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Kultur

Hettche: "Die Pfaueninsel hat mich gefunden"

Es ist einer der besten deutschen Romane des Jahres. "Die Pfaueninsel" stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Thomas Hettche im DW-Gespräch über einen Ort der Sehnsucht inmitten des Zeitenwandels.

Die Geschichte handelt von einem zwergwüchsigen Geschwister-Paar im Preußenreich und von der idyllischen Pfaueninsel, die in der Havel im Südwesten Berlins liegt. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den preußischen Königen bewirtschaftet. Die Pfaueninsel war für einige Jahre ein kleines, verträumtes Paradies mit einem englischen Garten, exotischen Tieren und verwunschenen Bauwerken. Dort lebten auch die Geschwister Marie und Christian Strakon. In seinem neuen Roman erzählt Thomas Hettche vor diesem authentischen Hintergrund die Lebensgeschichte der beiden.

Deutsche Welle: Was war die "Keimzelle" Ihres Romans, der erste Gedanke, der Sie zu dem Buch inspiriert hat?

Thomas Hettche: Das war die Insel selber. Die habe ich entdeckt, als ich zum ersten Mal vor 25 Jahren da war. Damals lag sie noch am Stadtrand von Berlin und war ein vergessenes Stück Land. Sie wirkte wie aus der Zeit gefallen. Mit einer sehr morbiden, mich sehr interessierenden Atmosphäre. Ich bin dann bei der Recherche auf Marie Strakon gestoßen und auch auf ihren Bruder Christian. Die beiden "Zwerge", wie sie damals genannt wurden, lebten dort. Man weiß eigentlich wenig über sie, man kennt nur die Lebensdaten. Marie hat ihr ganzes Leben auf der Pfaueninsel verbracht. Im Roman stirbt sie 1880, in Wirklichkeit ist sie 1878 gestorben, da hab ich ein paar Jahre geschummelt. Also: Wie hat sich damals ein Mensch gefühlt, der nicht der Norm entsprach, aber an einem Ort der Sehnsucht und der Schönheit lebte? Diese Frage war die eigentliche Keimzelle des Buches.

Kein Spiel mit der Literaturgeschichte

Im Mittelpunkt Ihrer Geschichte steht eine kleinwüchsige Gestalt. Das lässt natürlich an eine andere berühmte Figur denken, an Oskar Matzerath…

Ich habe nicht an Oskar Matzerath gedacht. Mich hat dieses Leben (der Marie Strakon, Anm. der Red.) gefunden, mich hat der Stoff gefunden und entdeckt. Das war die Entscheidung. Das hat nichts zu tun mit irgendeiner Art von intertextuellem Bezug zum Roman "Die Blechtrommel" von Günter Grass. Mir ging es darum, zu erfahren, wie sich jemand an einem Ort gefühlt hat, der so sehr unsere Schönheitsprojektion verkörpert wie die Pfaueninsel. Jemand, der diesem Ideal nicht entspricht.

Es ging darum, möglichst nah an diese Figur heranzukommen, ihr gewissermaßen in den Kopf zu schauen. Es ist ja eine Lebensgeschichte von der Kindheit bis zum Alter. Es ging mir darum, diese Veränderungen mit zu erzählen, die Veränderung in ihr und die Veränderungen in der Zeit.

Die Zeit ist ein wichtiges Element in Ihrem Roman. Man erlebt den Fortschritt zivilisatorischer Art, insbesondere den Fortschritt der Wissenschaft. Was hat Sie daran gereizt?

Interessant war zu sehen, wie sich diese Insel verändert hat. Wenn man heute über die Insel geht, sieht man noch diesen wunderschönen, von Peter Joseph Lenné gestalteten englischen Garten. Verblüfft war ich darüber, welchen Veränderungen dieser Ort, welcher uns jetzt so zeitlos erscheint, unterlegen ist. Es war der legendenumwehte Laboratoriums-Ort eines barocken Alchemisten in der Zeit des 18. Jahrhunderts. Dann wurde es ein Rokoko-Liebesnest. Ein Sammelpunkt der Exotik.

In der Zeit meiner Heldin lebten auf dieser Insel 80 Menschen, aber vor allem war sie bevölkert von exotischen Tieren. Es gab eine Menagerie mit Kängurus, mit einem Lama, einem Löwen und Affen und allen Sorten von Vögeln. Außerdem wurden dort "menschliche Exoten" präsentiert. Neben dem Zwergen-Geschwisterpaar Marie und Christian gab es einen "Mohr", wie man damals sagte, zwei Riesen und einen Südsee-Insulaner, der sich dorthin verirrt hatte. Das fand ich hochinteressant.

Berlin - Pfaueninsel Foto: Robert Schlesinger dpa/lbn

Auf der Pfaueninsel gab´s außer Pfauen früher viele exotische Tiere

Der englische Garten nahm ab 1820 Gestalt an. Dann begann die Technisierung der Natur: Die ersten Dampfmaschinen in Preußen wurden gebaut, um den Garten zu bewässern. Das Palmen-Haus, das exotische Exemplare beherbergte, war ein früher genialer Entwurf von Friedrich Karl Schinkel, der die Glasarchitektur vorwegnahm, die dann später entstanden ist. Der erste Blitzableiter in Preußen wurde auf der Pfaueninsel installiert.

Die Insel wurde dann irgendwann öffentlich und konnte besucht werden. Die erste Eisenbahn, die von Potsdam nach Berlin führte, lebte von Anfang an auch davon, Touristen auf die Pfaueninsel zu bringen. Ich fand es faszinierend, wie der ästhetische Eindruck der Natur eigentlich die technische Veränderung verdeckte. Das konnte ich erzählen. Insofern hat der Roman mehrere Ebenen: die Liebesgeschichte, die Naturgeschichte, die Technikgeschichte und all die Veränderungen im Laufe von 80 Jahren.

Jeder Text über Vergangenes sagt auch etwas über das Hier und Jetzt

Was hat das mit uns heute zu tun? Was sagt das dem Leser von heute, wenn er diese Geschichte aus dem Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts liest?

Ich denke, dass wir uns in allem spiegeln. Es gibt keinen Text, kein Bild, kein Musikstück, in dem wir uns nicht selber sehen. Alle Sachen, die wir aufnehmen, sind Echolot-Signale bei der Frage: Wo verorten wir uns im dunklen Meer der Gegenwart? Mir gefiel an der Geschichte meiner Heldin, dass man in jeder Zeit - zumal in Zeiten großer Umbrüche, wie wir sie heute erleben, und wie es sie damals auch gab - mit einem Bein in einer Vergangenheit, die wir kennen, steht und mit dem anderen Bein in einer Zeit, die wir noch nicht kennen. Wie ein Schiff, das sich zwischen großen Wellen bewegt, wo man nicht weiß, ist man im Wellenkamm oder im Wellental?

Die Frage lautet: Wie verhält man sich in Anbetracht der Veränderungen, die nicht überschaubar sind, von denen wir nur eine Ahnung haben, in welche Richtung sie gehen. Wir müssen uns dazu positionieren. Wir müssen uns entscheiden, was wir bewahren wollen und was wir aufgeben wollen. Wir müssen uns fragen, welche Zukunft will ich annehmen? Von welcher wollen wir uns fernhalten? Das gilt für meine Marie wie für uns heute auch.

Eine Reise in eine fremde Welt

Wie sehen Sie Ihren Schreibprozess an dem Roman im Rückblick?

Es gibt Autoren, die einen Ton haben und dann immer dasselbe Buch schreiben. Und es gibt Autoren wie mich, die für jedes neue Buch einen neuen Ton finden müssen. Das ist dann immer eine Reise in eine fremde Welt. Man ist dann für zwei, drei, vier Jahre in einer fremden Welt. Auf einer Expedition, deren Ergebnis man nicht absehen kann. Das macht diesen Schreibprozess interessant.

Man setzt ja nicht ein Konzept um, sondern man beginnt mit einem Ton und einem ersten Satz, der irgendwohin führt. So mache ich das zumindest. Die Geschichte ergibt sich dann aus dem Klang der Sprache. Nur was in der Sprache ist, ist auch in der Geschichte. Weil man immer in der Fremde ist und versucht, sich zu Recht zu finden und eine Welt zu schaffen, die man noch nicht kennt.

Schloß Pfaueninsel Foto: Tobias Kleinschmidt dpa/lbn

Gesamtkunstwerk aus Natur und architektonischen Kleinoden: Die Pfaueninsel

Lesen Sie vorher oder auch während des Schreibens andere Romane aus der Zeit?

Für mich macht das keinen Sinn, sich diesen Ton auszuleihen. Dann würde man ja eine Art von Camouflage betreiben. Der entscheidende Punkt ist: den ersten Satz zu finden. Das ist ein Prozess, den man weder verbalisieren noch steuern kann. Wenn man den Klang der ersten Seite hat, geht man auf Recherche. Man arbeitet dem eigenen Klang zu, indem man das Futter liefert. Aber der Klang muss aus einem selber herauskommen.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Thomas Hettche: Die Pfaueninsel, KiWi 2014, 344 Seiten, ISBN 978-3-462-04599-4.

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