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Asien

Hilflos in Fukushima

Die nukleare Katastrophe in Japan hat eine neue Eskalationsstufe erreicht: Im Atomkraftwerk Fukushima tritt Radioaktivität in besorgniserregendem Maße aus. Der Betreiber erwägt, auch die letzten Mitarbeiter abzuziehen.

Satellitenaufnahme des Atomkraftwerks Fukushima in Nordjapan von Montag, 14. März 2011 (Foto: dapd)

Kernkraftwerk Fukushima: Das Desaster ist nicht aufzuhalten

Nachbeben, eine weitere Explosion und ein Brand haben die Probleme im nordjapanischen Kernkraftwerk Fukushima Eins dramatisch verschärft. Zum ersten Mal räumte auch die Regierung eine Gesundheitsgefahr ein. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtet am Dienstag (15.03.2011), in dem Atomkomplex sei die radioaktive Strahlung nun so hoch, dass auch das verbliebene Personal in den Kontrollräumen nicht länger dort bleiben könne. Demnach wären die noch verbliebenen 50 Mitarbeiter der AKW-Betreiberfirma Tepco in höchster Gefahr. Müssten sie abgezogen werden, bliebe der stark beschädigte Block 2 sich selbst überlassen. Tepco hatte die Belegschaft des Reaktorblocks schon von bislang 800 auf 50 Mitarbeiter reduziert.

Völliges Chaos im Katastrophenreaktor

Ein Bewohner aus der Evakuierungszone (links) wird von einer Person im Schutzanzug auf Strahlung untersucht (Foto: AP)

Menschen aus den Evakuierungszonen müssen auf Strahlung untersucht werden

Die Lage in den einzelnen Reaktorblöcken des Kernkraftwerks Fukushima Eins wird zunehmend unübersichtlich. Mindestens vier der sechs Reaktorblöcke sind beschädigt. In Block 2 führte der gewaltige Druck zu einer dritten Explosion. Es ist völlig unklar, ob dabei die innere Schutzhülle des Reaktors beschädigt wurde. Im abgeschalteten und bisher unauffälligen Block 4 brach zwischenzeitlich ein Feuer aus. Es wurde zwar gelöscht, doch in der Außenwand des Reaktorgebäudes klaffen zwei acht Quadratmeter große Löcher. Erst durch diesen Brand wurde bekannt, dass die Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe auch in den bereits explodierten Reaktoren 1, 2 und 3 außerhalb der Schutzhüllen liegen. "Nach meinen Informationen befinden sie sich zwischen dem vierten und fünften Stock des Reaktorgebäudes", sagte Atomexperte Mycle Schneider, der mehrfach als Gutachter für Kernkraftanlagen in Japan war. "Nach den Explosionen der Hüllen liegen sie damit offenbar frei."

Die eigentliche Quelle für die stark angestiegene Radioaktivität soll jedoch das Abklingbecken in Reaktor 4 sein. Die Strahlung überschreite die erlaubte Jahreshöchstdosis um das 400fache, bestätigte die japanische Regierung. Es bestehe akute Gesundheitsgefahr für die Einsatzkräfte. "Die können nur noch im Vollschutz arbeiten", sagte Experte Schneider. Das Wasser im Abklingbecken kocht möglicherweise. Wenn es verdampft, wären die Brennstäbe ohne jede Kühlung, denn den Tepco-Mitarbeitern ist es nicht mehr möglich, Wasser nachzufüllen. Tepco erwog zwischenzeitlich, Wasser von einem Hubschrauber aus auf das Becken abzuwerfen.

"Was zur Hölle ist da los?"

Japans Regierungschef Naoto Kan (Foto: AP)

Wütend auf AKW-Betreiber Tepco: Ministerpräsident Naoto Kan

Die japanische Regierung, die sich bisher stets beschwichtigend geäußert hatte, räumt eine Gesundheitsgefahr nun offen ein. Japans Ministerpräsident Naoto Kan rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Die rund 140.000 Menschen in der Region um Fukushima I sollten sich nicht im Freien aufhalten und ihre Häuser luftdicht abschließen. "Wir versuchen alles, um einen weiteren Austritt von Radioaktivität zu verhindern", sagte Kan in einer Ansprache. Dem AKW-Betreiber Tepco warf der Regierungschef vor, ihn viel zu spät über das Unglück unterrichtet zu haben. "Das Fernsehen berichtete über eine Explosion. Aber eine Stunde lang wurde dem Büro des Ministerpräsidenten nichts darüber mitgeteilt", zitierte Kyodo den Regierungschef. Kan habe gefragt: "Was zur Hölle ist da los?"

Die vielen widersprüchlichen Informationen der vergangenen Tage haben dazu geführt, dass viele Japaner ihr Vertrauen in die Regierung verloren haben, zumal die erhöhte Radioaktivität inzwischen auch im Großraum Tokio gemessen wurde. Die Belastung war um das 22fache höher als üblich. Danach wehte der Wind die radioaktiv versuchte Luft wieder aufs offene Meer.

Unbehagen in der Megacity

In Tokios Supermärkten werden Lebensmittel knapp. Japaner und Ausländer versuchen die Stadt in Richtung Süden zu verlassen. Auf dem Flughafen Haneda warten Hunderte Frauen mit ihren Kindern auf einen Flug aus Tokio heraus. Air China sagte einige Flüge nach Japan ab. Die Lufthansa wird Tokio vorerst gar nicht mehr anfliegen. Mehrere deutsche Firmen - darunter SAP und BMW – holen ihre Mitarbeiter nach Deutschland zurück. Im Großraum Tokio leben etwa 35 Millionen Menschen. Eine Evakuierung im Falle dramatisch steigender Radioaktivität scheint da praktisch unmöglich.

Russland meldete erhöhte Radioaktivität in Wladiwostok an der Ostküste, die aber noch innerhalb der Grenzwerte liege. Das Militär sei bereit, im Notfall die Bevölkerung von der Insel Sachalin und den südlichen Kurilen in Sicherheit zu bringen. In China wurde offiziell keine höhere Strahlung festgestellt.

Autor: Rolf Breuch (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Marko Langer

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