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Kultur

Hitlers Kunst als hohle Pose: "Artige Kunst" in Bochum

Nazi-Kunst ist in deutschen Museen noch immer ein Tabu. Das "Museum unter Tage" in Bochum stellt nun Werke, die Adolf Hitler bewunderte, "entarteter Kunst" gegenüber. Ein Interview mit dem Kurator.

Die Ausstellung "Artige Kunst" im Museum unter Tage in Bochum zeigt Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda eingesetzt wurden, neben solchen, die Adolf Hitler als "entartet" diffamiert hat. Der Kurator, Alexander von Berswordt, will sich kritisch-analytisch mit der Kunstpolitik der Nationalsozialisten auseinandersetzen.

DW: Herr von Berswordt: "Artige Kunst" versteht sich als Gegenbegriff zur diffamierenden NS-Terminologie der "entarteten Kunst". Seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Werke von Nazi-Künstlern selten bis gar nicht in deutschen Museen zu sehen. Was hat Sie zu der Ausstellung veranlasst?

Alexander von Berswordt: Genau das ist der Grund, dass sie nicht zu sehen waren. Seit 50 Jahren kriegt man diese Werke nur in Abbildungen oder als Einzelwerke zu Gesicht. Wir haben festgestellt, dass es in Depots eine Menge solcher Gemälden gibt und man fragt sich: Warum wird darüber nicht diskutiert? Dass die Dinge unsäglich sind, steht außer Frage. Aber das muss meiner Meinung nach das Publikum selber merken dürfen. Man sollte die Kunst nicht zum Märtyrer machen, indem man sie versteckt. Knapp 9000 dieser Kunstwerke wurden von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA geschafft und als in den 1980er Jahren viele nach Deutschland zurückkamen und an Museen in Deutschland verteilt wurden, gelangten auch viele ans Historische Museum in Berlin. Als wir uns dort ein Bild machen wollten, ist uns schlecht geworden, aber wir haben gedacht, das muss an die Öffentlichkeit, damit sich jeder ein Bild machen kann.

Was genau ist auf diesen "artigen" Werken zu sehen. Ist das alles Propaganda?

Jein. Wir hatten zwar geglaubt, dass sie nur zu Propagandazwecken entstanden sind, parteikonforme Kunst, Hitlerporträts und Kriegsbilder machen allerdings nur 10 Prozent dieser Kunst aus. Diese Propaganda-Werke haben die Amerikaner zum Großteil in den USA behalten. 90 Prozent und mehr, die wir hier zu sehen bekommen, sind auf den ersten Blick harmlose Bilder. Die machen auch Propaganda, jedoch für eine Wirklichkeit, die es so in der Zeit nicht gegeben hat. Da sind gesunde Familien zu sehen mit blonden Kindern, geschönte Industriesituationen, mythologische Bilder, harmlose Porträts. Das Problem ist, dass sie zu einer Zeit entstanden, nämlich zwischen 1939 bis 1945, in der Kriegszeit also, in der ringsum alles zerbombt wurde, in der gestorben wurde und in der im Holocaust sechs Millionen Menschen umgekommen sind. Etwas, das, wie wir heute wissen, allseits bekannt war. Und Künstler, die solche harmlosen Bilder malen, weil das Regime es wünscht, sind so unwahrhaftig, dass man diese Werke gar nicht als Kunst bezeichnen kann.

Gemälde zeigt eine Familie mit drei Kindern

Nazi-Kunst von Hans Schmitz-Wiedenbrück: Familienbildnis von 1939

Sie präsentieren Werke von Künstlern, die von den Nationalsozialisten gefördert wurden und stellen Sie Künstlern gegenüber, die von den Nazis verfolgt wurden. Wie verhindern Sie, dass durch eine museale Präsentation die Nazi-Kunst gewissermaßen einen Ritterschlag erhält, indem man sie plötzlich für ausstellungswürdig erklärt?

Die Frage ist völlig gerechtfertigt, weil das auch unsere Angst war. Wir machen es so, dass wir Bilder mit Bildern sprechen lassen. Es gibt ja zu dieser Zeit auch die von den Nazis als "entartet" diffamierte Kunst. Wir nennen im Gegensatz dazu die NS-Kunst "artig", um sie der "entarteten" gegenüber zu stellen. Wenn man bedenkt, welche großen Künstler als "entartet" galten: Josef Albers, Kurt Schwitters, Paul Cézanne, Pablo Picasso, Paul Klee, Vincent van Gogh, Piet Mondrian – wenn man diese Meisterwerke den NS-Kunstwerken gegenüberstellt, dann erzeugt das eine Art von Aufregung im Besucher. Wir setzen die Werke auch thematisch in einen Dialog: Zum Beispiel die "artige" Madonna von Ivo Saliger steht einer heftigen Kreuzigungsszene von George Grosz gegenüber. Und so fahren wir in der Ausstellung fort. Dann bringen wir Dokumentarfotos von der Situation im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wie sie nach der Befreiung vorgefunden wurde. Zu sehen ist etwa ein kleiner Junge, der an Leichenbergen vorbei geht, daneben hängen ein Familienbild und Reklamebilder der Nationalsozialisten, auf denen stramme Eltern und gesunde Kinder abgebildet sind. Der kleine Junge und diese Kinder auf der Reklame – die gucken sich regelrecht an. Wir zeigen einen Wandtext im Foyer, der vor dem Betreten der Ausstellung ganz klar diese Malerei und ihre Position erklärt. Wir stellen Fotografien von zerstörten Städten aus, das zerstörte Mainz gehört dazu, so dass die Menschen gar nicht drum herum kommen, zu sehen, wie der Alltag wirklich aussah. Jeder merkt, dass diese von den Nazis geförderten Werke unkünstlerisch sind. Max Imdahl, der Kunsthistoriker, in dessen Geist die Arbeit der Stiftung "Situation Kunst" in Bochum steht, hat es in einem Text "Unkunst" genannt. Das scheint mir der richtige Begriff. Es geht nicht um gute oder schlechte Kunst, es geht um Kunst oder "Unkunst".

Also zeigen Sie diese Werke eher als Zeitdokumente denn als Kunstwerke?

Zeitdokumente insofern, dass sie die Mentalität des Regimes unterstützten, indem sie eine Welt vorgaukelten, die es so nicht gab. Es gab auch Leute, die technisch malen konnten. Aber auch in einem Seebild von Klaus Bergen passt die heroische Attitüde genau zu dem, was von den Künstlern damals gefordert war.

Der große Aachener Kunstmäzen Peter Ludwig ließ sich in den 1980er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Irene von Arno Breker porträtieren. Der Künstler Klaus Staeck verfasste damals einen Protestaufruf mit dem Tenor: "Keine Nazi-Kunst im Museum".

Klaus Staeck hat damals einen Aufruf verfasst, um dagegen zu protestieren, dass solche Kunst ins Museum kommt. Er ist auf die Barrikaden gegangen, weil Arno Breker für Staeck ein zentraler Nazi-Künstler war, der Günstling überhaupt von Adolf Hitler. Den Aufruf habe ich damals unterstützt und mit verbreitet. Ich war viele Jahre als Galerist tätig und hatte damit eine gewisse Multiplikatorenmöglichkeit. Klaus Staeck bat mich, Max Imdahl davon zu überzeugen, auch gegen Peter Ludwig zu protestieren. Das entsprach aber nicht Imdahls Auffassung von Kunstwissenschaft. Deshalb hat er die Unterschrift verweigert. Stattdessen hat er, weil er mit Peter Ludwigs Vorgehen nicht einverstanden war, einen eigenen Text verfasst über die Pose in der Kunst des Dritten Reichs. Ein fabelhafter Text, in dem er sich eine Skulptur von Breker vorgenommen und sie einer Skulptur von Michelangelo gegenübergestellt hat. Breker war zwar ein technisch hervorragender Bildhauer, aber kein Nachfolger von Michelangelo. Die Figuren, die er schuf, sind inhaltlich tot und leblos. Idealfiguren, aber wenn man hinguckt, dann ist an ihnen nichts Menschliches. Sie sind genau das, was sich die Nationalsozialisten wünschten: gesunde Kerle, die kämpfen können, die aber nicht widersprechen, die sich vermassen lassen. Das hat Imdahl hervorragend nachgewiesen in seinem Text. In unserem Katalog haben wir uns bemüht, die Hintergründe zu den Werken zu analysieren.

Wie wirkt diese Heile-Welt-Bildsprache heute? Kann sie auch heute noch instrumentalisiert werden von den "Falschen"?

Mit den Daten 1933, 1937 oder 1941 können Sie das nicht, weil sie sofort zuzuordnen sind. Aber weiterentwickelt auf unsere Zeit können sie das sehr wohl. Ich habe mir den letzten kommunalen Wahlkampf in Berlin angeschaut. Da gab es viele rechtssstehende Parteien, die in der Bildsprache verdammt nah an der der NS-Kunst waren. Auch die Sprüche ähnelten sehr den Botschaften der Nationalsozialisten. Das macht mir Sorgen.

Geplant war für die Ausstellung "Artige Kunst" auch eine Zusammenarbeit mit einem polnischen Museum. Wieso ist das Projekt gescheitert?

Als zweite Station hatten wir eine Kooperation mit dem Museum für Zeitgenössische Kunst in Wrozlaw, früher Breslau, in Polen geplant. Die Stadt ist 2016 Europäische Kulturhauptstadt. Die Direktorin des Museums für Zeitgenössische Kunst, Dorota Monkiewicz, hatte voller Engagement zugesagt, die Ausstellung zu zeigen. Allerdings hat ihr die PiS-Regierung gekündigt. Ihr Vertrag ist nicht verlängert worden. Alle verabredeten Projekte wurden von der neuen Stadtverwaltung abgesagt. Als wir fragten, ob wir helfen könnten, sagte sie: "Nein, ich bin rausgeflogen, weil ich eine linksliberale Haltung habe." Auf meine Frage, ob es etwas mit der Ausstellung zu tun habe, antwortete sie, dass nicht die Ausstellung von Originalwerken von nationalsozialistischen Künstlern das Problem sei, sondern dass diese Werke in einem kritischen Licht gezeigt würden. Dass so etwas in Polen 2016 passiert, in einem Land, das von den Deutschen 1939 als erstes überfallen wurde, das stimmt in tiefstem Maße ängstlich.

Dann mussten Sie ausweichen auf andere Museen…

Rostock ist eine wichtige Station, denn dort gibt es rechte Entwicklungen, Stimmungen, und der Museumsdirektor ist sehr engagiert. Und dann haben wir Regensburg gefunden. Aber zentrale deutsche Museen haben wir für das Projekt nicht gewinnen können.

Mit welchen Argumenten hat man Ihnen abgesagt?

Wir haben uns unter anderem um die Akademie der Künste bemüht. Und gehofft, dass die Akademie die Chance ergreifen würde, diese Zeit aufzuarbeiten, aber dort lehnte man auch ab. Das Gleiche ist uns mit anderen Museen passiert. Auch das Haus der Kunst in München wäre ideal gewesen, doch von dort wurde uns signalisiert, wir bräuchten gar nicht erst nachzufragen. Wir sind trotzdem froh, dass die Ausstellung gezeigt wird, wenn auch in kleineren Museen.

So eine Kunst zu verstecken, führt das Ihrer Meinung nach zu einer Mystifizierung?

Zu einer Märtyrisierung. Genau das, was die Nazis mit der Kunst gemacht haben, passiert jetzt mit dieser Kunst. Das kann nicht richtig sein.

Das Gespräch führte Sabine Oelze

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