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Kultur

Heidi - Botschafterin der Berge

Kaum eine literarische Figur ist so bekannt wie das Waisenmädchen aus den Alpen. Mit mehr als 50 Millionen Exemplaren ist Heidi eines der am häufigsten übersetzten und verkauften Bücher der Welt - und der Boom hält an.

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In Heidi-Land ist die Welt noch in Ordnung

Heidi - keine andere Figur hat das Bild der Schweiz im Ausland bis heute so geprägt wie sie. Denkt man an Heidi, dann denkt man an saubere, intakte Natur und gesunde Kinder, die durch die Berge tollen. Seit vielen Jahren findet die Erfolgsgeschichte der Schriftstellerin Johanna Spyri (1827-1901) immer wieder eine neue Leserschaft. Ihr Buch, erschienen 1879, wurde in 50 Sprachen übersetzt - von Afrikaans bis Isländisch, von Hebräisch bis Vietnamesisch. Verfilmt wurde der Stoff in den vergangenen 70 Jahren ein dutzend Mal.

Big in Japan

Heidi Filmszene

Heidi und Geißenpeter

Die weltweit bekannteste Zeichentrickserie stammt aus Japan (1974). Da zwecks Recherchen und Tonaufnahmen die Originalschauplätze aufgesucht wurden, zeichnet sich die Serie durch einen für das damalige japanische Trickfilmschaffen einzigartigen Realismus aus. Inhaltlich hält sich die Adaption relativ genau an das Buch. Allerdings erfährt die Figurenwelt von Heidi im japanischen Zeichentrickfilm eine Anreicherung durch den frei erfundenen Hund Josef - Heidis Tierliebe und Naturverbundenheit sollte durch ihn noch stärker betont werden. Heidi wurde in Japan zur Kultfigur. "Viele japanische Touristen reisen in die Schweiz, um Heidis Heimat zu entdecken", erklärt Japanologin Aya Domenig, "sie suchen hier eine heile Welt, eine Symbiose zwischen Natur und Unschuld. Zudem gehört es zum guten Ton, einer Tochter den Namen von Spyris Heldin zu geben".

Vermarktet wurde die japanische Serie mit großem Erfolg auch in Europa und Lateinamerika. Noch heute ist die Heidi-Figur aus dem Trickfilm die weltweit dominierende. "Heidi ist so bekannt wie Coca Cola und McDonald's", sagt Walter Leimgruber von der Universität Basel. Er hat die Ausstellung "Heidi - Mythos - Marke - Medienstar" konzipiert, die derzeit in Hamburg zu sehen ist. Heidi vermittele Sehnsüchte nach einfachem Daseinsglück und Authentizität. Dadurch werde sie zu einer idealen Projektionsfigur der Moderne. "Die Angst vor dem Verlust, der bei einem gesellschaftlichen Wandel einsetzt, ist heute, im Zeitalter der Globalisierung, so aktuell und spürbar wie vor 120 Jahren, als die Heidi-Bücher entstanden und die Industrialisierung das Agrarzeitalter ablöste", erklärt der Volkskundler.

Heidi goes to Hollywood

In den USA gelang Heidi schon mit der 1899 erschienen Übersetzung der durchschlagende Erfolg. Seither war Heidi nie "out of print". Es überrascht nicht, dass auch Hollywood Heidi früh für sich entdeckte. Der erste Stummfilm entstand 1920. Die Verfilmung von Twentieth Century Fox mit dem singenden und tanzenden Kinderstar Shirley Temple in der Titelrolle ließ 1937 die Kinokassen klingeln. In der Nachkriegszeit entstanden weitere Filme, eine Oper und ein folkloristisch aufgepepptes Heidi-Musical. Amerikas "Little Switzerland", die berühmte schweizer Kolonie New Glarus in Wisconsin, benutzt Heidi als Sinnbild für die Heimat der Vorfahren. Hier pflegt man seit 1965 das "Heidi-Festival" mit Jodlern und Fahnenschwingern.

Ausgerechnet ihre Heimat Schweiz entdeckte die Marke Heidi erst spät - dabei ist ihre kranke Freundin Clara, die in der Natur der Bergwelt gesund wird, doch die erste "Wellness"-Patientin. "Das liegt daran, dass der Heidi-Mythos der Blick von außen auf die Bergwelt ist", sagt Leimgruber. Die Schweizer nahmen sich lieber den kämpferischen, kraftvollen Wilhelm Tell zum Vorbild. Seit einigen Jahren wird jedoch die touristische Vermarktung von Heidi massiv ausgebaut: Es gibt die Ferienregion "Heidiland" in Graubünden, Mode-Labels, die Heidi-Kollektionen entwerfen, und den Slogan "Vom Heidi-Land zum High-Tech-Land". Das Dorf Maienfeld, das sich als eigentliche Heimat von Heidi versteht, baute "Heidi’s House - the original". Hier empfängt ein Alm-Öhi die Touristen.

Geburtsort: Deutschland

Heidi ist zwar Schweizerin, hat ihre Wurzeln aber in Deutschland. Das liegt daran, dass Johanna Spyri ihr Buch für den damals bekannten Friederich Andreas Perthes-Verlag in Gotha in Thüringen schrieb. Schnell stand Heidi auf der deutschen Empfehlungsliste für Jugendliteratur. Auch die Nationalsozialisten schätzten Heidi, die im Dritten Reich natürlich blond und arisch sein musste. Heidis Heimatliebe und Naturverbundenheit entsprach der nationalsozialistischen Ideologie. In der BRD kam Heidi nach dem Krieg eine besondere Rolle zu: Das Buch wurde zum Sinnbild für eine neue, nicht belastete "Heimat" und eine heile, friedliche Welt. Ende der 1960er-Jahre verschwand Heidi aus den Listen für empfohlene Bücher. Publiziert wird Heidi trotzdem noch in Hülle und Fülle. Das Waisenkind war und ist ein Medienstar.

Die Ausstellung "Heidi: Mythos - Marke - Medienstar" im Altonaer Museum in Hamburg untersucht bis zum 22. August 2004 das globale Phänomen.

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