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Kultur

Hauschild: "Grenzen sind Akte der Gewalt"

Ob geografisch oder persönlich – täglich stoßen Menschen an ihre Grenzen. Die Agentur OSTKREUZ zeigt nun die Wunden dieser Grenzziehungen. Keine einfache Aufgabe, wie Kuratorin Annette Hauschild im Interview erzählt.

"Über Grenzen" ist die siebte Gruppenausstellung der Fotografenagentur OSTKREUZ, die derzeit im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen ist (bis zum 30.12.2012, ab Mai 2013 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden). Gegründet wurde OSTKREUZ 1990 von bekannten DDR-Fotografen. Heute gehören ihr 18 Fotografen aus unterschiedlichen Ländern und Generationen an, die sich im Rahmen der Gruppenausstellung nun eine längere Zeit unter anderem mit dem Thema Grenzen auseinandergesetzt haben. Die Fotografin Annette Hauschild ist seit 1996 Mitglied von OSTKREUZ. Gemeinsam mit Gründungsmitglied Ute Mahler hat sie die Ausstellung "Über Grenzen" kuratiert und auch eine eigene Arbeit beigesteuert.

DW: Warum verhandelt die Ausstellung das Thema Grenzen – haben wir die dank Globalisierung und Internet nicht längst überwunden?

Ein Roma mit nacktem Oberkörper

"Hit the road Jack" heißt eine Serie von Annette Hauschild

Annette Hauschild: Sicherlich, in Mittel- und Westeuropa kommt es uns oft so vor, als ob wir das Thema Grenze längst abgeschlossen hätten. Der Kalte Krieg ist vorbei, die Mauer in Deutschland und der Eiserne Vorhang sind gefallen. Wir können nicht nur problemlos reisen, sondern auch innerhalb Europas arbeiten und uns niederlassen. Aber auf der anderen Seite wird die europäische Außengrenze hermetisch abgeriegelt und geschützt. Und zwar nicht vor möglichen militärischen Angriffen, sondern vor Menschen, den sogenannten illegalen Einwanderern. Tagtäglich wird hier die Grenze gezogen, nicht selten ein Akt von physischer oder psychischer Gewalt.

Welche Art von Grenzen sind in der Ausstellung außerdem zu entdecken?

Auf der einen Seite zeigen wir die Auseinandersetzung um territoriale Gebiete, umkämpfte Grenzen auf Zypern oder in Irland sowie Grenzen, die gerade erst im Entstehen begriffen sind wie zwischen Sudan und Südsudan. Dann gibt es Fotoarbeiten, die gesellschaftliche Grenzen thematisieren, wie zum Beispiel über ausgestoßene Drogenabhängige und Prostituierte an einem Busbahnhof in Tel Aviv oder meine Arbeit über die Roma in Südosteuropa. Und dann schildert die sehr persönliche Arbeit von Linn Schröder eine eigene Grenzerfahrung: eine Mutter mit Zwillingen und einer amputierten Brust. Hier geht es um die Grenze zwischen Leben und Tod, das Werden von Leben und die Gefahr des Sterbens.

Warum ist Fotografie ein gutes Medium, um sich dem Thema Grenze zu nähern?

Fotografie ist ausschnitthaft, sie macht die Fokussierung auf sehr persönliche, private Momente möglich - oder aber dem genauen Gegenteil davon. Die Fotografie ist ein flaches Medium, da sie nur Abbild ist - das aber dadurch umso intensiver sein kann. Übrigens stoßen wir Fotografen auch ständig an Grenzen der Machbarkeit. Manche Situationen sind gar nicht abzubilden, andere wiederum entstehen eher im Kopf als in der Realität. Und dann sind manche Themen wie beispielsweise die Reise in ein Krisengebiet recht gefährlich. Unser Fotograf Espen Eichhöver beispielsweise wurde im Südsudan einen halben Tag lang vom Geheimdienst festgehalten, weil er für einen Spion gehalten wurde.

Fotograf ist ein Traumberuf – gleichzeitig kann man in Deutschland nur schlecht davon leben. Fotografen arbeiten oft freiberuflich und werden für ihre Arbeit selten ausreichend bezahlt. Stoßen Sie nicht auch hier oft an ihre beruflichen Grenzen?

Foto von Annette Hauschild

Annette Hauschild

Die Finanzierung unserer aktuellen Ausstellung war tatsächlich schwierig. Viele von uns hatten das Glück für ihre Reisen und Recherchen Stipendien zu kriegen. Teilweise gab es auch Kooperationen mit Magazinen. Aber eine Ausstellung wie "Über Grenzen" machen wir eigentlich vor allem für Ruhm und Ehre. Davon können wir natürlich überhaupt nicht leben. Wir machen unsere Gruppenausstellung – dieses Jahr bereits zum siebten Mal - weil wir es wichtig finden, gemeinsam ein größeres Werk zu schaffen.

Welchen Teil haben Sie zur Gruppenausstellung beigesteuert?

In meiner Arbeit, mit der ich mich schon seit zwei Jahren beschäftige, geht es um Roma in Südosteuropa. Dabei hat den Hauptteil der Arbeit nicht das Fotografieren ausgemacht, sondern der Kontakt und Zugang zu den Menschen. Ich habe mit Roma-Organisationen zusammengearbeitet und habe mir jeweils vor Ort einen Partner gesucht. Bei meiner Arbeit war es mir wichtig, mit einem Klischee zu brechen: Das Vorurteil der Roma als "fahrendes Volk", ein Volk das angebliche keine Grenzen kennt und sich auch an keine halten kann. Das stimmt nicht. Die Roma leben seit über 600 Jahren in Europa und sind hier auch sesshaft. Das eigentliche Grenz-Thema heute ist die soziale Ausgrenzung.

Mussten sie für ihre Arbeit über die Roma auch Grenzen überschreiten?

Absolut! Zum einen geografische Grenzen, da ich in Italien, im Kosovo, in der Slowakei und Ungarn recherchiert habe. Eine viel härtere Grenze war allerdings die Grenze in meinem Kopf. Auch ich war nicht frei von Vorurteilen und musste auf meinen Recherchereisen immer wieder Ängste überwinden. Jetzt bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich einen ganz neuen Blick auf die Roma bekommen habe und soviel über dieses Volk dazulernen konnte.

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