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Welt

Historiker: Trump-Hitler-Vergleich lenkt von eigentlicher Gefahr ab

Gerade bringt ein deutscher Twitterer Trump-Fans mit einem Hitler-Vergleich auf die Palme. Zwischen den Aufstiegen der beiden gebe es zwar Ähnlichkeiten, aber vor allem Unterschiede, sagt ein deutscher Historiker.

Screenshot Johan Franklin Twitter@CrappyCrapson US-Wahlen Deutsche Warnung (Twitter@CrappyCrapson)

"Macht nur, wählt den Typen mit der lauten Stimme, der Minderheiten hasst...", schreibt Johan Franklin auf Twitter

Deutsche Welle: Die Liste derjenigen, die Donald Trump und Adolf Hitler miteinander vergleichen, wird immer länger. Hatten bislang bereits ein ehemaliger mexikanischer Präsident, die Stiefschwester von Anne Frank und zahlreiche Wahlbeobachter diesen Vergleich gezogen, landete Anfang der Woche Twitter-Nutzer Johan Franklin mit einem warnenden Vergleich einen viralen Erfolg. Ist der Vergleich gerechtfertigt?

Thomas Weber: Unabhängig davon, ob er gerechtfertigt ist, muss man sich überlegen, ob er politisch hilfreich ist. Der erste, der Hitler anführt, hat die Diskussion verloren, weil das Gespräch sich nur noch um den Hitler-Vergleich dreht und nicht mehr um die wirkliche Substanz. Im Fall Trump lenkt es von der wirklichen Gefahr ab, die ganz unabhängig von einem Hitler-Vergleich bestehen könnte.

Dennoch denke ich, dass es schon Ähnlichkeiten zwischen dem Erfolg von Donald Trump jetzt und Hitlers frühem Erfolg gibt. Ich glaube, dass diese Ähnlichkeiten vor allem auf der taktischen Ebene zu suchen sind, denn beide präsentieren sich als Anti-Politiker, die die Vereinigten Staaten beziehungsweise Deutschland wieder nach vorne bringen wollen. Und beide legen dabei eine große taktische Flexibilität an den Tag. Das ist bei Donald Trump noch eklatanter als bei Hitler.

Großbritannien Aberdeen Portrait Thomas Weber

Thomas Weber ist Historiker an der Universität von Aberdeen

Und es gibt noch eine Ähnlichkeit darin, wie die beiden wahrgenommen werden. Gerade dadurch, dass sich beide so flexibel geben, ist es schwierig zu wissen, was sie denn jetzt wirklich meinen. Das ist durchaus hilfreich, weil es Menschen verschiedener politischer Couleur erlaubt zu meinen, dass Hitler oder Trump ja eigentlich auf ihrer Seite stehe. Auf diesen Ebenen sehe ich schon große Ähnlichkeiten. Dennoch würde ich sagen, dass die Unterschiede mindestens so groß, wenn nicht sogar größer sind.

Und wo sind die Unterschiede?

Trump steht erstens für das, was Hitler gehasst hat. Hitler war nicht nur Antisemit und Antibolschewist, sondern gerade auch in seiner Frühzeit war für ihn Antikapitalismus und Antiamerikanismus genauso wichtig. Trump wäre da quasi die Personifizierung dessen, was Hitler nicht mochte.

Wichtiger ist jedoch, dass hinter diesen taktischen Ähnlichkeiten bei Trump eine große Flexibilität des politischen Denkens und Handelns liegt, die bei Hitler einfach nicht da ist. Bei Hitler gibt es die Flexibilität nur auf taktischer Ebene, während sie bei Trump auch über das Taktische hinausgeht. Trump ist dann eben doch der Businessman, für den Deals und Kompromisse letztlich sein Geschäft sind. Dagegen galt für Hitler jeder Kompromiss als ein fauler Kompromiss. Deswegen ist letztlich ihre Herangehensweise an Politik über den Wahlkampf hinaus doch eine ganz andere. Wie eingangs gesagt, bedeutet dies nicht, dass Trump ungefährlich ist. Die Gefahr bei Trump ist nur eine ganz andere und besteht darin, dass Trump als Demagoge und Populist alles sagt und tut, was nötig ist, um Aufmerksamkeit zu bekommen und an die Macht zu gelangen.

Das bedeutet im besten Falle, dass wir einen Präsidenten Trump bekommen, den wir vielleicht nicht besonders toll finden, der aber auch keine absolute Katastrophe ist, weil er dann doch Deals macht und Kompromisse eingeht.

Ich glaube aber eher, dass dieses positive Szenario nicht eintritt und dass tatsächlich eine große Gefahr von Trump ausgeht, weil er als Demagoge und Populist die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der amerikanischen Politik zerstört, um Aufmerksamkeit und Erfolg zu bekommen. Letztlich wendet er die Regeln des amerikanischen Reality-TV auf die Politik an und zerstört damit die Regeln der amerikanischen Politik. Und wenn die Regeln der Politik und des sozialen Zusammenlebens eines Landes zerstört werden, dann ist unklar, welche unbeabsichtigten Folgen dieses Handel hat.

Und vor allem muss man sich ausmalen, was ein Präsident Trump, der sich nicht an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der internationalen Politik hält, für Auswirkungen hätte. Die Welt ist im Moment schon brüchig genug. Wenn man sich jetzt noch einen amerikanischen Präsidenten vorstellt, der sich überhaupt nicht um irgendwelche Regeln kümmert, dann wird das dazu führen, dass die Welt noch unsicherer wird und dass Amerika noch schwächer wird. Und da liegt die eigentliche Gefahr einer Präsidentschaft von Donald Trump.

Trump wird nicht nur mit Hitler verglichen, sondern auch die USA heute mit Nazi-Deutschland damals. Ist dieser Vergleich legitim?

Der Vergleich ist natürlich legitim, man muss sich nur fragen, wie weit man ihn treibt. Die Ähnlichkeit besteht darin, dass in Deutschland in den 1920er- und 1930er-Jahren eine untere Mittelschicht und Unterschicht sich als Verlierer der Weltwirtschaftskrise, der Inflation und der Folgen des Versailler Vertrages ansahen - genauso wie es heute in den USA eine weiße untere Mittelschicht gibt, die sich als Verlierer ansieht. Die zum ersten Mal seit Jahrzehnten meint, dass die Zukunft nicht besser sein wird als die Vergangenheit und die sich als Verlierer der Globalisierung, der Wall Street und der Finanzkrise sieht. Es gibt also schon gewisse Ähnlichkeiten in der politischen Situation Deutschland-USA bezüglich dieser sozialen Schichten und in deren Bereitschaft, jemanden wie Trump oder Hitler zu unterstützen.

Aber man sollte aufpassen, dass man diese Vergleiche nicht zu weit treibt. Denn letztlich würde ich sagen, dass die Unterschiede wichtiger sind als die Ähnlichkeiten. Und dies nicht zuletzt deshalb, weil es in den USA zwar erhebliche Probleme gibt, aber die USA doch eben ein funktionierender Staat und eine funktionierende Gesellschaft sind, während dies in Deutschland in der Zwischenkriegszeit einfach nicht der Fall war.

Thomas Weber ist Professor für Geschichte und Internationale Politik sowie Gründungsdirektor des Centre of Global Security and Governance an der University von Aberdeen in Schottland.

Das Interview führte Michael Knigge.