten sich tausende Studenten Straßenschlachten mit der Polizei - und bestimmten viele Jahre das Klima an den Universitäten im Land. "Es gab eine totale Polarisierung: entweder man war für oder gegen 1968", sagt Gerd Langguth über seine Studienzeit zu Beginn der 1970er Jahre. Er war damals Vorsitzender des konservativen "Ring Christlich-Demokratischer Studenten" und stand damit auf der Gegenseite der linken Studenten. "Wenn ich bei Veranstaltungen als Redner sprach, wurde teilweise Gewalt gegen mich ausgeübt. Da herrschte keine vornehme Diskussionskultur", erzählt er. Und sagt in diesem Zusammenhang: "Auch Rudi Dutschke hat die Grenze zur Gewalt zumindest verbal immer wieder überschritten."

"Holger, der Kampf geht weiter!" - dieser Satz rückte Rudi Dutschke 1974 gar in den Dunstkreis des Terrorismus. Denn Dutschke rief ihn am Grab von Holger Meins, einem Mitglied der "Rote Armee Fraktion" (RAF), der nach einem Hungerstreik im Gefängnis gestorben war. Die RAF war eine fanatische Splittergruppe der 1968er-Bewegung und versetzte die Bundesrepublik bis in die 1990er Jahre in Angst und Schrecken; mit Mordanschlägen und Entführungen gegen Funktionäre aus Wirtschaft und Politik.

Im Rückblick: "Die Deutschen sind viel lockerer geworden"

Gewalt behindere den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft, stellte Dutschke später allerdings klar. "Rudi war der Auffassung, dass nicht Terror, sondern Aufklärung das richtige Mittel ist. Er hat gesehen, dass die RAF mit ihren Anschlägen die Ziele der 1968er-Bewegung kaputtmachen würde", sagt Gretchen Dutschke-Klotz. 1979 starb ihr Mann an den Spätfolgen des Attentats.

Gretchen Dutschke-Klotz und Rudi Dutschke 1970 in London (Foto: AP)

Gretchen Dutschke-Klotz mit ihrem Mann Rudi Dutschke 1970 in London

Was die Bewegung, an deren Spitze er stand, in Deutschland verändert hat - darüber streiten die Beteiligten von damals teilweise heute noch. Gretchen Dutschke-Klotz glaubt, dass die Deutschen durch 1968 gelernt haben: Demokratie ist nicht für die Machthaber, sondern zum Mitmischen da. Und als sie 2009 ein zweites Mal aus den USA nach Deutschland zog, fand sie ein anderes Land vor als 1964: "Die deutsche Gesellschaft ist viel lockerer geworden."