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Deutschland

2. Juni 1967 – Der Schah von Persien besucht Berlin

Der Besuch des Schahs wird zum Fanal: Für die einen beginnt der Weg in den Terrorismus, andere reagieren mit heftiger Kritik an der deutschen Nachkriegspolitik. Ein nachhaltiger Wandel der Bundesrepublik ist die Folge.

Das persische Herrscherpaar wird von Bundespräsident Heinrich Lübcke im Schloß Brühl empfangen. Im Hintergrund Außenminister Willy Brandt (Photo: dpa)

Empfang für das persische Kaiserpaar am 27. Mai 1967

Das Wetter meint es gut mit den Berlinern an diesem 2. Juni 1967. Sommerlich warm ist es, als der Schah von Persien mit seiner Frau Farah Diba während seines Deutschlandbesuchs in West-Berlin eintrifft. Er winkt von der Treppe des Flugzeugs den wartenden Menschen entgegen – nichts deutet daraufhin, dass dieser Tag die Bundesrepublik verändern wird. Er ist ein zwar umstrittener, aber dennoch gern gesehener Gast in der Bundesrepublik. Die einen sehen in ihm einen Statthalter der USA im Mittleren Osten und brutalen Unterdrücker des eigenen Volkes. Für die anderen ist er ein märchenhafter Kaiser und Liebling der Boulevardpresse.

Heinrich Albertz, Regierender Bürgermeister von Berlin, beim Empfang für den persischen Kaiser und seine Frau am 2. Juni 1967 im Rathaus Berlin-Schöneberg.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, beim Empfang für das persische Kaiserpaar im Schöneberger Rathaus in West-Berlin am 2. Juni 1967

Herzlich Willkommen!

Der Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz empfängt seine "kaiserliche Majestät" und versichert, dass sich die Menschen in der geteilten Stadt über ihren Besuch freuen. Das ist zumindest bei einem Teil der Berliner ein Trugschluss, wie sich am Nachmittag dieses 2. Juni 1967 herausstellt.

Auf dem Programm steht der Besuch der Deutschen Oper. Es wird Mozarts "Zauberflöte" gegeben. Als die Limousine des Schahs vorfährt, haben sich einige Tausend Demonstranten versammelt und protestieren lautstark gegen den Mann aus Teheran. Es fliegen Eier und Tomaten durch die Luft und Ho-Chi-Minh-Rufe sind vor der inzwischen Regen nassen Deutschen Oper zu hören. Heinrich Albertz, der den Staatsgast in die Oper begleitet, fordert die Polizei auf, die Proteste zu unterbinden.

Der von einer Polizistenkugel tötlich getroffene Student Benno Ohnesorg in den Armen einer Passantin (Photo: ekg-images)

Sein Tod wurde zum Fanal: Benno Ohnesorg stirbt am 2. Juni 1967 am Rande der Anti-Schah-Demonstration in Berlin.

Eine Forderung, die Konsequenzen hat. Denn statt Deseskalation zu betreiben, heizen die Berliner Polizei mit Schlagstöcken und Wasserwerfern und prügelnde Anhänger des Schahs die Situation weiter auf. "Jubelperser" dreschen mit langen Holzstangen auf die Demonstranten ein, zahlreiche Verletzte säumen mittlerweile die Straße – binnen weniger Augenblicke entwickelt sich eine regelrechte Straßenschlacht.

Benno Ohnesorg

Am Abend erreichen die Ausschreitungen ihren folgenschweren Höhepunkt. Der am Geschehen unbeteiligte 26jährige Student Benno Ohnesorg wird von einer Kugel des Polizisten Karl – Heinz Kurras tötlich getroffen. Obwohl Augenzeugen beteuern, dass Benno Ohnesorg für den Polizisten keine Bedrohung dargestellt habe, wird Karl – Heinz Kurras in einem aufsehen erregenden Prozess "aus Mangel an Beweisen" frei gesprochen. 40 Jahre später äußert sich der Polizist zum Tod von Benno Ohnesorg: "Fünf, sechs Mal (hätte er) hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus Feierabend. So ist das zu sehen!“

Ulrike Meinof gehörte zu den meist gesuchten Terroristen in Deutschland(AP-Photo/HO)

Fahndungsphoto von Ulrike Meinhof

Die Tat wird zum Fanal. Für die einen beginnt der Weg in den Terrorismus. Für sie ist der bewaffnete Kampf das geeignete Mitteln, den Staat aus den Angeln zu heben. Sie werden als "Rote Armee Fraktion" oder "Baader-Meinhof-Gruppe" traurige Berühmtheit erlangen. Ulrike Meinhof, später selber im "Krieg mit dem Staat", fordert Engagement "für diejenigen, die sich versuchen zu befreien von Terror und Gewalt." Wenn bei diesem Versuch nur der Krieg als letztes Mittel bliebe, dann, so Ulrike Meinhof, "sind wir für ihren Krieg."

Deutscher Herbst

Was die Ideologin des bewaffneten Kampfs den Journalisten ins Mikrophon diktiert, mündet für die kommenden zehn Jahren in Terror und Gewalt. Mordanschläge auf prominente Politiker oder Verbandsfunktionäre, Juristen und Botschaftsangehörige gehören ebenso zu den Mitteln dieses Kampfes wie Banküberfälle oder Terroranschläge auf militärische Einrichtungen der USA oder der NATO. Der "deutsche Herbst" 1977 ist der Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Terroristen und Staat. Als der Versuch, mit dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer von der Bundesregierung die Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen zu erpressen, scheitert, ist die Welle des Terrors vorbei.

Das undatierte Tableau zeigt die ab 1970 per Haftbefehl von den deutschen Justizbehörden gesuchten Terroristen

Fahndungsplakat nach Angehörigen der "Rote Armee Fraktion" (RAF)

68er

Die Mehrheit der studentischen Demonstranten bleibt aber beim friedlichen Protest. Ihr Zorn richtet sich gegen den Vietnam-Krieg und gegen die ihrer Meinung nach verlogene Vorstellung, die Freiheit Berlins müsse vor den Toren Saigons verteidigt werden. Sie demonstrieren gegen die Überfluss-Gesellschaft mit ihrer tabuisierten Sexualität und einem politischen Establishment, das all jene Werte hochhält, die sie verabscheuen. Sie halten die Familie für eine kleinbürgerliche Zwangsanstalt und propagieren den "Marsch durch die Institutionen", um den Staat auf den Kopf zu stellen. Sie wettern gegen ihre Väter und deren Unfähigkeit mit ihnen über den Nationalsozialismus zu sprechen. Sie unterstellen ihnen pauschal die Schuld am Holocaust und verurteilen, dass sich ihre Väter nicht gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime zur Wehr gesetzt haben.

Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit (EU-Parlamentarier) mit dem Sänger Walter Mossmann 1975 bei einer Protestveranstaltung. (Photo dpa)

Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit sowie der Lyriker und Sänger Walter Mossmann während einer Protestveranstaltung

Mit dem Slogan „Unter der Talaren – der Muff von tausend Jahren“ ziehen sie gegen die Studienbedingungen zu Felde. Rudi Dutschke, Wortführer und intellektueller Kopf des Protestes, prangert überfüllte Hörsääle ebenso an wie überforderte Professoren, die "nichts mehr begreifen." Wenig später wird aus der Kritik eine radikale Ablehnung der politischen Ordnung: "Nein zum Parlament, als einer Verhüllungsmaschine, wo wir nicht mehr vertreten sind." Rudi Dutschke klagt die große Koalition in Bonn an, die nur dazu da sei, "die Herrschaft der Regierungsclique, der bürokratischen und monopolistischen Oligarchie aufrecht zu erhalten."

Attentat auf Rudi Dutschke

Herbert Marcuse, Soziologe(AP Photo/Archiv)

Herbert Marcuse

Bei ihrer Kritik finden die Studenten Unterstützung bei einigen Hochschullehrern, die von ihnen als "Vordenker der Bewegung" verherrlicht werden. Der Soziologe Herbert Marcuse fordert, die Theorie über die Tatsachen zu stellen, aber die gesellschaftliche Realität ist immer gewalttätiger und Haß erfüllter gegenüber der Studentenbewegung geworden. Boulevardblätter der Springer – Presse hetzen gegen die Anführer der ihrer Meinung nach System gefährdenden Revolte der Studenten.

Rudi Dutschke, Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und führender Kopf der Außerparlamentarischen Oppposition in Deutschland (APO), aufgenommen im Februar 1968 bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Bad Boll. (Photo dpa)

Rudi Dutschke - zwei Monate vor dem Attentat.

Am 11. April 1968 geht die Saat auf. Ein junger Hilfsarbeiter verübt ein Attentat auf Rudi Dutschke und verletzt ihn dabei lebensgefährlich. Die Nachricht geht in Windeseile durch die Stadt, demonstrierende Studenten geben der Springer-Presse am gleichen Abend lautstark die Mitschuld am Attentat.

Demokratie wagen

Im September 1969 gewinnt die SPD mit Willy Brandt als Spitzenkandidat die Bundestagswahl. Mit der FDP wird die erste sozial-liberale Koalition gebildet. Die neue Regierung verspricht mehr Demokratie zu wagen und die Republik zu reformieren. Viele setzen ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang, andere beginnen mit dem "Marsch durch die Institutionen" und arrangieren sich mit dem System, das sie vorher intensiv bekämpft haben.

Ihr Kampf um einen gesellschaftlichen Wandel trägt in den kommenden Jahrzehnten Früchte. Viele der damaligen Lebensvorstellungen sind mittlerweile Realität geworden. Viele der damaligen Protestler sind inzwischen Teil des ehedem verhassten "politischen Establishments". Es sei ein "riesiger Erfolg", sagt Knut Nevermann - damals Vorsitzender des Studentenausschusses an der Berliner FU - heute Staatssekretär im sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst - dass das "grundsätzlich kritische und demokratische Bewußtsein" in der Studentenbewegung seinen Ursprung hat.

Biographien des Wandels

Nach der Ankündigung einer Zwangsräumung eines vom Frankfurter Häuserrat besetzten Hauses kam es am 28.03.1973 im Frankfurter Westend zu einer Straßenschlacht zwischen der Polizei und den Teilnehmern einer spontanen Demonstration.(Photo dpa)

Nach der Ankündigung einer Zwangsräumung eines vom "Frankfurter Häuserrat" besetzten Hauses kam es am 28.03.1973 im Frankfurter Westend zu einer Straßenschlacht zwischen der Polizei und den Teilnehmern einer spontanen Demonstration.

Wie sehr sich die deutsche Gesellschafrt geändert hat, kann man auch an einigen Biographien festmachen. Mitte der 70er Jahre ist Joseph Martin – genannt "Joschka" - Fischer in Frankfurt Mitglied verschiedener linksradikaler Zirkel. Gewalt gegen Sachen und Straßenschlachten mit der Polizei sind ihm nicht fremd. Die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer im Herbst 1977 läßt ihn - nach eigenem Bekunden - von radikalen und gewalttätigen Ideen abkehren. Wenig später schließt er sich der neu gegründeten Partei der "Grünen" an, wird 1985 Umweltminister in Hessen und 1998 schließlich Außenminister und Vizekanzler im ersten rot-grünen Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Joschka Fischer: Sinnbild des sozialen Wandels - Vom Steinewerfer zum Außenminister (Photo ap)

Joschka Fischer, Außenminister in den beiden rot-grünen Kabinetten

Joschka Fischers Karriere vom Steinewerfer zum Außenminister ist wahrhaft erstaunlich und symbolisiert wie kaum etwas anderes den radikalen gesellschaftlichen Wandel seit Ende der 60er Jahre.

Audio und Video zum Thema