1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

"Das ist schlimmer als Abu Ghoreib"

Es könnte das schlimmste Kriegsverbrechen von US-Soldaten im Irak sein: Im vergangenen Jahr sollen Angehörige der US-Armee 24 Zivilisten - darunter Kinder - in dem westirakischen Ort Haditha grundlos getötet haben.

default

Opfer des Massakers von Haditha

US-Präsident George W. Bush hatte noch am Donnerstag (25.5.20 06) die Misshandlungen und Demütigungen von Gefangenen in Abu Ghoreib als "schwersten Fehler" im Irakkrieg bezeichnet. Doch ausgerechnet am "Memorial Day", dem nationalen Gedenktag der Amerikaner für ihre in allen Kriegen gefallenen Soldaten, wurden Millionen US-Bürger erstmals mit einem neuen, bitteren Kapitel ihrer Kriegsgeschichte konfrontiert: Es geht um ein Massaker im Irak im November 2005 mit mindestens 24 Toten. Ausgerechnet als überall vor Denkmälern und auf Friedhöfen der amerikanischen Helden und Opfer gedacht wurde, verdichteten sich die Hinweise auf das schlimmste Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak. "Das ist schlimmer als Abu Ghoreib", sagte der demokratische US-Abgeordnete John Murtha.

Das Nachrichtenmagazin "Time" schreibt von der "Schande von Haditha". Menschenrechtsorganisationen wie "Human Rights Watch" sprechen laut dem US-Sender ABC bereits von einem "My Lai" im Irak. Bei dem Massaker von My Lai hatten US-Soldaten 1968 etwa 500 Zivilisten getötet. US-Generalstabschef Peter Pace betonte am Montag (28.5.2006), es werde noch ermittelt. Aber seine besorgte Miene ließ kaum Zweifel daran, dass das Pentagon das Schlimmste befürchtet. Es gebe keinen Zweifel, dass die Militärs versucht hätten, das Geschehene zu vertuschen, sagte Murtha.

Wer erschoss die Kinder?

Was geschah in Haditha genau, am Morgen des 19. November? Zeugenaussagen und Militärberichte beschreiben übereinstimmend einen blutigen Samstagmorgen in der westirakischen Hochburg der sunnitischen Aufständischen am Euphrat. Gegen 7.15 Uhr explodierte demnach bei einem Einsatz einer Einheit des 3. Bataillons des 1. Marineregiments, das als Eliteeinheit gilt, am Straßenrand ein Sprengsatz. Der 20-jährige US-Unteroffizier Miguel Terrazas aus El Paso wurde getötet, zwei weitere Soldaten verletzt. Daraufhin sollen die US-Marines das nächstgelegene Haus des 76-jährigen, schwerstbehinderten Abdul Hamid Hassan gestürmt haben. Die Soldaten hätten gnadenlos alle sieben Menschen im Haus - darunter ein vierjähriges Kind - erschossen.

Videoaufnahme von Massaker von Haditha, Irak

Massaker von Haditha

Im Nachbarhaus sei dann eine Familie mit sieben Kindern - das jüngste ein Jahr alt - getötet worden. Nachbarn berichteten US-Zeitungen zufolge von "markerschütternden Schreien aus dem Haus". Vier weitere Männer seien in einem anderen Haus erschossen worden, kurz darauf ein Taxifahrer und seine vier Fahrgäste.

Verschleierungstaktik

Nach dem Blutbad versuchten die Soldaten offensichtlich, das Geschehene zu vertuschen. Die Leichen von 24 Irakern lieferten die Marines in einem Krankenhaus ab. Sie hätten zunächst behauptet, die Iraker seien bei der Explosion eines Sprengsatzes gestorben. Später hätten sie zu Protokoll gegeben, die Zivilisten seien durch Schüsse Aufständischer getötet worden. Irakischen Zeugen sei es zu verdanken, dass die Darstellung nicht habe aufrechterhalten werden können.

"Unsere Truppen haben wegen der Belastung überreagiert und kaltblütig unschuldige Zivilisten getötet", sagte Murtha nach Gesprächen mit Militärermittlern wütend. "Ich werde keine Mörder entschuldigen", betonte der Vietnamveteran und Verteidigungsexperte des Repräsentantenhauses. Der republikanische Senator John Warner, Vorsitzender des Streitkräfte-Ausschusses im Senat, kündigte im US-Sender ABC eine Anhörung zu dem Fall an.

Nun müssen die US-Elitesoldaten mit einer Anklage wegen Mordes, Pflichtverletzung und Falschaussage rechnen - und möglicherweise mehrere Vorgesetzte bis hinauf zu den Generälen mit Anklagen wegen Vertuschung der Vorfälle. Den Angehörigen der Toten sind der "Washington Post" zufolge Entschädigungen in Höhe von 1500 bis 2500 Dollar für jedes Todesopfer bezahlt worden. (chr)

Die Redaktion empfiehlt