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Nachruf

Helmut Kohl - Der Mann, der die Zeichen der Zeit erkannte

Zu Beginn war er ein moderner Konservativer, dann ein lebendes Denkmal. Helmut Kohl hatte viele politische Leben. Nicht nur ruhmreiche. Was wirklich bleibt, ist die Gestaltung der deutschen Einheit und die Europapolitik.

Gefragt, wie er es denn mit Denkmälern so halte, die ihm zu Ehren mal errichtet werden könnten, gab sich Helmut Kohl durchaus humorig: Wenn die Gäste weg seien, kämen zuerst die Tauben, dann die Hunde, antwortete er nicht ganz uneitel. "Was sie jeweils tun, ist bekannt."

Spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer und seiner zupackenden Organisation der deutschen Einheit ist Helmut Kohl zum Mann der Zeitgeschichte emporgewachsen. Ein Denkmal schon zu Lebzeiten. Allein das erhebt ihn schon aus dem Kreis der vielen Mächtigen. Dabei ist er politisch im historischen Jahr 1989 eigentlich schon am Ende. Seine parteiinternen Kritiker machen Front gegen ihn. Ein regelrechter Putsch. Nur mit knapper Not behält er die Zügel in seiner CDU noch einmal in der Hand. Sogar in angeschlagenem gesundheitlichem Zustand zeichnet ihn eine vitale Überlebenskraft aus. Und: Er ist ein gewiefter Macher. Er hat die Fähigkeit, untrüglichen Machtinstinkt mit strategischer Vorgehensweise zu verbinden. Und dann kommt auch noch die Gunst der Stunde, das Schicksal, Geschichte dazu: der Kollaps der DDR, der Mauerfall. Kohl erkennt die Einmaligkeit der Gelegenheit und handelt. Und er handelt richtig. 

Vertragsunterzeichnung zur Deutschen Einheit in Moskau 1990 (Imago/S. Simon)

Helmut Kohl bei der Vertragsunterzeichnung zur Deutschen Einheit in Moskau 1990

Der Fahrplan zur Einheit            

Nur drei Wochen nach dem Sturm auf die Berliner Grenzübergänge präsentiert Helmut Kohl den Fahrplan zur deutschen Einheit, den Zehn-Punkte-Plan, im Deutschen Bundestag. Eine Meisterleistung. Noch löst das Ziel deutsche Einheit ein gemischtes Echo im Ausland aus. Doch Kohl tritt den Skeptikern als Europäer entgegen. Wie auch am 19. Dezember in Dresden vor zehntausenden euphorisierter Ostdeutscher. Mit Bedacht wählt er seine Worte vor der Menge in der nicht geplanten Kundgebung und sorgt so für Vertrauen. Das Wort vom Augenmaß hat fortan Konjunktur. Die Reaktionen fallen überwältigend aus.

Neben der inneren Ausgestaltung der deutschen Einheit zählt Kohls Außenpolitik in diesen Jahren zu den Meisterleistungen seiner Regierungszeit. Die Freundschaft zu Frankreich, die Versöhnung mit Polen und eine von Verständnis und Sensibilität geprägte Beziehung zur schwächelnden Sowjetunion sind Kennzeichen einer mit Bedacht betriebenen Politik gegenüber den Nachbarn.            

Europa als Antwort auf Deutschland

In Kohls biografischer Prägung spielt die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs eine maßgebliche Rolle. Der Tod seines älteren Bruders Walter als Soldat beschäftigt ihn sei Leben lang. Auch die Teilung Europas in Ost und West bestimmen die Lebenserfahrungen des jungen Kohl, der bei Kriegsende gerade 15 Jahre jung ist. So jung konnte er in Nazideutschland nicht schuldig werden. Er nannte das "die Gnade der späten Geburt" und wurde dafür lange und heftig kritisiert.

Kohl erlebt eine Kindheit im Krieg, eine Jugend in Trümmern und ist ein klassischer Vertreter der "Nie-wieder-Generation". Folglich zieht sich die Einbettung Deutschlands in Europa, erst recht des größer gewordenen Deutschlands ab 1990, wie ein zweiter roter Faden durch das Leben des Homo Politicus Kohl. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, Politik mit historischer Symbolik zu verbinden reicht der deutsche Konservative dem französischen Sozialisten Francois Mitterrand über den Soldatengräbern des Ersten Weltkriegs die Hand. Kohl betrachtet Europa als deutschen Auftrag. Mit Macht kämpft er für den Euro mit dem Ziel, die europäische Einigung damit unumkehrbar zu machen. Und er forciert die Erweiterung der Europäischen Union gen Osten. Auch zum Preis der Überforderung ihrer Strukturen. 

Helmut Kohl und Angela Merkel (picture-alliance/dpa/A. Altwein)

Helmut Kohl: Angela Merkels Ziehvater

Einfach nur deutsch

In Erinnerung bleiben wird auch der Mensch Helmut Kohl. Anders als der visionäre Willy Brandt oder der Wirtschaftsfachmann Helmut Schmidt bleibt Kohl viele Jahre ein unterschätzter und auch verspotteter Mensch und Politiker. Seine Herkunft aus der pfälzischen Provinz, die er nie zu verstecken suchte, und seine mitunter etwas unbeholfene Motorik machen ihn lange für große Teile der deutschen Gesellschaft zu einem nicht ernst zu nehmenden Mann des öffentlichen Lebens. Ein Anti-Zeitgeist-Typ. Und das, obwohl er gerade in diesen Dekaden der CDU Wahlergebnisse beschert, von denen die Partei heute nur träumen kann. Sein Erfolg in der Vor-Einheitsperiode beruht gerade auf seinem im besten Sinne durchschnittlichem Deutschsein. Er steht stellvertretend für den deutschen Mann in der zweiten, der besseren Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Und deshalb sagt er viel über uns aus. "Helmut Kohl ist ein beträchtlicher Teil vom Wir", so hat es mal ein ihm Nahestehender auf den Punkt gebracht. Er war einfach deutsch. Und dennoch ein großer Europäer. Er starb im Alter von 87 Jahren.