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Politik

Haditha: "Die Schreckensbilder fehlen"

Der Medienwissenschaftler Horst Müller erklärt im Gespräch mit DW-WORLD.DE, warum das Massaker im irakischen Haditha anders als der Folterskandal von Abu Ghoreib nicht für weltweite Empörung sorgt.

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Trauer in Haditha: Diese Videobilder eines irakischen Journalisten sind das einzige Bilddokument

In Haditha haben amerikanische Soldaten offenbar wahllos Zivilisten ermordet. Außer in der linken "tageszeitung" hat es das Massaker aber nirgends zu einer Schlagzeile gebracht. Woran liegt das?

Zunächst einmal fehlt das Bildmaterial. Wir haben das in der Vergangenheit immer wieder bei ähnlichen Vorfällen erfahren. Über Abu Ghoreib hat man zum Beispiel erst relativ spät berichtet. Das lag nicht daran, dass man nicht davon wusste, sondern einfach daran, dass keine Bilder vorlagen. Der zweite Grund ist, dass mittlerweile in den Medien und in der Öffentlichkeit eine gewisse Irakmüdigkeit eingetreten ist. Die Irakberichterstattung ist ja insgesamt weiterhin sehr ausgeprägt, doch die Leute interessieren sich immer weniger dafür. Sie kennen die Gewalt, sie werden mit Gewalt regelrecht überfüttert. Und drittens lagen Informationen in diesem Fall auch erst relativ spät vor. Das Thema war ja auch bei dem Treffen zwischen George Bush und Tony Blair nicht auf der Tagesordnung, zumindest nicht öffentlich. Da hieß es, der größte Fehler der Koalition sei Abu Ghoreib gewesen.

In amerikanischen Zeitungen wurde ja relativ prominent über Haditha berichtet. Warum sind die deutschen Medien nicht darauf eingestiegen?

In Deutschland haben wir immer wieder das Phänomen der Leitmedienkultur. Solange kein Leitmedium darüber berichtet wird das Thema quasi totgeschwiegen. Ich komme noch mal auf Abu Ghoreib zurück: Damals wurde in Amerika prominent darüber berichtet, nämlich von CBS. Daraufhin schmiss der Spiegel seine Titelgeschichte um und machte am nächsten Montag mit Abu Ghoreib auf. Erst dann setzte die Berichterstattung in den deutschen Medien ein, also mit einer sehr großen Zeitverzögerung.

Das heißt, wenn die Geschichte weitergeht, könnte sie durchaus noch das Ausmaß von Abu Ghoreib bekommen?

Ich bin zwar der Meinung, dass solche Dinge prominent in die Öffentlichkeit müssen, aber ich befürchte dass es in diesem Fall keine breite Berichterstattung geben wird. Das Bildmaterial fehlt. Über Abu Ghoreib wurde erst in dem Moment so breit berichtet, in dem die großen Magazine mit diesen Bildern aufmachen konnten und das Fernsehen sie immer wieder zeigen konnte. Soweit mir bekannt ist, gibt es aus Haditha zwar Bildmaterial, das ein irakischer Reporter nach den Ereignissen gemacht hat, aber die Schreckensbilder fehlen.

Die "tageszeitung" hat das Massaker mit dem von My Lai in Vietnam verglichen, das damals die Wende in der öffentlichen Meinung eingeleitet hat. Ist das vor diesem Hintergrund ein voreiliger Vergleich?

Anders als damals während des Vietnam-Kriegs ist heute in den USA der Widerstand gegen den Irak-Einsatz groß. Damals hat My Lai die öffentliche Meinung stark beeinflusst. Dieser Vorfall jetzt kommt zu einem Zeitpunkt, an dem ein Großteil der Amerikaner ohnehin gegen diesen Einsatz im Irak ist. Insofern ist es nicht vergleichbar. Aber der Vorfall wird natürlich die Stimmung gegen den Irak-Krieg weiter festigen.

Außer einer Protestnote des irakischen Regierungschefs Al-Maliki sind ja auch in der arabischen Welt bisher Reaktionen ausgeblieben. Woran liegt das?

Das ist auch wieder das gleiche Phänomen. Damals wurde das arabische Publikum angeheizt durch die Bilder. Die liefen ja auf den arabischen Sendern regelrecht in einer Schleife. Ohne die Bilder fehlt einfach die Vorstellungskraft darüber, was da im Einzelnen passiert ist. Dazu kommt, dass in der arabischen Welt die Meinung verbreitet ist, die Amerikaner begingen im Irak laufend Verbrechen. Haditha wird dann als eins von vielen Verbrechen eingegliedert, die da begangen worden sind.

Horst Müller ist Professor für Redaktionspraxis an der Hochschule Mittweida und Autor des Buchs "Folter Frei - Abu Ghraib in den Medien", das aus einem Forschungsprojekt der Medienstudenten Mittweida hervorging.

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