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Politik

Helmut Schmidt wird 90

Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler - in einer Zeit weltweiter Rezession, Ölkrise und RAF-Terrors. Heute ist er beliebter als je zuvor - und wird 90 Jahre alt.

Helmut Schmidt unterhält sich bei einer Lesung im Berliner Ensemble mit dem Journalisten Claus Kleber (Foto: AP)

Helmut Schmidt bei einer Lesung im Berliner Ensemble

Friedrich Werner Graf von der Schulenburg vor dem Volksgerichtshof (Foto: dpa)

Friedrich Werner Graf von der Schulenburg wurde vom Volksgerichtshof wegen Beteiligung am 20. Juli zum Tode verurteilt

Diese Karriere war nicht absehbar. Der am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek geborene Helmut Schmidt tendiert nach dem Abitur auf der angesehenen Hamburger Lichtwarkschule 1937 eigentlich eher zu Städtebau und Architektur. Aber die Einberufung zunächst zum Reichsarbeitsdienst und anschließend zur Wehrmacht macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Der Krieg führt ihn an die Ostfront, wo er, wie er es selber formuliert, "die große Scheiße des Krieges" kennen lernt. Jene Kriegserlebnisse prägen den jungen Mann ebenso wie der Besuch des Volksgerichtshofs. Dort erlebt er im Sommer 1944 die Verhandlung gegen die Attentäter des 20. Juli 1944. Zeitlebens bleibt ihm die Stimme des kreischenden Vorsitzenden Roland Freisler als Mahnung vor dem Unrechtssystem im Ohr.

SPD-Karriere zwischen Hamburg und Bonn

Nach dem Krieg tritt Schmidt der SPD in Hamburg bei, wird 1947 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und engagiert sich in der Kommunalpolitik seiner Heimatstadt. 1953 wagt er erstmals den Sprung in die Bundespolitik. Gemeinsam mit seiner Frau Hannelore ("Loki") siedelt er nach Bonn über, wo er in der SPD-Fraktion rasch aufsteigt und ab 1957 Mitglied des Fraktionsvorstands wird. Als Militär- und Verkehrsexperte findet er schnell Beachtung und verdient sich durch scharfzüngige Reden den Spitznamen "Schmidt-Schnauze". Ende der 50er-Jahre bezieht Helmut Schmidt Position gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr.

Luftaufnahme vom 21.2. 1962, die einen überschwemmten Hof in Wilhelmsburg bei Hamburg zeigt (Foto: AP)

Luftaufnahme vom 21.2.1962 aus Wilhelmsburg bei Hamburg

Kurz danach lockt ihn der Posten des Innensenators in Hamburg, den er im Herbst 1961 übernimmt. Fünf Monate später steht er vor seiner bis dahin größten Herausforderung, als eine gewaltige Sturmflut auf Hamburg zukommt und binnen Stunden schwerste Verwüstungen in seiner Heimatstadt anrichtet. Neben seinen rhetorischen treten jetzt auch seine organisatorischen Fähigkeiten hervor. Entschlossen und ohne große Rücksichtnahme auf Verwaltungsverordnungen und Dienstvorschriften beweist er sich als Krisenmanager. "Schmidt-Schnauze" wird zum "Macher". 1965 bewirbt er sich wieder erfolgreich um ein Bundestagsmandat. Schmidt wird stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und bildet mit Herbert Wehner und Willy Brandt die Führungsspitze der Partei.

Minister in Bonn

Helmut Schmidt (Foto: SPD)

Helmut Schmidt

Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) wird in Bonn 1966 die erste Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger (CDU) gebildet. Kurz darauf übernimmt Helmut Schmidt den Vorsitz der SPD-Fraktion. Nun sitzt er an der Schaltstelle der Politik in Bonn. Gemeinsam mit seinem Pendant bei der CDU/CSU Rainer Barzel sorgt er bis 1969 für einen reibungslosen Ablauf der Regierungsarbeit der Großen Koalition.

Als mit Willy Brandt der erste Sozialdemokrat Kanzler der Bundesrepublik wird, steht Helmut Schmidt an der Spitze des Verteidigungsministeriums, drei Jahre später wird er im zweiten Kabinett Brandt Finanzminister. Auch dieses Ministerium führt er mit Umsicht und Geschick. Er eignet sich in diesen Jahren jene wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Kompetenz an, die ihm später helfen sollte, die ökonomischen Probleme des Landes zu bekämpfen.

Kanzlerjahre

1974 erschüttert die Guillaume-Affäre die Republik. Willy Brandt übernimmt die politische Verantwortung für einen Vorgang, der eigentlich in die Zuständigkeit des Innenministeriums fällt, und tritt zurück. Nun schlägt die Stunde Helmut Schmidts. "Der Helmut muss das machen", lautet der kolportierte Satz Willy Brandts, der in der Bundestagsfraktion zu einem klaren Votum für den Finanzminister als Nachfolger führt.

Schmidts Regierungsjahre sind durch die erste weltweite Rezession, steigende Arbeitslosigkeit und die Ölkrise geprägt, der er mit autofreien Sonntagen und Konjunkturprogrammen zu begegnen sucht. Gegen die weltweite wirtschaftliche Krise etabliert er die seit 1975 regelmäßig stattfindenden Weltwirtschaftsgipfel.

Deutscher Herbst

RAF-Bild von Hanns-Martin Schleyer (Foto: AP)

RAF-Bild von Hanns-Martin Schleyer

Die eigentliche Herausforderung aber ist der so genannte "Deutsche Herbst". Terroristen der "Rote Armee Fraktion" führen Sprengstoffanschläge und Banküberfalle durch und organisieren Entführungen prominenter Politiker oder Wirtschaftsmanager. Als mit dem Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer einer der bedeutendsten Manager der deutschen Wirtschaft entführt wird, kommt es zur Nagelprobe für den Staat. Die Forderungen der Terroristen zielen auf die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen ab. Der Krisenstab unter Leitung Helmut Schmidts lehnt aber jedes Entgegenkommen und jede Verhandlungsbereitschaft ab.

Schmidt verbindet sein politisches Schicksal mit dem Versuch der Geiselbefreiung in Mogadischu. Dorthin ist die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführt worden, um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen. Der Preis für die unnachgiebige Haltung der Bundesregierung ist hoch. Zwar können die Geiseln in einer spektakulären Aktion des GSG-9-Spezialeinsatzkommandos befreit werden. Das Leben Hanns-Martin Schleyers aber ist verloren.

NATO-Doppelbeschluss

Anfang der 80er-Jahre machen sich erste Verschleißerscheinungen in der sozialliberalen Koalition bemerkbar. Vor allem in der Sozialpolitik gibt es unterschiedliche Auffassungen. Zudem hat Helmut Schmidt in einer anderen wichtigen politischen Frage Schwierigkeiten in der SPD bekommen: Zum Ausgleich eines Übergewichts von sowjetischen SS-20-Raketen formuliert er den so genannten "NATO-Doppelbeschluss", der der Sowjetunion eine Aufrüstung im Westen androht, falls man die Stationierung der Raketen auf dem Verhandlungsweg nicht verhindern kann. Helmut Schmidt will durch vorgezogene Neuwahlen für klare politische Verhältnisse sorgen, sieht sich aber im Herbst 1982 einer Zusammenarbeit zwischen CDU/CSU und FDP gegenüber, die diesen Plan zunichte macht.

Konstruktives Misstrauensvotum

Helmut Schmidt gratuliert seinem Nachfolger Helmut Kohl (Foto: dpa)

Helmut Schmidt gratuliert seinem Nachfolger Helmut Kohl

Am 1. Oktober 1982 versucht Helmut Kohl zum zweiten Mal - nach Rainer Barzel im Jahr 1972 -, mit einem konstruktiven Misstrauensvotum den Kanzler zu stürzen. Nach einer dramatischen Debatte im Deutschen Bundestag erhält Helmut Kohl die Mehrheit der Stimmen und wird zum Kanzler einer schwarz-gelben Koalition gewählt.

Helmut Schmidt behält noch für eine weitere Legislaturperiode sein Bundestagsmandat. In der deutschen Öffentlichkeit ist er bis heute als Herausgeber der angesehenen Wochenzeitung "Die Zeit" und als Kommentator politischer Ereignisse präsent.

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