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Geschichte

Kann ein Denkmal Diskriminierung stoppen?

Über Jahrzehnte haben deutsche Sinti und Roma für ihr Denkmal gekämpft. Weil sie Opfer eines zweiten Genozids waren, und weil sie noch heute diskriminiert werden: vielerorts in Europa. Jetzt wurde das Mahnmal eingeweiht.

Denkmal für die Sinti und Roma (Foto: AP/dapd)

Denkmals für die Sinti und Roma

Über Jahrzehnte haben deutsche Sinti und Roma für ihr Denkmal gekämpft. Weil sie Opfer eines zweiten Genozids waren, und weil sie noch heute diskriminiert werden: vielerorts in Europa. Jetzt wird das Mahnmal eingeweiht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat an diesem Mittwoch (24.10.2012) das Mahnmal für den NS-Völkermord an bis zu 500.000 Sinti und Roma eingeweiht. An der Zeremonie in der Nähe des Deutschen Bundestages nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, teil. Das Mahnmal entworfen hat der israelische Künstler Dani Karavan. Er schuf eine kreisrunde, schwarze Wasserschale, die Symbol für Tod, Vernichtung und neues Leben sein soll.

"Das Tragische"

"Wenn jetzt das Denkmal eröffnet wird, dann ist das Tragische, dass viele der Überlebenden diese Anerkennung persönlich nicht mehr miterleben dürfen", sagte im Vorfeld Silvio Peritore. Er ist Mitglied im Vorstand des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Der deutsche Staat hat sich viel Zeit gelassen, den Völkermord an den Sinti und Roma anzuerkennen - für manche zu viel Zeit. Zum Beispiel für Franz Rosenbach, er war Zwangsarbeiter, überlebte Auschwitz, ging als Zeitzeuge in die Schulen, war einer der Fürsprecher des Denkmals. Vor wenigen Tagen ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

Sinti und Roma müssen sich an den Kölner Messehallen einfinden (Foto: DW)

Deportation von 2500 Sinti und Roma in Gettos im besetzten Polen: Dieses Bild zeigt den zentralen Sammelpunkt an den Kölner Messehallen

Eine Ausstellung in Heidelberg arbeitet den Völkermord an den Sinti und Roma systematisch auf. Sie existiert seit 1997. Ein Jahr später kam Peritore zum Team des Dokumentations- und Kulturzentrum hinzu. "In vielen Gedenkstätten war der Völkermord an den Sinti und Roma oft nur eine historische Fußnote des Holocaust an den Juden, weil auch die Wissenschaft dieses Thema jahrzehntelang teils verschlafen, teils bewusst verleugnet hat." Es gehe nicht um Aufrechnen von Opferzahlen: sechs Millionen ermordete europäische Juden versus 500.000 Sinti und Roma. "Was drückt ein Denkmal aus? Es ist die Anerkennung der Opfer, es ist die Verantwortung für die Geschichte, die aus dem Holocaust resultiert." Doch offenbar seien Sinti und Roma nach wie vor eine ungeliebte Minderheit. Daher wurde ihnen lange die Anerkennung als Opfer, das Gedenken an den Genozid verweigert. Dieses Gefühl jedenfalls hätten Menschen wie Franz Rosenbach. "Sie fragen sich, warum wollen die das nicht?" Die, das sind die anderen, die zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gehören.

Bohrende Fragen und schmerzhafte Antworten

Silvio Peritore und Armin Ulm vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg (Foto: DW)

Silvio Peritore und Armin Ulm vom Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Rund 15.000 Besucher sehen sich pro Jahr die Ausstellung über den Genozid an den deutschen Sinti und Roma in Heidelberg an: Schulklassen, Studierende, aber auch angehende Polizisten, die im Beruf mit scheinbar kriminellen "Zigeunern" zu tun haben. Armin Ulm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentationszentrums. Er erläutert, dass die Klischees jahrhundertealt sind. "Das ist ein Phänomen, das es seit der Zuwanderung der Sinti und Roma im 14./15. Jahrhundert nach Europa gibt. Es gab zwar auch positive Zuschreibungen: das romantische Klischee, wie wir es mit der Figur der Carmen [der leidenschaftlichen 'Zigeunerin' aus der Oper George Bizets, Anm. d. Red.] kennen. Aber es sind vor allem negative Zuschreibungen: der stehlende 'Zigeuner', die Hand lesende 'Zigeunerin'." Diese Vorstellungen hätten sich über die Zeit fortgesetzt. Die Bezeichnung "Zigeuner" finde sich bereits in Chroniken des Mittelalters: "Das Wort taucht zum Beispiel in der Chronik der Stadt Hildesheim auf." Es finde sich in vielen Dokumenten in unterschiedlichen Schreibweisen, wobei unklar sei, wer genau gemeint ist. Denn Sinti und Roma selbst hätten sich nie selbst als "Zigeuner" bezeichnet. Die meisten Angehörigen der Minderheit lehnen die Bezeichnung als diskriminierend ab.

"Auch Minderheiten haben ein Recht auf Differenzierung"

Sonja und Senta Birkenfelder (Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma)

Sonja und Senta Birkenfelder wurden im Mai 1940 mit ihrer Familie ins Getto Radom nach Polen deportiert

"Wie kann es sein, dass sich in einer aufgeklärten Gesellschaft die Tradition des 'Zigeunerklischees' bis heute fortsetzt?", fragt Silvio Peritore. Und es ist klar, dass er diese Frage nicht rhetorisch meint. Zwölf Millionen Roma und Sinti leben heute in Europa, und in vielen Ländern seien sie bis heute ausgegrenzt, auch in Ländern der Europäischen Union. "In Ländern wie Ungarn, Rumänien, Tschechien, in der Slowakei werden den Sinti und Roma elementare Menschenrechte vorenthalten. Sie haben keine gleichberechtigten Zugänge zu den Kernbereichen des Lebens: Beschäftigung, Gesundheitsversorgung, menschenwürdiges Wohnen." Sinti und Roma würden in vielen Ländern Mittel- und Südosteuropas pauschal diskreditiert, kriminalisiert und zum Feindbild stilisiert. Statt in Infrastrukturmaßnahmen, die das Leben der Sinti und Roma in ihren Heimatländern erleichtern sollen, versickerten EU-Gelder in dunklen Kanälen, mahnt Peritore.

Politik und Gesellschaft in Westeuropa spart Peritore mit seiner Kritik nicht aus: "Wenn wir hier in Deutschland von einem 'Romaproblem' hören, dann geht es um Menschen, die hierher kommen, weil sie eine sichere, ökonomische Existenz in Menschenwürde suchen. Das ist eine berechtigte Hoffnung." Doch auch hier würden sie als Sicherheitsrisiko betrachtet und pauschal kriminalisiert. Wie 2010 in Frankreich, als Präsident Sarkozy gegen französisches und EU-Recht verstieß und Sinti und Roma ausweisen ließ. Peritore prangert ebenso die deutsche Abschiebepraxis an, Roma und Sinti in den Kosovo zurückzuführen, obwohl sie dort mit Verfolgung rechnen müssen und sich hierzulande längst als Mitglieder der Gesellschaft etabliert hätten. Wo Roma und Sinti faire Chancen erhielten, gingen sie dieselben Wege wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft auch. "Das widerlegt vor allem die pauschalen Behauptungen derer, die etwas gegen Sinti und Roma haben, die sagen, es nützen alle Programme und Projekte nichts, weil ja ihre vermeintliche Kultur dagegen spricht. Damit straft man diese Behauptungen Lügen, weil man sieht, es geht, wenn die Menschen eine faire Chance bekommen."

Ein Denkmal gegen Ausgrenzung

In der Mitte der Gesellschaft: eine deutsche Sinti-Familie (Foto: DW)

In der Mitte der Gesellschaft: eine deutsche Sinti-Familie

Die Ausstellung über den Genozid an den Sinti und Roma zeigt unter anderem Fotos deutscher Sinti und Roma vor 1933. Es sind Szenen aus dem Familienleben, gutbürgerlich, fast schon spießig. Sie zeigen, dass die Menschen in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren. Vor Verfolgung und Ermordung hat es sie nicht gerettet.

"Meine Großeltern und ihre vier Kinder haben überlebt. Sie wurden mit 2500 deutschen Sinti und Roma im Mai 1940 in Gettos ins besetzte Polen gebracht", erzählt Peritore die Geschichte seiner Familie. Als gelernter Telegrafentechniker musste der Großvater Kommunikationsanlagen in Stand halten. Dadurch habe er Kontakt gehabt mit polnischen Partisanen. So konnte er mit Frau und Kindern aus dem Getto fliehen und bei polnischen Bauern untertauchen. Nach dem Krieg sei die Familie dann in die Heimat nach Karlsruhe zurückgekehrt. Die anderen Mitglieder der Familie seien 1943 in die Vernichtungslager geschickt und dort ermordet worden.

Erschießungen durch ein Wehrmachtskommando in Pancewo bei Belgrad (Foto: DW)

Erschießungen durch ein Wehrmachtskommando in Pancewo bei Belgrad

"Seriöse Wissenschaftler haben seit langem bewiesen, dass es einen zweiten Holocaust gab: Es waren die völlig identischen rassenpolitischen Motive, der identische Täterapparat, es waren dieselben Mordmethoden an denselben Orten, systematisch und effizient durchgeführt." Doch erst der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt habe diese Tatsache 1982 offiziell anerkannt. Nachdem der Beschluss gefasst war, wonach es keine gemeinsame Erinnerung an alle Opfer des Holocaust geben sollte, sagte der Deutsche Bundestag 1992 den Sinti und Roma ein eigenes Denkmal zu. Doch dann gab es einen erbitterten Streit: Regierung, Historiker und nicht zuletzt die Vertreter der Sinti und Roma selbst konnten sich nicht auf Details einigen.

Dem Zentralrat der Sinti und Roma geht es nicht allein um späte Anerkennung, sondern um Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft, um weitere Diskriminierung und Ausgrenzung zu verhindern. "Wenn man etwas lernen kann, dann vielleicht das. Aber vielleicht sind das zu große Ansprüche", sagt Silvio Peritore und in seiner Stimme schwingt die Traurigkeit hörbar mit.

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