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Politik

Heile Welt zwischen CSU-Parteifreunden und Traktoren

Es wird oft von einem Graben zwischen Wählern und etablierten Politikern gesprochen. Aber es gibt Orte, an denen ist davon nichts zu spüren. Für die Regierungspartei CSU liegt so einer im nordbayerischen Dorf Holzhausen.

Landtechnikmesse in Holzhausen mit Gerda Hasselfeldt (DW/H. Kiesel)

Gerda Hasselfeldt in Holzhausen (im Hintergrund Anja Weisgerber)

Gerda Hasselfeldt wirkt im ersten Moment ein bisschen so, also ob sie nicht genau weiß, ob das wirklich eine gute Idee war, hierher zu kommen. Die Haltung ist etwas steif, der Kopf dreht ruckartig nach rechts, nach links - sie verschafft sich einen Überblick. Die CSU-Landesgruppenführerin im Bundestag, ehemalige bayerische Bau- und auch Gesundheitsministerin, ist in Holzhausen angekommen. Das ist ein 400-Seelen-Dorf im nordbayerischen Regierungsbezirk Unterfranken. Sie steht inmitten mächtiger Zugmaschinen, den zugehörigen Aufbauten und prächtiger Eggen und ihr Lächeln wird zunehmend entspannter. Hier ist sie richtig.

Der ortsansässige Landmaschinenhändler hält seine Frühjahrsmesse wie jedes Jahr. Man ist geneigt, ihm zu glauben, dass es die größte in Nordbayern ist. Und wie jedes Jahr ist ein Vormittag für "Politik und Information aus erster Hand" reserviert. Letztes Jahr war Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hier als Festredner. Diesmal fällt die Ehre Hasselfeldt zu, aber auch die Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber aus Schweinfurt, der Landrat Florian Töpper (SPD) und der Gastgeber werden ans Mikrofon treten. Bis auf Töpper sind alle bei der CSU, da braucht man gar nicht mit umständlichen Klammern und Parteikürzeln hinter dem Namen anfangen.

Ein gutes Geschäft für beide Seiten

"Das ist hier keine Parteiveranstaltung und dazu darf man diese Messe auch nicht missbrauchen", betont Hasselfeldt vor der Festhalle. Dann geht es rein. Die Blaskapelle schmettert - humtatataa, humtatataa - den Bayerischen Defiliermarsch, die langen Reihen der Bierbänke sind eng besetzt, rund 1000 Gäste. Viele klatschen mit und stehen auf, um den Gast aus der Hauptstadt zu begrüßen. Vorne am Ehrentisch schüttelt Hasselfeldt noch einem Landtagsabgeordneten die Hand und lächelt dem Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos zu. Am Nebentisch nehmen die Hausherren Leo und Karl Müller Platz. Das wirkt bescheiden, aber das sind sie nicht. "Die Politiker kriegen einen vollen Saal und wir einen prominenten Redner", erklärt Leo Müller. Sein Bruder Karl meint, dass der Horst Seehofer bald auch mal an der Reihe wäre.

Landtechnikmesse in Holzhausen mit Gerda Hasselfeldt (DW/H. Kiesel)

Die Landmaschinenhändler Karl und Leo Müller sind bestens mit der CSU vernetzt

Aber heute ist es Gerda Hasselfeldt, die auf die mit jungen Birken dekorierte Bühne tritt. Sie soll über "Starke ländliche Räume - Heimat mit Zukunft" sprechen, steht im Programm. "Ich freue mich, bei Ihnen sein zu dürfen", hebt sie an und lobt ihre Gastgeber fünf Minuten lang. Sie spricht ohne Manuskript und probiert dabei aus, wie sie am besten mit dem Publikum zurecht kommt. Sie probiert es weiter mit Lob. "Die Landwirtschaft ist die Seele des ländlichen Raumes", sagt sie und rühmt die Leistungen der Landwirte für den Landschafts-, Tier- und Naturschutz. Dann fordert sie kämpferisch nach einem drastischen Bürokratieabbau im Agrarsektor.

In der gesamten halben Stunde, die sie sprechen wird, wird kein einziges der Themen vorkommen, die ihr das Leben in der Bundeshauptstadt schwer machen: nichts über Rechtspopulisten, Flüchtlingsprobleme, innere Sicherheit, Sozialsysteme. Sie eckt mit ihren Inhalten nicht an. Aber es gibt hier einen ganz anderen Konflikt.

Von der Schwierigkeit ein "Wir" herzustellen

Die Bankreihen führen gerade von der Bühne weg, wer darauf sitzt muss sich verdrehen um dorthin zu sehen. Es wird gezecht, gegessen und laut gequatscht. Das Bierzelt ist keine ganz einfache Situation für Redner, das weiß Gerda Hasselfeldt auch. Selbst dann nicht, wenn das Publikum einem tendenziell zugeneigt ist. Hier in Holzhausen sind es vor allem Landwirte mit ihren Familien, die in den umliegenden Gemeinden leben und dort teilweise mit bis zu 70 Prozent für Hasselfeldts Partei stimmen. Aber schon nach dem ersten Drittel der Halle klatschen kaum noch Leute in ihren Kunstpausen. Ganz hinten geht ihre Ansprache irgendwann im Gemurmel unter. Sie merkt das. "Ich komme doch selbst aus einer landwirtschaftlichen Familie und weiß wie hart die Arbeit ist", breitet sie rhetorisch die Arme aus und erzählt vom Kartoffelsammeln und der Heuernte in ihrer Kindheit. "Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen durfte."

Es ist nicht die einzige Stelle in ihrer Rede, in der sie sich persönlich einbringt. Dass sie und ihre Kollegin Anja Weisgerber wissen, wo der Schuh drückt und sich dementsprechend in Berlin einbringen. "Wir müssen die Politik mit und nicht gegen die Landwirte betreiben", beschwört sie ihre Zuhörer mit einer geläufigen CSU-Formel. Der Applaus kommt zuverlässig, aber das Stimmengewirr im hinteren Bereich brummelt dennoch gleichbleibend weiter.

Landtechnikmesse in Holzhausen mit Gerda Hasselfeldt (DW/H. Kiesel)

Ein Landmaschinenmaskottchen auf Kuschelkurs

Wer schwitzt und wer klatscht

Vielleicht übertreibt sie es auch etwas mit ihren Elogen auf den Bauernstand. In der dritten Reihe macht ein massiger Landwirt eine abwehrende Bewegung mit seiner schwieligen Hand. "Da wird uns wieder viel Honig um den Mund geschmiert", sagt er und deutet unbestimmt nach vorne in Richtung Politprominenz: "Am meisten wird von denen geklatscht, die am wenigsten bei der Arbeit schwitzen."

Die Bundespolitikerin eckt nicht an mit ihren Themen. Doch der Funke springt auch nicht über. Muss er auch nicht. Das Kreuzchen bei der Wahl in der CSU-Spalte ist für die meisten sowieso alternativlos. Hasselfeldt ist fertig mit ihrer Rede. Jetzt werden noch die Landfrauen geehrt und danach gibt's Gruppenfotos. Hasselfeldt wird von einem kuhartigen Landmaschinen-Maskottchen umhüpft. Die wenigsten im Festzelt bekommen es mit, als sie zum nächsten Termin abreist.

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