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Kultur

Was tun mit Hitlers Lieblingskunst?

Der Fund der "Schreitenden Pferde" des NS-Bildhauers Josef Thorak wirft die Frage nach dem richtigen Umgang mit Kunst aus dem Nationalsozialismus auf. Gehört NS-Kunst ins Museum?

Am Mittwoch gelang den Fahndern des Berliner Landeskriminalamts ein spektakulärer Coup. Bei einer großangelegten Razzia, die zeitgleich in mehreren Bundesländern stattfand, entdecken sie in einer Lagerhalle im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim tonnenschwere, monumentale NS-Kunst: darunter riesige Pferde aus Bronze von Josef Thorak, Skulpturen von Fritz Klimsch und ein fünf mal zehn Meter großes Relief von Arno Breker. Die Künstler zählten zu den Günstlingen von Adolf Hitler. Im Gegensatz zur Raubkunst ist NS-Kunst keine von den Nationalsozialisten gestohlene Kunst. Im Gegenteil: Es handelt sich um Werke, die von ihnen in Auftrag gegeben oder zu Propagandazwecken missbraucht wurden. Was mit den am Mittwoch aufgetauchten Kunstwerken passieren wird, ist noch unklar. Zunächst sollen sie in der Obhut der Polizei bleiben, dann fallen sie womöglich dem Bund zu – sofern sich keine Erben melden und Ansprüche auf die Kunstwerke stellen.

Bildhauer Arno Breker, Foto: picture alliance/dpa

Meister des Monumentalen: Arno Breker im Jahr 1985

Die in Bad Dürkheim entdeckten Kunstwerke waren wahrscheinlich für den Weiterverkauf gedacht. Natürlich unter der Hand, denn NS-Kunst ist in der Regel kein Objekt des offiziellen Marktes, erklärt der Kunsthistoriker Christian Fuhrmeister vom Institut für Kunstgeschichte im DW-Interview. "Für die Werke, die für den nationalsozialistischen Staat zu Repräsentationszwecke geschaffen wurden oder die in der großen deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München gezeigt wurden, gibt es eine Nachfrage", sagt er. Die Öffentlichkeit würde von diesen Gemälden oder Skulpturen, die von Hitler selbst, aber auch von anderen Funktionsträgern der Parteimitgliedern der NSDAP gekauft wurden nichts zu sehen kriegen. "Es gibt einige private Sammler in Deutschland. in den USA oder auch in Russland, die sich dafür begeistern. An deren Werke kommt man nicht ran."

Für Kunsthistoriker sei es so gut wie unmöglich, verschollene Werke von Nazi-Künstlern aufzuspüren. "Das gleicht klassischer Detektivarbeit", sagt er.

Propagandabilder und Blumenstillleben

NS-Kunst ist ein sehr weiter Begriff: Darunter fallen klassische Propagandawerke wie glorifizierende Skulpturen von Arbeitern oder Frontsoldaten, aber auch eine Unmenge von harmlosen Blumenstillleben, Tierdarstellungen, Porträts von Industriellengattinnen oder Landschaften. "Die Universität und das Fach Kunstgeschichte haben sich lange Zeit überhaupt nicht mit der NS-Kunst beschäftigt", beklagt Fuhrmeister. NS-Kunst wurde von der Forschung tabuisiert. "Es gibt den Vorwurf, alles sei Kitsch, andere sagen, es sei Propaganda. Auf gar keinen Fall handele es sich um Kunst." Diese Gemengelage habe dazu geführt, dass eine Auseinandersetzung mit der NS-Kunst jahrzehntelang nicht oder nur sehr zögerlich gegeben habe. Erst in den letzten Jahren habe die Wissenschaft damit begonnen, sich intensiver mit der Kunst aus dem Nationalsozialismus zu beschäftigen.

"Verstecken geht in keinem Fall"

Büste von Josef Goebells, Foto: picture alliance/IMAGNO/Austrian Archives.

Josef Thorak arbeitet an einem Bildnis von Josef Goebbels

Doch wie kann der richtige Umgang mit Nazi-Kunst aussehen? "Verstecken geht in keinem Fall", sagt Fuhrmeister. Denn: Was versteckt sei, übe eine Faszination aus und sorge für Mythen und Legendenbildung. "Wir brauchen eine Entmystifizierung, dann geht die Entdämonisierung damit auch gleichzeitig einher", sagt der Kunsthistoriker. Denn die meisten Menschen verbinden mit NS-Kunst vor allem Bilder, die den Nationalsozialismus verherrlichen. Dabei mache Propaganda, Krieg oder Militär nur drei Prozent dieser Kunst aus.

In der Pinakothek der Moderne in München hat man sich in dieser Frage schon entschieden: NS-Kunst wird gezeigt. In der aktuellen Ausstellung

"Gegen Kunst – 'Entartete Kunst' - NS-Kunst - Sammeln nach '45"

stellt sie die von den Nationalsozialisten als "entartet" bezeichnete Kunst der von den Nazis beauftragen NS-Kunst gegenüber. Dort betrachte man die Skulpturen und Gemälde der NS-Künstler nicht als Kunstwerke, sondern als Zeitdokumente. Künstler der von den Nationalsozialismus verfemten Moderne treffen in München auf die NS-Künstler, darunter Adolf Ziegler und auch Josef Thorak, den Urheber der gerade aufgetauchten Skulptur "Schreitende Pferde".

Forschung steht noch am Anfang

Deutschland Ausstellung Gegen Kunst Pinakothek der Moderne, Foto: Sven Hoppe/dpa

Thorak-Skulptur in der Münchner Pinakothek der Moderne

In ihrer Form erinnert die Ausstellung in München an die "Große Deutsche Kunstausstellung" 1937, in der regimekonforme Kunst und die sogenannte "Entartete Kunst" erstmals zur Schau gestellt wurden. Die NS-Kunst im Depot verstauben zu lassen, sei falsch, heißt es aus der Pinakothek. Man wolle sich mit der Zeitgeschichte auseinandersetzen.

"So wie der Fall Gurlitt die Provenienzforschung befördert hat, wird vielleicht auch das Interesse an diesen jetzt aufgetauchten Arbeiten eine verstärkte Diskussion herbeiführen über Kunst der 1930er und 1940er Jahre", hofft Fuhrmeister. "70 Jahre nach Kriegsende fangen wir mit der Untersuchung der Kunst im Nationalsozialismus in vielerlei Hinsicht erst an."

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